Für die politische und militärische Führung Israels ist klar, dass die Hamas einstecken musste. Lokalpolitiker aus der Gegend um den Gazastreifen sehen das anders.

Für die politische und militärische Führung Israels ist klar, dass die Hamas einstecken musste. Lokalpolitiker aus der Gegend um den Gazastreifen sehen das anders.

Waffenstillstand hält vorerst

Seit Donnerstagnacht herrscht Waffenstillstand zwischen den Terrorgruppen im Gazastreifen und Israel. Der Kampf um die Deutungshoheit des Ausgangs fängt erst an.

JERUSALEM / GAZA (inn) – Nach elf Tagen mit Raketenfeuer aus dem Gazastreifen und israelischen Gegenangriffen hält seit 2 Uhr nachts ein Waffenstillstand. Ägypten und Katar haben ihn vermittelt. Er hat keine Bedingungen. Die israelische Armee gab am Freitagmorgen bekannt, dass Bewegungseinschränkungen im gesamten Land ab Mittag aufgehoben sind, Schulen öffnen wieder am Sonntag. Die Armee öffnete auch die Grenzübergänge zum Gazastreifen für Hilfslieferungen.

Israel hatte die Hamas in den Stunden vor dem offiziellen Beginn des Waffenstillstands davor gewarnt, noch einen letzten großen Raketenangriff zu starten. In diesem Fall würde die Armee zurückschlagen. Nach Militärangaben beließ die Luftwaffe Kampfjets und andere Flugeinheiten in der Luft, um die Vereinbarung zu überwachen.

Netanjahu: Hamas wurde überrascht

Der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu (Likud) erklärte am Freitag, die Terror-Organisation Hamas habe mehr Schläge einstecken müssen, als sie vorher geahnt habe. Dies gelte insbesondere für die Zerstörung von Teilen des Tunnelsystems, das für Hamas-Terroristen zur „Todesfalle“ geworden sei. Die Hamas werde in Zukunft vorsichtiger sein, wenn es um Angriffe auf Israel geht.

Nach Einschätzung von Verteidigungsminister Benny Gantz (Blau-Weiß) und Armeechef Aviv Kochavi ist die Hamas „überrascht“ gewesen von der „Intensität“ der israelischen Gegenschläge. Für den Chef des Inlandsgeheimdienstes Schabak, Nadav Argaman, könnte das Ergebnis der Operation die Wirklichkeit des Konfliktes ändern, „je nachdem was von nun an passiert“.

Bürgermeister enttäuscht

Lokalpolitiker aus dem Süden äußerten hingegen Kritik an dem vereinbarten Waffenstillstand. Der Bürgermeister von Sderot, Alon Davidi, sagte, es gebe dafür keinen Grund. „Der Premierminister und die Regierung hatten unsere Unterstützung, es gab Erfolge, aber das ändert nicht die Machtbalance. Es scheint, dass niemand die Hamas besiegen will.“

Ähnlich hält es auch der Bürgermeister der Küstenstadt Aschkelon, Tomer Glam: „Wir hätten uns eine Auslöschung der Hamas gewünscht, aber wir wissen, dass das nicht passieren wird.“ Jetzt komme es erstmal darauf an, dass Aschkelon Regierungshilfen erhält und vorhandene Sicherheitsmängel behoben werden.

Hoffnung auf Leichenrückführung zerschlagen

Kritik übten auch Menschen, die sich erhofft hatten, im Zuge des Konfliktes die sterblichen Überreste der gefallenen Soldaten Hadar Goldin und Oron Schaul zurückzuerlangen. Sie sprachen von einem „Momentum“, das aufgrund der neuen Konfliktrunde bestanden habe. Die Hamas hält die Leichen seit dem Gaza-Konflikt von 2014 zurück. Die Schwester von Goldin, Ajelet Kaufman, sagte im Armeeradio über die Regierung: „Sie haben nicht mit uns geredet, sie sagten nicht einmal, dass sie es probiert haben. Ich habe das Gefühl, dass wir verloren haben.“

Die Gewerkschaft bei der Israelischen Elektritätsgesellschaft (IEC) erklärte sogar, zerstörte Stromleitungen, die nach Gaza führen, nicht zu reparieren, bis die Leichen zurück in Israel sind. Der Parteichef von „Israel Beiteinu“, Avidgor Lieberman, begrüßte diese Haltung. Doch die IEC erklärte, als Einrichtung der Regierung müsse sie deren Vorgaben befolgen.

Siegesfeiern bei Palästinensern

Die Palästinenser im Gazastreifen und im Westjordanland sowie Araber in Israel feierten den Waffenstillstand indes als Sieg. Der Chef der Terror-Organisation Hamas, Chaled Masch'al, erklärte bereits am Donnerstag, der Grund sei gelegt für „die Befreiung Palästinas und die Rückkehr zur Al-Aqsa-Moschee“. Masch'al lebt derzeit in Katar. Im dort ansässigen Sender „Al-Dschasira“ rief er die Palästinenser im Westjordanland zu einer Intifada auf und verlangte, dass die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) die Sicherheitskooperation mit Israel beendet.

Im Gazastreifen gingen zahlreiche Menschen noch in der Nacht jubelnd auf die Straßen. Auch auf dem Jerusalemer Tempelberg kam es zu Siegesfeiern mit Feuerwerkskörpern und den Rufen „Allahu akbar“ (Allah ist am größten). Die Jerusalemer Polizei hat ihre Einsatzkräfte insbesondere in Ostjerusalem wegen befürchteter Aufstände verstärkt. In der israelischen Stadt Umm el-Fahm bildeten Araber einen Autokorso, hupten und schwenkten palästinensische Flaggen.

Nach Beginn der Waffenruhe kam es vereinzelt zu Gewalt. Im Jerusalemer Stadtteil Chanina wurde das Auto eines jüdischen Fahrers am frühen Morgen mit Steinen beworfen, wie die Rundfunkanstalt „Kan“ berichtet. Der Fahrer sagte, man sei ihm auch ins Heck gefahren. Die Polizei nahm einen Verdächtigen fest. Bei Nablus kam es zu Zusammenstößen zwischen Palästinensern und Sicherheitskräften.

Ruf nach Verhandlungen

Ausländische Politiker und internationale Organisationen begrüßten den Waffenstillstand. Der deutsche Außenminister Heiko Maas dankte Ägypten für die Vermittlung. Der SPD-Politiker hatte sich am Donnerstag vor Ort ein Bild von der Lage gemacht und dabei israelische Politiker getroffen. Bei einem Gespräch mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas (Fatah) bekräftigte er die deutsche Unterstützung für Palästinenser durch das UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA): „Wir sind mittlerweile der größte Geber der UNRWA und werden auch in Zukunft an dieser Unterstützung festhalten.“

UN-Generalsekretär António Guterres sprach „allen Opfern der Gewalt“ sein Beileid aus. Er forderte die Einhaltung der Waffenruhe und kündigte an, ein „robustes Paket zur Unterstützung eines raschen, nachhaltigen Wiederaufbaus zu beginnen, der das palästinensische Volk unterstützt und seine Institutionen stärkt“.

4.300 Raketen auf Israel

In den elf Tagen des Konflikts haben Terroristen aus dem Gazastreifen rund 4.300 Raketen auf Israel abgefeuert, also im Schnitt etwa 390 pro Tag. Nach Armeeangaben fing das Abwehrsystem „Eisenkuppel“ 90 Prozent der Geschosse ab. Auf Seiten Israels wurden zwölf Menschen getötet, darunter zwei Soldaten und drei Gastarbeiter. 350 Menschen wurden verletzt.

Die von der Hamas geführte Gesundheitsbehörde gab die Zahl der Todesopfer im Gazastreifen mit 232 an, darunter 66 Minderjährige. 1.600 Menschen seien verletzt worden. Wie belastbar diese Zahlen sind, ist unklar. Die israelische Armee erklärte, sie habe im Verlauf der Kämpfe 225 Terroristen getötet.

Von: df