Zwar fielen die geplanten Feierlichkeiten aus, aber die Teilnehmer des Online-Seminars würdigten Theodor Herzls Vermächtnis

Zwar fielen die geplanten Feierlichkeiten aus, aber die Teilnehmer des Online-Seminars würdigten Theodor Herzls Vermächtnis

„Happy Birthday, Herzl!“

Der jüdische Journalist und Visionär Thedor Herzl wurde vor 160 Jahren am 2. Mai geboren. Bei einer Geburtstagsfeier für ihn machen den Großteil der Gäste Israelis und Amerikaner aus. Weil das Seminar online abläuft, kann sogar ein Teilnehmer aus Saudi-Arabien dabei sein.

WASHINGTON / JERUSALEM (inn) – Wegen Corona-Krise und Regierungsbildung hat der 160. Geburtstag des Gründers der Zionismus-Bewegung, Theodor Herzl, in Israel nicht die Aufmerksamkeit erfahren, die ihm zu anderen Zeiten zuteil geworden wäre. Doch die „Amerika-Israel-Freundschaftsliga“ (AIFL) lud zu Beginn der Woche zu einem einstündigen Online-Seminar „für seine Errungenschaften und sein Vermächtnis“. Herzls Einfluss ist bis heute weit über Israel und das jüdische Volk hinaus zu spüren, wurde in dem Webinar deutlich.

Gol Kalev, Leiter der Denkfabrik der AIFL, war Hauptsprecher des Online-Seminars. „Wahrscheinlich wäre Herzl nicht überrascht gewesen, von den Anschuldigungen zu hören, dass die Juden und Israel schuld an dem Coronavirus seien. Schon früh hatte er verstanden, dass der Judenhass ein Problem ist, von dem sich Juden niemals befreien könnten.“ Seit Jahren beschäftigt sich der Israeli-Amerikaner mit der Person des Pioniers und schreibt immer wieder über die Verbindung zwischen Judentum und Zionismus. Kalev ist überzeugt: „Herzl wusste, dass auch die Existenz eines jüdischen Staates den Judenhass nicht beenden würde.“

Ehemalige Abgeordnete: Juden in Israel und Diaspora gehören zusammen

„Leider konnten wir in diesem Jahr keine große Feier veranstalten“, sagte Alisa Lavie als zweite Hauptsprecherin, „aber dafür konnten wir sein Fest zu jedem Interessierten nach Hause bringen.“ Lavie ist ehemalige Knessetabgeordnete (Jesch Atid) und leitet heute das Herzl-Museum auf dem Jerusalemer Herzl-Berg. Sie machte deutlich, dass trotz aller Unterschiedlichkeiten Israel allen Juden Heimat bieten sollte. Das sei eine große Herausforderung und oft nicht leicht. Sie verwies auf die innenpolitischen Spannungen und die seit anderthalb Jahren andauernde Regierungskrise. „Doch der Einsatz lohnt sich. Uns Juden in Israel sind die Juden außerhalb Israels wichtig. Herzl sprach und schrieb acht Sprachen. Hebräisch war keine davon. Auch heute lebt mehr als die Hälfte der Juden nicht in Israel. Aber wir alle sind Teil eines Volkes. Die Juden außerhalb Israels sind uns wichtig.“

„Herzls Ideen zum Zionismus und dem Status der Juden sind heute genauso relevant wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts“, sagte Lavie. „In seinen Büchern, Tagebüchern, Theaterstücken und anderen Texten finden wir viele Antworten auf unsere heutigen Probleme.“ Sie lud alle Zuschauer ein, bei ihrer nächsten Israelreise das Museum des großen Pioniers zu besuchen und von ihm zu lernen.

In einem Videoeinspieler sagte Staatspräsident Reuven Rivlin: „Herzl war ein mutiger Denker. Er hat uns gelehrt, dass nichts unmöglich ist. Mit Willen lässt sich sogar die Wüste in eine blühende Landschaft verwandeln. Herzl träumte von einem Staat, der demokratisch und jüdisch war. Und so sehen wir es heute: Wir sind eine Nation, die aus vielen Menschen besteht. Wir haben kein anderes Land und kein anderes Volk. Happy-Herzl-Day!“

Glückwunsch aus Saudi-Arabien

Der AIFL-Vorsitzende Wayne Firestone moderierte die Sendung. Er gab Grüße aus Saudi-Arabien weiter: „Hussein schreibt uns: ‚Jom Holedet sameach, Herzl (Herzlichen Glückwunsch). Wie würde Herzl heute den Antisemitismus im Nahen Osten bekämpfen? Was können wir von Herzl lernen?‘.“

Für Kalev war die Antwort klar: „Herzl verstand, dass der jüdische Staat nicht aus Mitleid gegründet werden müsse oder um historische Gerechtigkeit herzustellen. Vielmehr würde die Welt diesen brauchen.“ Wer verstünde, was ein jüdischer Staat der Menschheit gebe, würde unbedingt freundschaftliche Beziehungen zu diesem Staat suchen und verstehen, dass Juden nicht seine Feinde seien. Kalev ergänzte: „Genau dieses Verhalten sehen wir heute im Nahen Osten. Besonders in deinem Land, Hussein. Eine ‚herzlianische Antwort‘ wäre wohl: Wir laden euch ein, Freunde Israels zu werden und damit von allen guten Dingen zu profitieren, die aus diesem Land kommen. Es gibt eine Menge guter Dinge, wie beispielsweise die Möglichkeit, aus der Luft Trinkwasser zu gewinnen, oder die Entwicklungen im Kampf gegen das Coronavirus, von dem sogar die iranischen Geistlichen sagten, dass sie sie verwenden würden.“

Kalev führte ein weiteres Thema an: „Viele Menschen glauben fälschlicherweise, dass sich Judentum und Zionismus trennen lassen. Doch auch wenn Herzl selbst kein orthodoxer Jude war, war das niemals seine Einstellung.“ Den Ersten Zionistischen Weltkongress habe er mit dem jüdischen Schehechejanu-Gebet begonnen: „Baruch atah Adonaj, schehechejanu, wekijmanu wehigianu la’seman haseh (Gepriesen seist Du, Gott, der Du uns Leben und Erhaltung gegeben hast).“ „In dieser Rede sagte Herzl, dass der Zionismus die Vorbereitung zur Rückkehr zum Judentum und zum jüdischen Land gewesen sei.“ Seiner Meinung nach habe der Zionismus den Juden die Möglichkeit zu einer erneuten Verbindung zum Judentum gegeben. Heute gelte genau das für den jüdischen Staat, sagte Kalev weiter. „Zoom und die Globalisierung“ böten eine gute Möglichkeit, sich als Jude auf seine Religion zurückzubesinnen.

Herzls Botschaft für Afro-Amerikaner relevant

Tamara Davis war aus Chicago zugeschaltet. Sie leitet die „Herzl School of Excellence“, mit überwiegendem Anteil von afro-amerikanischen Schülern. In den vergangenen Monaten hätten ihre Schüler viel über Herzls Vermächtnis und seine große Führungsfähigkeit gelernt, erzählte sie. Die Schule sei in den 1950er Jahren gegründet worden, als der Großteil des Stadtteils noch jüdisch gewesen sei. Laut Davis bietet Herzls Botschaft auch für Afro-Amerikaner Relevanz. „Es ist wichtig, dass wir uns weiter für unsere Gemeinschaft einsetzen.“ Im Sommer 1966 sei Martin Luther King Junior in ein Gebäude nahe der Schule gezogen. Höchstwahrscheinlich habe Herzls Botschaft einen nicht zu vernachlässigenden Eindruck auf King gemacht. Herzl und King seien beide große Führungskräfte gewesen, hätten große Träume gehabt und sich für ihre Gemeinschaften eingesetzt.

Kurze Grußworte sprachen auch Herzls Nachfolger als Vorsitzender der Jewish Agency, Jitzchak Herzog, sowie Dore Gold, der ehemalige Botschafter Israels für die Vereinten Nationen.

Kalev ist überzeugt: „Unsere Herzl-Geburtstagsfeier war ein voller Erfolg. Allein auf Facebook hatten wir etwa 6.000 Zuschauer.“ Und sichtlich zufrieden fügt er hinzu: „Wir sollten bald mit den Vorbereitungen für Herzls 161. Geburtstag beginnen.“ Diese Feier kann dann ja vielleicht auch wieder im richtigen Leben stattfinden.

Von: mh

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