Nach der Tragödie waren auch Einheiten des Rettungsdienstes ZAKA im Einsatz

Nach der Tragödie waren auch Einheiten des Rettungsdienstes ZAKA im Einsatz

Die Suche nach der Verantwortung

Nach der Tragik kommen die Fragen: Warum ließen die Behörden die Zusammenkunft auf dem Berg Meron trotz Warnungen zu? Eine Untersuchung gestaltet sich jedoch schwierig.

JERUSALEM (inn) – Bei dem Unglück am Lag-BaOmer-Fest auf dem Berg Meron im Norden Israels hat es 45 Tote gegeben. In einem engen rutschigen Ausgang stürzten einige und wurden dann von den nachfolgenden Massen zu Tode getrampelt. Seit Freitag halten israelische Medien nun Gesprächsrunden mit Augenzeugen, Überlebenden, Polizeibeamten, Politikern und Experten ab. Im Zentrum steht die Frage, wer hier die Verantwortung trägt.

Bisher hat nur ein hoher Polizeibeamter vom Norden Israels erklärt, dass er die Verantwortung übernehme, „im Guten wie im Schlechten“. Andere Polizeisprecher beeilten sich, ihn zurückzuweisen: Er sei gar nicht befugt, Verantwortung zu übernehmen. Später erklärte der Beamte, dass er das nur getan habe, um sich vor jene Polizisten zustellen, die während und nach dem Unglück von den Ultra-Orthodoxen bespuckt und als „Nazis“ beschimpft worden seien.

Hürden für Untersuchungen

Einige, die sich im Nachgang zu Wort meldeten, forderten die Einberufung einer richterlichen Untersuchungskommission wie nach den Kriegen von 1973 und 1982. Dazu wäre nur die Regierung befugt. Doch zur Zeit gibt es nur eine Übergangsregierung unter Benjamin Netanjahu (Likud). Die Knesset, das israelische Parlament, könnte eine parlamentarische Untersuchungskommission einberufen. Doch dafür müsste es einen entsprechenden Rechtsausschuss geben, der seit den letzten Wahlen noch nicht eingerichtet worden ist.

Am Montag war es dann Staatsprüfer Matanjahu Englman, der eine Untersuchung ankündigte. Diese soll am Dienstag mit einem Besuch vor Ort beginnen. Dabei werde es auch um „persönliche Verantwortungen“ gehen, erklärte Englman laut der Zeitung „Ha'aretz“ bei einer Pressekonferenz.

In den Diskussionen stellte sich heraus, dass die baulichen Mängel auf dem Berg Meron schon seit Jahren bekannt sind. Staatsaufseher hatten das Problem in ihren Berichten 2008 und 2011 angesprochen. Ein Polizeibericht aus dem Jahr 2016 kam zu dem Fazit, die Zustände an der Stätte könnten zu einer Katastrophe führen. Mangels Notausgängen und wegen mehrerer baufälliger Gebäude dürften sich auf dem relativ kleinen Gelände nur ein paar Tausend Menschen einfinden. Doch in diesem Jahr kamen Schätzungen zufolge etwa 100.000.

Übermächtige Religionsgruppen

Über die Jahre wagte keine Regierung, einen Finger zu rühren und dringend notwendige Reparaturen auszuführen. Ein Problem ist, dass der Berg von „Machern“ kontrolliert wird, also ultra-orthodoxe Gruppierungen der untereinander verfeindeten Rabbinerhöfe. Die akzeptieren nicht den Staat Israel und seine offiziellen Institutionen. Sie wollen ihre „Bereiche“ auf dem Berg behalten, wo sie viel Geld verdienen mit dem Verkauf von Andenken, heiligem Wasser und anderen Kinkerlitzchen an die Pilger während des Lag-BaOmer-Festes. Auch die Polizei wird nicht geduldet, wenn deren Experten kommen und den Berg aus „Sicherheitsgründen“ teilweise oder ganz für die Pilger sperren wollen.

Hinzu kommt, dass es in Israel ein Gesetz gibt, wonach die Regierung religiöse Feste nicht verbieten darf. So ergibt sich, dass das schlimmste zivile Unglück seit der Staatsgründung 1948 von niemandem richtig untersucht werden kann. Mögliche Verantwortliche werden damit wohl straffrei davonkommen.

Bei einer nüchternen Betrachtung des Geschehens liegt der Schluss nahe, dass vor allem die Rabbiner Verantwortung tragen, da sie ohne Rücksicht auf die herrschenden Zustände auf dem Berg ihre Gläubigen auffordern, in Massen zu dem Fest zu pilgern.

Die Toten wurden erst einmal in das pathologische Institut Abu Kabir bei Tel Aviv gebracht, wo sie identifiziert werden mussten. Da es sich überwiegend um Kinder handelte, führten sie keine Ausweispapiere bei sich.

Missgeschicke durch Eile

Weil sich die Tragödie in der Nacht zum Freitag zutrug, ergaben sich bald die nächsten Probleme. Familien vermisster Kinder kamen zum pathologischen Institut und forderten die sofortige Herausgabe der Leichen. Es ist Sitte, dass Tote noch am gleichen Tag und vor dem Schabbat begraben werden. Wegen der Eile wurden die Leichen von zwei Kindern verwechselt, was die Angehörigen aber erst während des Begräbnisses bemerkten.

Zudem hatte das Oberrabbinat das Institut aufgefordert, die Untersuchungen an den Leichen bis zum Schabbat-Ende auszusetzen, um die Leichen der Ultra-Orthodoxen nicht zu entweihen. Wieder standen die angereisten Familien mit den ultrafrommen Angehörigen vor einem Dilemma. Sie mussten eine Herberge suchen und mit dem Begräbnis bis Sonntag warten.

Der israelische Außenminister Gabi Aschkenasi (Blau-Weiß) bedankte sich indes für die Kondolenznachrichten aus dem Ausland. Unter anderen bekundeten Bahrain, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Russland ihr Beileid. Der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) Mahmud Abbas (Fatah) wandte sich ebenfalls mit einem Kondolenzschreiben an den israelischen Präsidenten Reuven Rivlin. Laut Außenministerium verliehen auch viele Menschen aus den arabischen Ländern über die Sozialen Medien ihrer Trauer Ausdruck.

Von: Ulrich W. Sahm / df