Sigmund Gottlieb (Archivbild) war von 1995 bis 2017 Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens

Sigmund Gottlieb (Archivbild) war von 1995 bis 2017 Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens

„Anti-israelischer Reflex in fast aller Berichterstattung“

Vergangene Woche hat Bundesinnenminister Seehofer den Verfassungsschutzbericht vorgestellt. Der ehemalige Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens, Sigmund Gottlieb, sieht im Israelnetz-Interview beim Thema Antisemitismus eklatante Versäumnisse in der Medienbranche.

Israelnetz: Das rechtsextreme Milieu ist im Vergleich zum Vorjahr um 3,8 Prozent auf nun 33.300 Menschen gewachsen. „Rechtsextremismus und Antisemitismus sind nach wie vor die größte Bedrohung in Deutschland“, sagt Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Wie konnte das passieren, Herr Gottlieb?

Sigmund Gottlieb: Darauf habe ich auch noch keine schlüssige Antwort. Nur eines kann man sagen: Diese rechtsextremistische Gefahr in Deutschland ist über viele, viele Jahre hinweg massiv unterschätzt worden. Von der Politik, von den Sicherheitsdiensten, auch von den Medien. Man hat sich etwas entwickeln lassen, was jetzt eine extrem große Gefahr geworden ist – für alle Minderheiten übrigens, in besonderer Weise aber für die jüdische. Was mich auch außerordentlich beunruhigt, ist die hohe Gewaltbereitschaft dieser Leute.

Eines ist zu erkennen: Es gibt einen Zusammenhang zwischen einer politischen Grundstimmung, die von ganz rechtsaußen formuliert wird, und dem Erstarken des Rechtsextremismus. Was auf den politischen Podien als Thema zugelassen oder sogar aktiv artikuliert wird, findet dann auf der Straße oder im Internet seinen Widerhall. Das ist eine außerordentlich gefährliche Entwicklung. Ich bin entschieden der Meinung, dass der Rechtsextremismus im Augenblick auch die größte Gefahr für die jüdische Minderheit in Deutschland darstellt.

Im Zuge der Demos gegen die Corona-Maßnahmen ist es zu Allianzen zwischen Querdenkern, Rechten und Reichsbürgern gekommen. Es gab relativierende Vergleiche mit dem Holocaust, gelbe Sterne wurden von den Demonstranten getragen. Wie kam es zu der unheiligen Allianz?

Auch da muss ich eine plausible Antwort schuldig bleiben. Dass die Demonstranten, die das mit ihren Argumenten und der Unzufriedenheit über die Corona-Maßnahmen gerechtfertigt haben, stillschweigend – als wäre es eine Selbstverständlichkeit – die Gemeinschaft mit entweder Rechtsextremen, mit AfD-Leuten, mit Linksextremen, Reichsbürgern und Verschwörungstheoretikern aller Art hingenommen haben, ist erschreckend. Sie standen neben Plakaten, die im Grunde die Vernichtung der jüdischen Bürgerinnen und Bürger vor 70 Jahren zum Inhalt hatten. In den Medien ist das Thema zwar entsprechend nachrichtlich transportiert worden. Es wurde aber nicht in ausreichender Weise eingeordnet. Da hätte man noch differenzierter erklären können, noch mehr zeigen können. Das ist nicht geschehen. Das halte ich für ein Versäumnis der Medienangebote.

In Ihrem aktuellen Buch „Stoppt den Judenhass“ gehen Sie – der Sie selber Journalist und in leitender Funktion tätig waren – beim Thema Antisemitismus auch mit den Medien ins Gericht. Was missfällt Ihnen?

Wir befassen uns mit dem Thema Antisemitismus immer dann, wenn es dafür einen Anlass gibt. Das ist klar, das ist die aktuelle Pflicht. Darüber hinaus müsste aber in den Medien noch mehr jenseits der aktuellen Anlässe transportiert werden. Laut einer Umfrage von CNN haben 40 Prozent der 14- bis 34-jährigen Deutschen keine Ahnung, was Holocaust und Judenverfolgung bedeuten. Das ist ein Versäumnis der Elternhäuser. Es ist aber auch ein Versäumnis der Medien, die dafür eine Wissensbereitschaft herstellen müssten. Der gute Wille, das Thema Antisemitismus angemessen zu behandeln, ist bei der Mehrzahl der Journalisten vorhanden. Nur der gute Wille allein macht es eben noch nicht.

Und wie bewerten Sie die Berichterstattung über Israel?

Seit Jahrzehnten stelle ich fest, dass es einen anti-israelischen Reflex in fast aller Berichterstattung gibt. Obwohl es in diesem kleinen Land so viele Journalisten gibt wie in keinem anderen Land dieser Welt, ist die Differenziertheit der Berichterstattung absolut unterentwickelt und gering. Sie steht unisono unter der Überschrift: „Was die Nazis den Juden angetan haben, das tun die Israelis den Palästinensern an.“ Das ist jetzt wohlgemerkt zugespitzt, aber es trifft die Richtung. Viele kleine Rinnsale der Formulierungen führen dorthin. Da wünsche ich mir deutlich mehr Differenzierung. Das gilt im Grunde für Medien in ganz Europa, da ist die Realität kein bisschen anders.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Kritik an Israel oder seiner Politik legitim ist. Doch mitunter artet sie in Antisemitismus aus. Wo ziehen Sie hier die Grenze?

Für einen deutschen Journalisten ist die Grenze anderswo zu ziehen als für einen Journalisten eines anderen Landes dieser Welt. Mit Blick auf unsere Vergangenheit und auch mit Blick auf alle Kriterien der Objektivität in der Berichterstattung und alle Notwendigkeiten der Kritik an Israel müssen wir hier einfach mehr Sensibilität entwickeln. Das schließt ein, dass wir an Israels Regierungspolitik angemessen Kritik üben. Ob es nun Siedlungspolitik ist, ob es die Regierung Netanjahu und ihr Regierungsstil ist. Aber ich muss gleichzeitig als deutscher Journalist eine andere Grenze haben für das, was ich formuliere und was ich lasse.

Sie schreiben: „Es ist an der Zeit, dass Medienleute ihre Fragen zum Themendreieck Juden, Antisemitismus und Israel mit mehr Wissen ausstatten.“ Wie kann das aus Ihrer Sicht gelingen?

Das muss in der Ausbildung beginnen, Gegenstand in den Volontärskursen sein. Wie sollen es die Jungen denn auch anders wissen? Man schreibt ja in keinem Beruf so sehr voneinander ab wie im Journalismus. Als Journalist fühlt man sich offensichtlich häufig nur in der Herde der gemeinsamen Meinung wohl. Es bedarf schon einigen Mutes und hohen Einsatzes, da einen eigenen Weg zu gehen. Aber das muss man – gerade wenn es um die Berichterstattung aus Israel geht. Doch das das dauert seine Zeit.

Sie verheimlichen in Ihrem Buch nicht, dass Antisemitismus auch mit Migranten nach Deutschland kommt. Wie sollte dem aus Ihrer Sicht begegnet werden?

Viele dieser jungen Menschen haben nichts anderes gelernt, als gegen Juden zu sein und den Juden als etwas Böses zu betrachten. Das haben sie von der Wiege an gelernt und mit dieser Einstellung bewegen sie sich in europäischen Ländern und in Deutschland. Da muss man klarmachen, dass das keine Basis ist für ein Zusammenleben mit Andersgläubigen. Das andere ist, dass wir beim Thema Antisemitismus auch offen ansprechen müssen, wenn er – trotz der Dominanz des Rechtsextremen – auch von Migranten kommt. Wir tun uns schwer, das offen zu sagen. Sowohl im Journalismus, oft bei der Polizei, in der Politik sowieso. Dieses Thema wird totgeschwiegen. Man kann an ganz konkreten Beispielen festmachen, dass solche Fälle sprachlich neutralisiert werden. Es gehört zur umfassenden Berichterstattung, dass auch diese Urheber entsprechend zu identifizieren sind. Wie alles, was nicht ausgesprochen wird, was tabuisiert wird, führt das sehr schnell zu unguten Gefühlen in Teilen der Bevölkerung.

Der CDU-Innenpolitiker Mathias Middelberg hat unlängst darüber nachgedacht, dass Zuwanderer den deutschen Pass nicht bekommen sollen, wenn sie antisemitisch gehandelt haben. Was halten Sie von dem Vorschlag?

Das halte ich für Unsinn. Das zeigt nur einen Teil der Wirklichkeit. Was will er denn dann tun, wenn zum Beispiel von deutschen Rechtsextremen die entsprechenden Taten aktenkundig werden? Will er denen den Pass entziehen, oder sie des Landes verweisen? Hier sollen Migranten und deutsche Täter offensichtlich unterschiedlich behandelt werden. Das geht nicht, das ist nicht durchdacht.

Sie prangern in Ihrem Buch die Gleichgültigkeit gegenüber dem Antisemitismus an. In welcher Verpflichtung sehen Sie die beiden großen Kirchen, dieser Gleichgültigkeit zu wehren?

Beide Kirchen haben das auch mit Blick auf ihre geschichtliche Verantwortung gegenüber dem Judentum in besonderer Weise zu leisten. Sie könnten auch als „Vermittler“ zwischen jüdischen und islamischen Gesprächspartnern fungieren. Bischof Wolfgang Huber, der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende, hat es mal in einem „Zeit“-Interview auf den Punkt gebracht: Wir können nicht die Verteidigung der Würde unserer Mitmenschen, der Minderheiten, die bei uns leben, nur auf den Staat schieben. Das ist die Aufgabe eines jeden Einzelnen von uns. Also auch eines jeden Kirchenmitglieds, das seine Religionszugehörigkeit ernst nimmt. Die beiden Kirchen haben hier eine außerordentlich hohe Verantwortung, der sie, wie ich finde, bis heute nicht in ausreichendem Maße nachgekommen sind.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass der Antisemitismus nicht erst kürzlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, sondern schon immer dort war. Wie meinen Sie das?

Der Antisemitismus war immer da. Der ist auch nach Kriegsende, nach dem Holocaust, in der Aufarbeitung nicht bewältigt worden – trotz aller Bemühungen, trotz auch herausragender Teilerfolge. Er ist immer dageblieben. Er hat sich dann über Jahre versteckt. Über Jahre ist auch die Schamgrenze gewachsen, jenseits der man etwas sagt oder lieber schweigt.

Jetzt hat der Antisemitismus möglicherweise durch gesellschaftliche Entwicklungen, auch durch gesellschaftliche Zuspitzungen – die Zahl der Verlierer ist größer geworden – in den vergangenen Jahren wieder Auftrieb bekommen. Formulierungen wie die, dass etwa der französische Präsident Emmanuel Macron der Freund der Rothschilds sei, werden auch von vielen Akademikern gutgeheißen, seien es nun Lehrer, Professoren, Ärzte, Rechtsanwälte. Diese roten Linien, die über Jahre hinweg zwar manchmal überschritten wurden, aber nicht so offensiv, weil es doch tabuisiert war, die verschieben sich jetzt. Es bedarf gar nicht mehr großen Mutes eines Antisemiten, Entsprechendes zu sagen. Das Gesagte bleibt im Grunde ungesühnt und ungeahndet und sogar begleitet mit stiller Genugtuung und schlimmstenfalls Beifallsbekundungen. Das hat sich in dramatischer Weise ausgedehnt.

In Ihrem Buch identifizieren Sie die Sozialen Medien als einen Hort des Antisemitismus. In Chats und WhatsApp-Gruppen tummeln sich Rechtsextremisten und Antisemiten. Wie sollte dem aus Ihrer Sicht begegnet werden?

Diejenigen, die dagegen etwas ausrichten sollen und müssen, qua Amt, qua politischer Verantwortung, müssen erst einmal auf den technischen Stand dieser Medien gebracht werden. Von unseren Politikern ganz zu schweigen, von denen verlange ich es nicht. Aber unsere Sicherheitsdienste, die sich von ihrer Profession her darum kümmern müssten, sind bei weitem nicht ausreichend dafür ausgebildet, das zu tun. Da muss man die entsprechenden klugen Köpfe herauskaufen aus der Netzwelt und sie gezielt für solche Aufgaben einsetzen.

Das andere ist, wieder die Aufmerksamkeit der Eltern auf das Thema zu lenken. Was tun die Kids da? Wo bewegen die sich? Es gibt antisemitische Angebote, die für einen 16-Jährigen ziemlich leicht zugänglich sind. Auch in den Schulen geschieht viel zu wenig. Dieses Thema wird dort zwar behandelt, aber nicht so, wie es die Entwicklung in den vorigen Jahren erforderlich machen würde. Da sind Lehrer häufig überfordert. Es müssen andere Angebote her. Wir haben jetzt in den vergangenen Monaten einem Virus – einem physischen Virus – sehr viel an finanziellen Mitteln entgegengesetzt. Dann müsste das auch bei diesem Virus Antisemitismus möglich sein.

Vielen Dank für das Gespräch!

Sigmund Gottlieb: „Stoppt den Judenhass!“, Hirzel, 96 Seiten, 15 Euro, ISBN ‎9783777628431

Die Fragen stellte Norbert Schäfer