Kommt auch mit über 80 Jahren noch gerne zu Besuch nach Deutschland: die Holocaust-Überlebende Ruth Goldberg

Kommt auch mit über 80 Jahren noch gerne zu Besuch nach Deutschland: die Holocaust-Überlebende Ruth Goldberg

„Es gab solche und solche Deutsche“

Ruth Goldberg ist eine Pionierin. Mit 18 Jahren wanderte die heute 87 Jahre alte Jerusalemerin nach Israel ein und half mit, das Land aufzubauen. Den Holocaust überlebte sie, weil Deutsche ihre Familie versteckten.

Wenn man als Angehörige einer Minderheit in Deutschland aufgewachsen ist, dann war die erste Zeit in Israel fast therapeutisch: Man war umgeben von Juden, man hatte sein eigenes Land, es gab Demokratie, Freiheit, keine Verfolgung mehr. Diese Gefühle waren überwältigend“, erinnert sich Ruth Goldberg an ihre ersten Jahre im neu gegründeten Staat Israel. Dass die gebürtige Deutsche 1949 nach Israel einwandern konnte, gleicht einem Wunder.

Irene Ruth Goldberg kam im August 1930 als Tochter einer jüdischen Mutter und eines nichtjüdischen Vaters in Berlin zur Welt. Sie, ihre Schwester, ihre Mutter und ihr jüdischer Stiefvater überlebten den Holocaust, weil sie von Deutschen versteckt wurden. Ein Herzklappenfehler führte dazu, dass Ruth als kleines Mädchen in den Kurort Bad Flinsberg geschickt wurde, das heutige Świeradów-Zdrój im südwestlichen Polen. Begleitet wurde Ruth dabei von ihrer Mutter. „Sie hat sich mit einer Bäuerin angefreundet. Die lebte außerhalb des Kurortes“, erzählt Ruth.

Mittlerweile sei in der Bevölkerung darüber gesprochen worden, dass die Juden weggeführt würden, doch man wisse nicht, wohin.

Die neue Freundin, Erna Hirt, bot den Goldbergs Hilfe an. Unweit des Bauernhofes befand sich die kleine Wohnung ihrer Tochter, die damals in Görlitz als Krankenschwester arbeitete. Dort konnten sich Ruths Eltern verstecken. Allerdings war die Wohnung in einem Haus, das dem Ortsgruppenleiter Schieberle gehörte, einem aktiven Nazi. In den Jahren 1942 bis 1945 durften Ruths Eltern die Wohnung nicht verlassen. Sie selbst wurde als Flüchtling aus Berlin ausgegeben, der im Rahmen der sogenannten Kinderlandverschickung aufgrund der Bombenangriffe evakuiert wurde.

So lebte das Mädchen bei Frau Hirt und half auf dem Bauernhof. „Wir hatten Hühner, Kühe, Schweine, Kartoffeln, Weißkohl und Tomaten. Es gab gut zu essen und wir mussten nicht hungern.“ Einmal habe der Vermieter nachgefragt: „Irene, wie kommt es, dass du nicht im Bund Deutscher Mädchen bist?“ Da habe sie ihm erklärt, dass sie aufgrund eines Herzfehlers ein Attest habe und von physischen Tätigkeiten freigestellt sei.

Ein Versteck im Schrank

An eine Situation kann sich Ruth besonders gut erinnern: Vor dem Winter habe der Vermieter in der Wohnung immer Doppelfenster zum Schutz vor der Kälte eingesetzt. „Ich hatte die Wohnungstür nicht abgeschlossen und Herr Schieberle trat ohne zu klopfen ein.“ Für solche Fälle hatte die Familie vereinbart, dass sich die Mutter im Kleiderschrank und der Vater unter dem Bett versteckt. „Schieberle kam recht schnell von der Küche ins Schlafzimmer. Die Hand meines Vater war noch vor dem Bett zu sehen. Wenn er sich bewegt hätte, hätte Schieberle das wahrscheinlich bemerkt. Aber er hat nicht auf den Boden geschaut, wohl wegen der Fenster in den Händen. Mit dem Fuß hat er die Hand weggeschoben. Er dachte vielleicht, es sei eine Pantoffel. Wenn er das bemerkt hätte“, sagt Ruth und schüttelt den Kopf, „dann wäre ich heute nicht hier.“

Ruths Schwester war auf einer Apfelplantage etwa 20 Kilometer von Bad Flinsberg untergebracht. „Wir müssen wirklich dankbar sein. Wenn nicht einige Deutsche ihr Leben riskiert hätten, wären wir nicht am Leben.“

Als am 8. Mai 1945 das Ende des Krieges bekannt wurde, konnten Ruth und ihre Familie kaum glauben, „dass wir am Leben geblieben waren“. Eines Morgens habe es geklopft, und zwei Russen hätten vor der Tür gestanden. „Juden, wir sind Juden“, habe sie mit ihrer Schwester gerufen, erzählt Ruth. Die Soldaten seien zu Schieberles Haus gegangen und hätten diesen erschossen. „Sie haben wohl eine Liste von den Nazis gehabt“, sagt Ruth.

Ruth als 15-Jährige kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges

Ruth als 15-Jährige kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges

Nach Kriegsende lebte die Familie in Braunschweig. Ruth ging zur Schule und machte ihr Abitur. Die Mutter arbeitete in Hannover, die Schwester machte dort eine Ausbildung zur Zahntechnikerin. Sie hatte einen jüdisch-polnischen Kollegen. Bis auf einen Bruder war dessen ganze Familie ermordet worden. „Meine Schwester meinte, er ist so ein netter Junge und möchte mal bei einer Familie sein. So hat sie ihn zu meinem 18. Geburtstag mitgebracht“, erinnert sich Ruth und fügt lächelnd hinzu: „Irgendwie habe ich ihm gefallen.“ 1949 wanderten die Goldbergs schließlich nach Israel ein. Der junge Mann emigrierte später ebenfalls. „Nach sieben Jahren hat er mich in Israel aufgesucht und wir haben geheiratet.“

Eine neue Heimat

Eigentlich wäre Ruth lieber in Deutschland geblieben. Ihr biologischer, nichtjüdischer Vater und eine Freundin der Mutter hatten angeregt, das Mädchen in Deutschland zu lassen, damit es Medizin studieren könne. „Aber meine Mutter hat dies nicht erlaubt. ‚Wir haben überlebt und ich werde meine zwei Kinder nicht hier lassen‘, hat sie gesagt.“ „Ich glaube, in Deutschland hätte ich beruflich mehr Chancen gehabt. Ich habe mich immer nach gebildeter Gesellschaft gesehnt. Mein Mann war kein Akademiker. Er hatte nie die Gelegenheit, zu studieren. Er ist im Ghetto in Lodz aufgewachsen.“

Nach ihrer Ankunft mit einem Schiff in Haifa kamen Ruth, ihre Schwester, die Mutter und ihr Stiefvater zunächst in einer Zeltstadt unter. Hier warteten sie, bis sie eingeteilt wurden. „Die Einwanderung wurde nach Sprache und Abstammung organisiert. Meine Eltern wurden für den Kibbutz Kfar Sold im oberen Galiläa vorgeschlagen. Die Hälfte der Juden dort waren Jecken“, erinnert sich Ruth, die ihre Vornamen in Israel tauschte und sich nicht mehr Irene nannte.

„Ich hatte keine Ahnung vom Judentum.“

Sie selbst ging in einen Moschav in der Jesreel-Ebene, in dem landwirtschaftliche Produkte angebaut wurden. „Es wurde nur Hebräisch gesprochen. Ich habe kein Wort verstanden“, erzählt Ruth. Die damals 18-Jährige wurde dort mit der Betreuung einer Seniorin beauftragt. Deren Familie stammte aus Osteuropa und feierte das Pessachfest. Für Ruth war dies eine ganz neue Erfahrung: „Ich hatte keine Ahnung vom Judentum. Wir waren in Deutschland total assimiliert. Und diese Familie feierte Pessach – es wurden nur Matzen (getrocknete, ungesäuerte Brotfladen) gegessen. Ich dachte, das halte ich nicht aus – ich habe mich so nach Brot gesehnt und war froh, als das Fest vorbei war.“

Nach einigen Monaten verließ Ruth den Moschav und zog zurück zu ihren Eltern. Das Kibbutzleben und die Idee, ein Land aufzubauen, begeisterten die junge Frau. „Es waren sehr gebildete Menschen da – Lehrer und Musiker. Sie haben auf dem Land gearbeitet, gepflanzt und geerntet. Alles war gerecht. Jeder wurde für eine Zeit zu einem Dienst eingeteilt und musste im Speisesaal bedienen oder die Toiletten putzen.“ Das Kibbutzleben war für Ruth damals das Traumbild der israelischen Gesellschaft: „Das waren Idealisten mit hohen humanistischen Werten.“

Doch so sehr ihr dieses Leben gefiel, irgendwann wollte Ruth mehr von ihrer neuen Heimat sehen. Sie zog nach Tel Aviv, verdiente sich ihren Unterhalt zunächst durch Putzen, später betreute sie Kinder. Abends besuchte sie die Schule und lernte Hebräisch. „Ich habe den Tanach (die hebräische Bibel) studiert und war begeistert von den Geschichten und den Propheten.“

Wie alle jungen Frauen wurde auch Ruth zum Militärdienst eingezogen. Danach wurde sie Krankenschwester. Von der Atmosphäre im Land war sie begeistert: „Die kann man nicht beschreiben. Es gibt keine Parallelen, keinen Vergleich zu heute. Es war eine große Gemeinschaft. Jeder hat sich als jüdischer Bürger identifiziert. Wir hatten das Gefühl, dass wir alle zusammengehören. Und wir waren stolz“, erinnert sich Ruth, die heute in Jerusalem lebt.

Kaltes Amerika

Obwohl sie Israel liebte, ist Ruth 1956 nach Amerika ausgewandert. Es sei der Wunsch ihres Mannes gewesen, erzählt sie. „Er hatte Angst, er würde nicht fähig sein, eine Familie zu gründen und zu ernähren. Es waren wirtschaftlich schwere Zeiten.“ Den Gegensatz zum Leben im damaligen Israel beschreibt Ruth als krass: Im jüdischen Staat sei das Leben von Gemeinschaft und Zusammenhalt geprägt gewesen. „Dann kam man in das kalte Amerika: kapitalistisch, materialistisch – ganz das Gegenteil zu dem, was man im Kibbutz erfahren hat. Geärgert hat mich auch die Werbung: Beethovenmusik im Fernsehen zu Werbung für Wiener Würstchen, das war alles so geschmacklos.“

In Houston in Texas bauten sich die Goldbergs ein neues Zuhause auf. Sie arbeitete als Krankenschwester. Er kaufte preiswert Kleider im Großhandel ein und verkaufte diese in ärmlichen Gegenden. „Anfangs habe ich das nicht geschätzt“, gesteht Ruth ein. „Aber er war wirklich zu bewundern. Er hat damit eine ganze Familie ernährt.“ Die drei säkular erzogenen Kinder der Goldbergs wurden in Texas geboren. Zwei von ihnen fanden durch die orthodoxe Chabad-Bewegung zu ihren religiösen Wurzeln. Sie wanderten schließlich nach Israel aus. 1997 folgten die Eltern. „Was sollten wir noch dort? Wir gingen zurück nach Israel.“

Kein Hass auf Deutsche

Ruths Mutter kehrte 1977 nach Berlin zurück. „Ihre Freunde waren ein oder zwei Generationen jünger. Unter Gleichaltrigen fühlte sie sich nicht wohl, weil sie dann den Verdacht hatte, es könnten Nazis gewesen sein.“ Ihren verstorbenen Mann bewundert Ruth dafür, dass er nie ein Gefühl des Hasses auf Deutsche verspürt habe. „Er hatte doch seine ganze Familie verloren und im Vergleich zu mir so viel Traumatisches durchgemacht.“ Ruth selbst hat ebenfalls gute Freunde in Deutschland und kommt noch heute regelmäßig zu Besuch. Sie resümiert: „Es gab eben solche und solche Deutschen.“

Diesen Artikel finden Sie auch in der Ausgabe 3/2018 des Israelnetz Magazins. Sie können die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/915152, via E-Mail an info@israelnetz.com oder online. Gerne können Sie auch mehrere Exemplare zum Weitergeben oder Auslegen anfordern.

 

Von: Dana Nowak

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