Beschuldigt den neuen israelischen Sicherheitsminister: der Abgeordnete Ahmad Tibi (Archivbild)

Beschuldigt den neuen israelischen Sicherheitsminister: der Abgeordnete Ahmad Tibi (Archivbild)

„Tödliche Schüsse auf Palästinenser zeigen Rassismus bei Polizei“

In der Jerusalemer Altstadt erschießen Soldaten einen verdächtigen Palästinenser. Dieser entpuppt sich jedoch als unbewaffnet und geistig behindert. Ein arabischer Knessetabgeordneter wirft der Polizei Rassismus vor.

JERUSALEM (inn) – Nach dem Tod eines Palästinensers bei einem Polizeieinsatz in der Jerusalemer Altstadt schlagen die Wogen hoch. Der Knessetabgeordnete Ahmad Tibi machte am Montag einen „tief verwurzelten Rassismus“ bei der israelischen Polizei für den Vorfall verantwortlich. Er ist einer der Vorsitzenden des arabischen Bündnisses „Vereinigte Liste“.

Am Samstag hatten Polizisten in der Nähe des Löwentores das Feuer auf den Palästinenser eröffnet. Nach ihrer Darstellung trug er einen verdächtigen Gegenstand bei sich, den sie für eine Schusswaffe hielten. Als sie ihn zum Stehenbleiben aufforderten, floh er in einen Abstellraum für Mülleimer. Beamte schossen auf ihn und verwundeten ihn tödlich.

Anschließend stellte sich heraus, dass der Getötete autistisch veranlagt war. Es handelt sich um den 32 Jahre alten Ijad al-Halaq. Er war unbewaffnet. Seine Betreuerin, die ihn begleitete, sagt, sie habe den Polizisten erzählt, dass er behindert sei und sie nicht verstehe. Doch das hätten die Beamten ignoriert.

Al-Halaq befand sich auf dem Weg zu einer Fördereinrichtung in der Altstadt, als er mit den Polizisten zusammenstieß. Sein Vater Cheiri Hajak vermutet, dass der Gegenstand das Mobiltelefon seines Sohnes war: „Wir sagen ihm jeden Morgen, er soll sein Telefon in der Hand behalten, damit wir in Kontakt mit ihm treten und sicherstellen können, dass er sicher in der Bildungseinrichtung angelangt ist“, erzählte er der israelischen Rundfunkanstalt „Kan“. Die Familie äußerte am Montag, sie glaube nicht, dass Israel die Polizisten belangen werde – schließlich sei ihr Opfer palästinensisch.

Racheparolen bei Trauermarsch

An Al-Halaqs Beerdigung nahmen am Sonntagabend Hunderte Araber teil. Sie marschierten durch Ostjerusalem und skandierten Racheslogans wie „Chaibar, Chaibar, Juden, Mohammeds Armee kehrt zurück“ oder „Auf die Straßen, Revolutionäre“. Damit bezogen sie sich auf einen Vorfall aus dem 7. Jahrhundert: Damals hatten Muslime unter Führung der Propheten Mohammed Juden aus der Stadt Chaibar im heutigen Saudi-Arabien vertrieben und viele massakriert.

Bereits vor der Beerdigung hatte es in Jerusalem und Tel Aviv Proteste gegen israelische Polizeigewalt gegeben. Manche Transparente stellten einen Bezug zu dem schwarzen Amerikaner George Floyd her. Dieser starb, als in Minneapolis in den USA ein Polizist auf ihm kniete, bis ihm die Luft ausging.

Die beteiligten Polizisten gaben widersprüchliche Berichte über die Vorgänge beim Löwentor ab. Der Kommandeur sagte, er habe einen Untergebenen aufgefordert, das Feuer einzustellen. Das habe dieser nicht befolgt. Der Polizist dementiert die Darstellung.

US-Botschafter und israelische Politiker bekunden Bedauern

Der Botschafter der USA in Jerusalem, David Friedman, äußerte am Dienstag sein Bedauern über den Vorfall: „Wir sind alle betrübt über den Tod von Ijad al-Halaq an diesem Wochenende“, schrieb er auf Twitter. „Wir bekunden seiner Familie und denjenigen, die diesen tragischen Verlust betrauern, unser tiefstes Mitgefühl.“

Auch der israelische Verteidigungsminister Benny Gantz bekundete bereits am Sonntag sein Bedauern und kondolierte den Angehörigen. Dem schloss sich der Minister für öffentliche Sicherheit, Amir Ochana, an.

Der Abgeordnete Tibi wiederum wirft Ochana vor, durch eine Äußerung möglicherweise das Feuer angefacht zu haben. Denn er habe Polizeibeamten gesagt, dass das Blut eines jeden, der ihre Sicherheit bedrohe, über ihn komme. „Wenn man so leicht auf eine hilflose Person schießt, gibt es einen Grund“, deutete der arabische Politiker laut der Zeitung „Yediot Aharonot“ an. Al-Halaq „hat nicht einen Polizisten angegriffen, er wurde von ihm angegriffen“.

Von: eh