Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi fordert von seinen Landsleuten, dass sie besser auf ihre Ernährung achten

Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi fordert von seinen Landsleuten, dass sie besser auf ihre Ernährung achten

Mit Zuckerbrot und Peitsche gegen das Übergewicht

Wenn es nach Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi geht, sollen bald keine dicken Menschen mehr im ägyptischen Fernsehen gezeigt werden. Es ist eine seiner Ideen, um das Übergewicht im Land zu bekämpfen. Sein Volk reagiert mit Spott.

KAIRO (inn) – „Warum tun wir uns das an?“, fragte Präsident Abdel Fattah al-Sisi aufgebracht, als seine Gesundheitsministerin Hala Sajed im Dezember offenbar nicht gerade ermutigende Zahlen zur Übergewichtigkeit der Ägypter präsentierte. Laut dem Nachrichtenportal „Sky News” sagte Al-Sisi vor laufender Kamera: „Wenn ich eine übergewichtige Frau sehe, frage ich mich: Warum achtet sie nicht auf sich? Wie kann sie so überhaupt laufen?“

Um seinem Volk mit gutem Beispiel voranzugehen, fuhr der Präsident am nächsten Morgen noch vor der Dämmerung medienwirksam auf seinem Mountainbike, mit Trainingsanzug, Laufschuhen und Baseballkappe bekleidet, zu einer Militärakademie. Dort schärfte er seinen Kadetten ein, es werde niemand befördert, der nicht grundlegende Fitnessanforderungen erfüllt.

Während viele Landsleute meinen, Al-Sisi trage mit diesen Aktionen zu dick auf, sprechen die Daten eine deutliche Sprache: Laut einer Studie des „New England Journal of Medicine“ sind 35 Prozent der erwachsenen Ägypter fettleibig. Damit ist Ägypten Weltspitze. Unter den Kindern sind 3,6 Millionen übergewichtig – und damit jedes zehnte.

Einem anderen Bericht zufolge hat der Nahe und Mittlere Osten insgesamt ein Problem. Bahrain, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate sind ebenso wie Saudi-Arabien seit Jahren unter den Top Ten der Länder mit den meisten Übergewichtigen. Die Studie spricht von „epidemischen Ausmaßen“. Der US-Nachrichtensender „CNN” berichtet von „alarmierenden“ Zahlen und die Zeitung „Die Welt“ bringt es auf die Schlagzeile, Törtchen forderten in Nahost mehr Todesopfer als Terroristen.

Billige Gastarbeiter und Schönheitsideale

Das liegt nicht nur daran, dass große Hitze kaum zu körperlicher Aktivität einlädt. Die Wurzeln liegen tief in den gesellschaftlichen Strukturen der Länder. Die Golfregion gehört heute zu den reichsten Gegenden der Welt, nachdem in den 1960er Jahren große Ölreservoirs entdeckt wurden. Der Wohlstand brachte einfache Transportmöglichkeiten, westliches Fastfood und weniger körperliche Arbeit mit sich.

Besonders Frauen sind von Fettleibigkeit betroffen, in vielen Ländern sogar doppelt so oft wie Männer. Verschiedene Studien ergaben, dass in muslimisch geprägten Ländern sportliche Aktivitäten für Frauen verpönt sind. Ihr Aktionsradius beschränke sich auf das häusliche Umfeld, wo sie viele Stunden am Tag vor dem Fernseher sitzen. Für Haushaltsarbeiten stellen wohlhabende Araber zumeist günstig verfügbare ausländische Arbeitskräfte ein. Außerdem glauben viele Frauen in den Golfstaaten, mit Extra-Kilos dem Schönheitsideal zu entsprechen. Umfragen in Katar ergaben etwa, dass 43 Prozent der Frauen davon ausgehen, dass Männer füllige Frauen bevorzugten.

Dies hat schwerwiegende Folgen: Die größte Diabetes-Dachorganisation „International Diabetes Federation” (IDF) gibt an, dass im Nahen und Mittleren Osten und Nordafrika 37 Millionen Menschen an Diabetes erkrankt sind – 9,7 Prozent der Bevölkerung. Und die Organisation rechnet mit einer Verdopplung der Zahlen in den kommenden 20 Jahren.

Dicker als die Polizei erlaubt?

Um diese und weitere Folgekrankheiten zu verhindern, ist guter Rat teuer. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben 2017 mit einer Zucker-Steuer auf Softdrinks reagiert: Cola, Fanta, Sprite und Co. sind um 100 Prozent teurer geworden. Beobachter erwarten, dass andere arabische Staaten in Kürze nachziehen werden.

Der Ex-General Al-Sisi versucht es derweil noch mit Appellen und gutem Vorbild. Unter anderem regte er an, keine übergewichtigen Menschen mehr ins Fernsehen zu lassen. Von offizieller Seite bekommt der Präsident dafür Applaus. Andere werfen ihm vor, sogenanntes Fat-Shaming (Bloßstellung dicker Menschen) zu betreiben. Die Ägypter reagieren mit bissigem Humor. In sozialen Netzwerken wie Facebook machen hämische Memes (Karikaturen, Mini-Videos) die Runde, berichtet der arabische Fernsehsender „Al-Dschasira”. In einem werde eine Frau von der Polizei abgeführt, die verstört fragt: „Was habe ich denn getan? Ich habe doch nur zwei Kilo zugenommen.“ In einem anderen, das sich wie ein Lauffeuer verbreitete, ziehen Insassen eines Autos bei einer Polizeikontrolle die Bäuche ein.

Während Ägyptens Präsident dem Übergewicht in seinem Land den Kampf ansagt, liegt Israel in Sachen Übergewicht immerhin auf Platz zehn unter den Ländern der „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ (OECD) und damit global auf Platz 44 von 191 erfassten Ländern. Deutschland liegt mit dem 78. Platz über dem Durchschnitt.

Von: tk

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