Seit 1997 hat „Ha‘aretz“ auch eine englische gedruckte Ausgabe

Seit 1997 hat „Ha‘aretz“ auch eine englische gedruckte Ausgabe

100 Jahre „Ha'aretz“

Die israelische Zeitung „Ha‘aretz“ feiert ihren 100. Geburtstag. Eine fremdsprachige Zeitung in einem fernen Land dürfte für deutsche Leser ziemlich gleichgültig sein. Doch „Ha‘aretz“ und der Name ihrer Besitzer ist eng mit der deutschen Wirtschafts- und Kulturgeschichte verknüpft.

Die israelische Tageszeitung „Ha‘aretz“ ist älter als der Staat Israel: Am 18. Juni 1919 erschien in Jerusalem ihre erste Ausgabe. Gegründet wurde die Zeitung mit Genehmigung der britischen Besatzungsbehörden 1918 in Jerusalem unter dem Namen „Chadschot Ha‘aretz“ (Nachrichten des Landes). 1934 erwarb sie der jüdische Geschäftsmann Salman Schocken aus Deutschland. Zuvor besaßen die Brüder Julius, Simon und Salman Schocken die nach ihnen benannte viertgrößte Warenhauskette Deutschlands. Die vom Bauhausarchitekten Erich Mendelssohn gestalteten Kaufhäuser standen in Stuttgart, Berlin oder Chemnitz. Nach deren „Arisierung“ durch die Nazis gingen sie in den Besitz von Horten, Kaufhaus und anderen Unternehmen über.

Salman Schocken war ein Mäzen jüdischer Kultur und erlangte Weltruhm mit seinem Schocken-Verlag. Er förderte und veröffentlichte Werke von damals unbekannten Autoren wie Martin Buber, Franz Kafka, Schmuel Agnon (Nobelpreisträger) und Arthur Ruppin. Nachdem er Deutschland verlassen hatte, wurden Schocken­Verlage in New York und Jerusalem gegründet.

Die von Jerusalem nach Tel Aviv umgezogene Zeitung „Ha‘aretz“ leitete Salmans Sohn Gerschom Schocken von 1939 bis zu seinem Tod 1990. Er machte sie zu einem weltweit führenden Blatt. „Ha‘aretz“ stand auf einer Stufe mit Zeitungen wie der „New York Times“, der „Frankfurter Allgemeinen“ (FAZ) und „Le Monde“. Sie zeichnete sich aus durch ausgewählte Autoren, qualitative Analysen und eine sehr gute Vernetzung mit der Regierung.

„Ha‘aretz“ war nie ein Massenblatt. Sie konnte nicht mit den schreienden bunten Klatschseiten anderer Blätter konkurrieren. So bewahrte sie ihren Ruf, „seriös“ zu sein. Das änderte sich erst unter Amos Schocken, dem Sohn von Gerschom. „Ha‘aretz“ veröffentlicht neben der hebräischen Ausgabe auch eine englische Übersetzung. Dank des guten Rufes wurde sie zur Pflichtlektüre für Diplomaten und Auslandskorrespondenten.

Ähnlich wie die FAZ in Deutschland galt „Ha‘aretz“ bis vor wenigen Jahren als „konservativ“. Während heute der „Zivilgesellschaft“ und diversen Organisationen mehr Autorität und Glaubwürdigkeit zugestanden wird, galt damals noch eher, was Regierungen zu sagen hatten. Bei „Ha‘aretz“ trat der Wandel vor etwa zehn Jahren ein: Seit damals wählten die Israelis wieder und wieder Rechtsregierungen unter Benjamin Netanjahu.

Wandel zum Meinungsblatt

„Ha‘aretz“ verwandelte sich zunehmend in ein linksgerichtetes Meinungsblatt. Mit Kampagnen hetzt sie vor allem gegen den Premierminister – in Kommentaren, Reportagen und Analysen. Der prominente Journalist Gideon Levy hat es sich zur Aufgabe gemacht, täglich eine palästinensische Familie aufzusuchen, um vermeintliche Völkerrechtsverstöße der „illegalen“ Siedler oder der „israelischen Besatzer“ zu beklagen.

Im Gegensatz dazu wird fast nichts über palästinensische Korruption, Zustände in den Gefängnissen in Gaza oder über die Unterdrückung der Christen in Bethlehem veröffentlicht. Die pro-palästinensische und extrem anti-israelische Richtung passt in das europäische Konzept, Israels Besatzung kritisieren zu müssen.

Und weil Informationen von „Ha‘aretz“ zitiert werden, gelten sie als „bare Münze“. Einen Höhepunkt der Absurdität leistete sich „Ha‘aretz“ in einem Interview mit dem Vater von Ahed Tamimi. Sie ist zur Ikone des palästinensischen Widerstands aufgestiegenen, weil sie im Dezember 2017 als damals 16-Jährige israelische Soldaten geohrfeigt hatte. Heute reist sie durch alle Welt und wird von Diktatoren wie dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan empfangen. Unwidersprochen und ohne klärende Frage behauptete der Vater, dass ihre Ur-Vorfahrin im Garten Eden zugeschaut habe, wie Eva den Adam mit dem Apfel verführte.

So ein Vorgang bedarf wohl keines Kommentars. Ob der kritiklose Abdruck solch einer Behauptung zu einer „seriösen“ Zeitung passt, muss der Leser entscheiden.

Diesen Artikel finden Sie auch in der Ausgabe 4/2019 des Israelnetz Magazins. Sie können die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/56677-52, via E-Mail an info@israelnetz.com oder online. Gerne können Sie auch mehrere Exemplare zum Weitergeben oder Auslegen anfordern.

Von: Ulrich W. Sahm

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