Die Araberin Fatmeh Sibdeh (32) wollte als Schülerin unbedingt eine jüdische Schule besuchen. Heute unterstützt sie arabische Jugendliche.

Die Araberin Fatmeh Sibdeh (32) wollte als Schülerin unbedingt eine jüdische Schule besuchen. Heute unterstützt sie arabische Jugendliche.

„Türen für Jugendliche aufstoßen“

Die Araberin Fatmeh Sibdeh besuchte eine jüdische Schule. Heute ist sie 32 Jahre alt und Direktorin des Arabisch-jüdischen Gemeindezentrums in ihrem Heimatort Jaffa. Ihr größter Wunsch: Arabische Jugendliche sollen einen guten Weg in die israelische Gesellschaft finden.

Sie zeigt ein charmantes Lächeln, wenn sie spricht. Ihre Fingernägel sind mattweiß lackiert, und ihre Worte unterstreicht sie mit gefühlvollen Bewegungen ihrer schlanken Hände. Doch wer sich mit Fatmeh Sibdeh unterhält, der spürt sofort ihre Zielstrebigkeit. Mit großem Ernst spricht sie von ihrer Kindheit, von ihren Lebenserfahrungen, von ihren Zielen als junge arabische Frau mit israelischem Pass.

Fatmeh ist Managerin und Mutter – sie ist stolz darauf, dass sie und ihre Familie in vierter Generation in Jaffa leben, jenem weltberühmten Vorort von Tel Aviv mit traditionsreicher arabischer Prägung und biblischer Geschichte. Als erste Araberin hat die 32-jährige studierte Sozialwissenschaftlerin den Direktorenposten des Arabisch-jüdischen Gemeindezentrums in ihrer Heimatkommune Jaffa übernommen. „Ich liebe es, ein Teil von Jaffa zu sein“, sagt sie. Und ihre Tätigkeit an der sozialen und mentalen Schnittstelle zweier kultureller Prägungen als Araberin, die in Israel lebt, empfindet sie nicht als Job, sondern als herausfordernde Berufung.

Das Gemeindezentrum liegt fast direkt am historischen Hafenrand von Jaffa. Dort bieten jüdische und arabische Sozialarbeiter, die für die Stadt Tel Aviv tätig sind, unter anderem Förder-, Sport-, Spiel- und Motivationsprogramme für arabische Jugendliche – ein zentrales Ziel ist es, mit ihnen zusammen Lebenswege in die moderne israelische Gesellschaft zu finden.

„Wir sind eine Familie“

Für Fatmeh ist es nicht nur eine schöne Vision, sondern selbst erlebte gesellschaftliche Integration, wenn sie sagt: „Die Wahrheit ist doch: Wir sind eine Familie – jüdisch, muslimisch und christlich.“ Das gelte für das Team und die Besucher des Arabisch-jüdischen Gemeindezentrums. Und es müsse für die vielfältige Gesellschaft im Staat Israel gelten. Ihre eigene Identität als begabte, verantwortungsbewusste und auch karriereorientierte Araberin im modernen Israel beschreibt sie als „multikulturell“. Ihr Leben sei vielfältig geprägt, herausfordernd und manchmal so widersprüchlich wie die Gesellschaft, in der sie lebt.

Sie war Schülerin, als sie sich entschied, aus der abgeschotteten arabischen Parallelwelt ihres Heimatortes und ihrer Familie auszubrechen. Die Eltern hatten sie auf eine französische Schule geschickt. Aber das reichte Fatmeh nicht. Eines Tages konfrontierte sie ihren Vater und ihre Mutter mit dem Ziel, eine jüdische Schule in Tel Aviv besuchen zu wollen. Nur etwa zehn Kilometer lagen zwischen ihrem Elternhaus und der jüdischen Lehranstalt – in den Augen ihrer Familie war diese Schule Lichtjahre entfernt: „Das geht nicht: Ein arabisches Mädchen kann nicht mit dem Bus zur Schule nach Tel Aviv fahren“, sagten sie.

Fatmeh muss lachen, als sie dies erzählt. Aber damals erlebte sie es als schmerzliche Auseinandersetzung in der Familie. Und sie ließ nicht locker. Für sie als erste Araberin auf der jüdischen Schule sei anfangs alles aufregend und verwirrend gewesen. Dennoch habe sie schnell Freunde gefunden, in der Bibel studiert und Hebräisch quasi als zweite Muttersprache gelernt. Das sei elementar im heutigen Israel. Viele arabische Jugendliche würden sich viele Chancen verbauen, wenn sie nicht Hebräisch lernen. Ein halbes Jahr später wechselte auch ihre Schwester auf die Schule in Tel Aviv – 20 weitere arabische Schüler aus Jaffa folgten. „Ich habe einen exzellenten Abschluss gemacht“, erzählt Fatmeh Sibdeh, und man sieht ihr an, wie stolz sie darauf ist.

Dennoch: Die Geschichte ihres sozialen Aufstiegs ist keine geradlinige Jubel- und Erfolgsstory, sondern es ist ein Weg mit Umwegen, mit Enttäuschungen. Denn trotz ihrer Spitzennoten, so berichtet Fatmeh, erhielt sie nur eine mäßige Einstufung für die Hochschulzulassung und konnte deshalb erst einmal kein Studium aufnehmen. Das israelische Bildungssystem hat an dieser Stelle eine Barriere, unter der auch jüdische Schüler leiden. Für ein arabisches Mädchen aus Jaffa muss es besonders schwierig gewesen sein. „Aber ich bin eine Kämpferin“, sagt Fatmeh. Ihr charmantes Lächeln ist einem fast stechenden Blick gewichen. Fatmeh lässt keinen Zweifel daran, dass sie hartnäckig ist, wenn es darum geht, wichtige Ziele im Leben zu erreichen.

Westjordanland keine Alternative

Doch als sie 20 Jahre alt war, wusste sie nicht: „Was soll ich tun mit meinem Leben?“ Sie heiratete früh, inzwischen ist sie zweifache Mutter. Nebenbei machte sie an der Hochschule ihren Bachelor und schaffte schließlich auch den Master-Abschluss.

Beruflich engagierte sie sich fünf Jahre lang in Initiativen, die arabische Frauen unterstützen. „Zugleich war mir immer auch wichtig, mit meinen Eltern und der Familie in Frieden zu leben“, sagt Fatmeh. Lange Zeit konnten sie und ihr Mann sich nur eine 60-Quadratmeter-Wohnung leisten. Da das Leben im palästinensischen Westjordanland viel weniger Geld kostet als in Tel Aviv, überlegte das junge Ehepaar damals: „Sollen wir vielleicht nach Ramallah ziehen? Aber mir war wichtig: Ich gehöre nach Jaffa. Hier will ich als arabische Frau und Mutter leben und arbeiten.“

Wenn sie an ihre wechselvolle Ausbildung an israelischen Schulen und Hochschulen zurückdenkt, dann ist da durchaus so etwas wie Ärger: „Dass die mich nicht gleich zum Studium zugelassen haben, war enttäuschend“, sagt sie. Aber die inzwischen erfahrene Sozial-Managerin blickt vor allem nach vorn und sieht die positive Entwicklung. Die städtischen Behörden und den israelischen Staat, durch die sie heute eine sinnstiftende Arbeit hat und Geld verdient, kritisiert sie nicht. Sie freut sich, dass sie eine gute Bildung erhalten und einen passenden Beruf finden konnte. Und sie hofft, dass sie arabische Jugendliche, die heute in Israel leben, motivieren, beraten und unterstützen kann, damit sie einen guten Weg für ihr Leben finden.

Auf Nachfrage bekräftigt sie: Als sie damals trotz bester Schulnoten nicht gleich zum Studium zugelassen wurde, da sei sie fast entmutigt gewesen. Heute ist sie überzeugt: „Ich kann durch meine Erfahrungen und durch meine Ausbildung einen Beitrag dazu leisten, dass arabische Jugendliche, die in Israel leben, bessere Zukunftsperspektiven bekommen.“

Von: Christoph Irion

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