Naomi Casuto erinnerte an die „jüdische Solidarität“ ihres Vaters

Naomi Casuto erinnerte an die „jüdische Solidarität“ ihres Vaters

Israelis würdigen jüdische Judenretter

Der diesjährige Holocaust-Gedenktag erinnert an Juden, die sich auf vielfältige Weise für ihre Leidensgenossen einsetzten. Bei der Auftaktveranstaltung würdigt Israel einen französischen Widerstandskämpfer und einen Häftling des Konzentrationslagers Buchenwald.

JERUSALEM (inn) – Zahlreiche Juden riskierten während des Zweiten Weltkrieges ihr Leben für Verfolgte, obwohl sie selbst im Visier der Nationalsozialisten waren. Sie halfen ihnen beim illegalen Grenzübertritt oder gar der Einwanderung ins Mandatsgebiet Palästina, sie brachten sie in Verstecken unter oder gaben ihnen Nahrung. In diesem Jahr würdigt der „Tag der Erinnerung an die Scho‘ah und das Heldentum“, Jom HaScho'ah, diese Juden.

„Vaters Vision wurde Wirklichkeit“

Wegen der Corona-Pandemie wurde die Auftaktveranstaltung in Yad Vashem vorab aufgezeichnet und am Montagabend im Internet ausgestrahlt. Dabei erzählte die Überlebende Naomi Casuto aus Straßburg von ihrem Vater Yehuda-Leo Cohen. Dieser verhalf zahlreichen Juden und vor allem Kindern zur Flucht vor den Nationalsozialisten. Zweimal habe er die Möglichkeit erhalten, sich selbst in Sicherheit zu bringen, sagte die 81-Jährige: Zuerst hätte er seine Eltern nach Palästina begleiten können. 1944 erhielt er die Chance, mit seiner Familie in die Schweiz zu fliehen.

Doch er trennte sich von seinen Angehörigen und setzte die Tätigkeit im Untergrund fort. Die Mutter bat er, ihre Kinder im Falle seines Todes nach dem Krieg nach Israel zu bringen und wieder zu heiraten. Er wurde gefasst und ins Durchgangslager Drancy gebracht. Dort kümmerte er sich um Kinder, die ohne ihre Eltern inhaftiert waren. Von Frankreich wurde er nach Auschwitz und nach Stutthof deportiert – und kehrte nicht zurück.

Seine Tochter betonte den Gedanken der jüdischen Solidarität. Mit Blick auf ihre Kinder, Enkel und Urenkel sagte Casuto: „Vaters Vision wurde Wirklichkeit“.

Bei der Veranstaltung wurden zudem die Kurzbiographien von sechs Überlebenden per Video vorgestellt. Sie entzündeten die Fackeln im Gedenken an die sechs Millionen Ermordeten. Auch ihre Geschichten sind geprägt von jüdischer Hilfsbereitschaft.

Kinder in Buchenwald gerettet

Das Zeugnis eines Juden namens Jack wurde bei der Gedenkveranstaltung verlesen. Er hatte seine Familie verloren und wurde ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Als er dort Kinder sah, dachte er an seine Tochter Emma und nahm sich vor, wenigstens diese jungen Häftlinge zu retten. Mit anderen Insassen organisierte er Nahrung und versuchte, den Kindern Liebe und Mitgefühl zukommen zu lassen. Auch eine Schule wurde organisiert. Lehrer rezitierten aus dem Gedächtnis Gedichte und erzählten Geschichten der Hoffnung. „Nach dem Krieg fahren wir nach Israel und bauen im Land der Juden Orangen an“, sagten sie.

Am 11. April 1945 habe sich eine merkwürdige Stille über das Lager gelegt, erinnerte sich der ehemalige Häftling. Es habe keine Appelle mehr gegeben, stattdessen seien amerikanische Panzer nach Buchenwald gekommen. Trotz der widrigen Umstände im Lager hatten die Häftlinge annähernd 700 Kinder gerettet. Viele habe er später getroffen, etwa in Paris oder Tel Aviv, und sie hätten sich für die Lebensrettung bedankt.

Rivlin: Jüdische Helfer wurden zu Engeln in der Hölle

Staatspräsident Reuven Rivlin nahm in seiner Rede Bezug auf die Corona-Krise, deretwegen die Welt den Atem anhalte. Das jüdische hätten in der Scho'ah die dunkelste Stunde der Menschheit überlebt. Die Erinnerung verpflichte – „für uns und für die kommenden Generationen“, auch in diesen herausfordernden Zeiten mit der Epidemie. Verfolgte Juden hätten Menschlichkeit gezeigt, indem sie anderen halfen. „Man kann und muss sich dafür entscheiden, ein Mensch zu sein.“ Die Helfer seien zu Engeln mitten in der Hölle geworden.

Das Staatsoberhaupt nahm auch Bezug auf das Welt-Holocaust-Forum im Januar in Jerusalem. Dort hätten sich Staatenlenker aus aller Welt im Kampf gegen die Seuche des Antisemitismus und Hasses vereint. Auch Judenhass verbreite sich wie eine ansteckende Krankheit.

Premierminister Benjamin Netanjahu sagte, er habe mit Luba gesprochen, der Nichte von Michael Katz. Der 92-Jährige hatte einst die Scho'ah überlebt und ist nun von einer Corona-Infektion genesen. Der Unterschied zu damals sei, dass die Gefahr des Virus im Gegensatz zu der des Holocaust rechtzeitig erkannt worden sei.

Auch Netanjahu erwähnte das Welt-Holocaust-Forum in Yad Vashem. Obwohl sich die Staatenlenker zum Kampf gegen Antisemitismus verpflichtet hätten, müsse Israel verantwortlich für sich selbst sein. Es müsse die Kraft haben, sich notfalls zu verteidigen. Der Regierungschef zitierte in seiner Ansprache Verse aus Psalm 113. Dort heißt es unter anderem: „Wer ist wie der HERR, unser Gott, der oben thront in der Höhe, der niederschaut in die Tiefe, auf Himmel und Erde; der den Geringen aufrichtet aus dem Staube und erhöht den Armen aus dem Schmutz.“

Wegen der Corona-Beschränkungen ist am Jüdischen Markt in Jerusalem nicht viel los, aber die Menschen verharren im stillen Gedenken

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Am Dienstagmorgen um 10 Uhr Ortszeit ertönten in Israel die Sirenen. Für zwei Minuten unterbrachen die Menschen ihre Tätigkeit, stiegen aus ihren Autos und verharrten im stillen Gedenken an die sechs Millionen ermordeten Juden. In Yad Vashem und auch in der Knesset gab es weitere Veranstaltungen zu Ehren der Toten und der Überlebenden.

Gedenken in Berlin gestört

Von einem unliebsamen Zwischenfall bei einer Gedenkveranstaltung in Berlin berichtet indes der israelische Botschafter Jeremy Issacharoff: Der Überlebende Zvi Herschel ließ Teilnehmer einer Videokonferenz an seinen Erinnerungen teilhaben. Plötzlich hätten anti-israelische Aktivisten ihn unterbrochen, Bilder von Hitler gezeigt und antisemitische Parolen gerufen. Doch nach kurzer Unterbrechung sei die Veranstaltung ohne die Störer in einer würdigen Weise fortgesetzt worden.

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) verurteilte die antisemitische Aktion: „Was für eine bodenlose Respektlosigkeit gegenüber den Überlebenden und dem Gedenken an die Verstorbenen“, schrieb er am Dienstag auf Twitter. „Das ist eine unbeschreibliche Schande!“

Zahl der Juden weltweit: Wie im Jahr 1925

In Israel gibt es noch 189.500 Überlebende der nationalsozialistischen Judenvernichtung. Von ihnen sind 77 Prozent älter als 80 Jahre, damit gehören sie zur Risikogruppe bei der Corona-Pandemie. Dies teilte die Behörde für Rechte von Holocaustüberlebenden im Finanzministerium anlässlich des Gedenktages mit. Derzeit unterstütze sie 7.000 dieser Überlebenden, unter anderem per Videoanruf.

Das Zentrale Statistikbüro wiederum gab am Sonntag Fakten zur jüdischen Bevölkerung bekannt. Demnach lebten Ende 2018 weltweit etwa 14,7 Millionen Juden. Im Jahr 1925 waren es 14,8 Millionen und vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 insgesamt 16,6 Millionen. Von ihnen waren 3,3 Prozent oder 449.000 im damaligen Mandatsgebiet Palästina angesiedelt. Zur Zeit der Staatsgründung 1948 hatte sich ihre Zahl auf 650.000 erhöht.

Heute leben 6,7 Millionen Juden in Israel und damit 45 Prozent der jüdischen Weltbevölkerung. 5,2 Millionen wurden in Israel geboren. Die zweitgrößte jüdische Bevölkerung haben mit 5,7 Millionen die USA. Ihnen folgen Frankreich mit 450.000, Kanada mit 302.000 und das Vereinigte Königreich mit 202.000 Juden. In Deutschland liegt die Zahl bei 120.000 Juden.

Von: eh

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