Der Titusbogen zeigt römische Soldaten mit den Kultgegenstände aus dem Jerusalemer Tempel

Der Titusbogen zeigt römische Soldaten mit den Kultgegenstände aus dem Jerusalemer Tempel

Juden trauern um zerstörte Tempel

Der Trauertag Tischa BeAv am Sonntag bietet Juden zahlreiche Anlässe zum Fasten. Nun stellen mehrere Rabbiner die jahrhundertealte Tradition in Frage – weil sie biblische Verheißungen erfüllt sehen.

Ist es heute noch erlaubt, an Tischa BeAv zu fasten? Diese ungewöhnliche Frage hat der amerikanische Rabbiner Yoel Schwartz unlängst aufgeworfen. Dabei ist dieser Tag, der 9. des jüdischen Monats Av, seit Jahrhunderten ein Fasttag. Dieser erinnert unter anderem an die Zerstörung der beiden Tempel in Jerusalem.

Hintergrund für die Frage des ultra-orthodoxen Rabbis bildet ein Zitat des biblischen Propheten Sacharja (8,4–5): „So spricht der HERR Zebaoth: Es sollen hinfort wieder sitzen auf den Plätzen Jerusalems alte Männer und Frauen, jeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter, und die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen, die dort spielen.“

Schwartz sagte der Nachrichtenseite „Breaking Israel News“: „Wenn Sie nicht glauben, dass diese Prophezeiung geschehen kann, und schon Wirklichkeit geworden ist, dann schlage ich vor, dass Sie eine Busfahrt rund um Jerusalem unternehmen.“ Dabei zitierte er aus dem Traktat „Rosch HaSchana“ des Babylonischen Talmud (Folioseite 18b): „Wenn die Juden frei sind und in ihrem Land leben, ist es verboten zu fasten.“ In diesem Jahr sei die Frage noch dringlicher, weil der 9. Av auf einen Schabbat fällt und deshalb um einen Tag auf den 22. Juli verschoben wird. Denn am wöchentlichen Feiertag dürfen Juden nicht fasten.

Verschiedene Anlässe für Trauer

Hintergrund für Tischa BeAv ist die Überlieferung, derzufolge sich an diesem jüdischen Datum verschiedene traurige Ereignisse zugetragen haben: Sowohl die Zerstörung des Ersten Tempels im Jahr 586 vor der Zeitrechnung als auch die Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 nach Christus datieren Juden auf den 9. Av. Und im Jahr 135 schlugen die Römer endgültig den jüdischen Aufstand nieder und töteten ebenfalls am 9. Av den Anführer Simon Bar Kochba, in den Juden große Hoffnungen gesetzt hatten – er galt vielen sogar als Messias.

Danach wurde Jerusalem zur römischen Militärkolonie Aelia Capitolina. Juden durften die Stadt nicht betreten. Das gesamte Gebiet wurde Palästina genannt, dadurch wollten die Römer jede Erinnerung an das jüdische Leben in der Region auslöschen. Ein Jahr später wurde Jerusalem erneut zerstört, auch das geschah am 9. Av. In den 1920er Jahren war selbst die islamische Aufsichtsbehörde Waqf noch davon überzeugt, dass dort die beiden Tempel gestanden hatten. Heute leugnen internationale Organe wie die Kulturorganisation UNESCO eine jüdische Verbindung zum Tempelplatz.

Auch in Mittelalter und Neuzeit sind furchtbare Ereignisse zu bedenken. Im Jahr 1290 wurde die Ausweisung der Juden aus England verfügt, 1492 begann die Vertreibung der Juden aus Spanien. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 fiel ebenfalls auf den Tischa BeAv. 1942 begannen die Massendeportationen von Juden aus dem Warschauer Ghetto.

Misstrauen gegenüber Gott

Aus biblischer Zeit kommt noch ein weiteres Ereignis hinzu: Bevor das Volk Israel ins Gelobte Land einziehen konnte, sandte Mose zwölf Kundschafter dorthin. Diese kehrten mit vielen Früchten zurück. Zehn von ihnen erzählten aber auch von Riesen, die im Lande Kanaan lebten. Daraufhin verloren die meisten Israeliten ihr Gottvertrauen. Als Strafe durfte ihre Generation mit Ausnahme der rechtschaffenen Kundschafter Josua und Kaleb nicht das verheißene Land betreten.

Nach jüdischer Überlieferung ereignete sich der folgenschwere Sinneswandel des Volkes am 9. Av. Auch deshalb begehen Juden an diesem Datum einen Trauertag, an dem sie fasten und nicht die Tora studieren. Denn in Psalm 19,9 steht geschrieben: „Die Befehle des HERRN sind richtig und erfreuen das Herz.“ In der Liturgie wird aus dem Buch der Klagelieder gelesen.

Rabbi Schwartz wird den Tag trotz seiner Bedenken auch in diesem Jahr begehen. „Der Hauptaspekt meines Fastens und Trauerns hat mit einer anderen Tragödie zu tun: der Zerstörung der jüdischen Gemeinde in Gusch Katif“, sagte er mit Bezug auf die Räumung der israelischen Siedlungen im Gazastreifen im Sommer 2005. Diese begann am 10. Av – also dem Tag, an dem Juden in diesem Jahr fasten.

Vom Fasttag zum Freudenfest?

Ein anderer jüdischer Gelehrter, Rabbi David Katz, brachte gegenüber „Breaking Israel News“ den messianischen Aspekt ein: „Wir wissen, dass Tischa BeAv und alle Fasttage zu Festtagen der Freude werden. Also ist die Frage nicht, ob wir mit Fasten aufhören sollten, sondern wann wir mit Fasten aufhören sollten.“ Nach der Rückkehr aus dem Babylonischen Exil sei der 9. Av freudig begangen worden, obwohl der Zweite Tempel noch nicht fertiggestellt war. „Wenn wir uns aktuell in Israel und in der messianischen Zeit befinden, dann müssen wir uns fragen, ob wir im Prozess in der Phase sind, in der wir noch an Tischa BeAv fasten sollten.“

Indes ist in Tel Aviv ein Streit darüber entbrannt, ob Restaurants und Vergnügungsstätten an dem Trauertag geschlossen bleiben sollten – wie am Großen Versöhnungstag Jom Kippur. Das berichtet das Nachrichtenportal „Arutz Scheva“. Ein offizieller Feiertag ist Tischa BeAv in Israel nicht. Säkulare Juden befürchten, dass die religiösen Vertreter einen zu großen Einfluss gewinnen könnten.

Rivlin: Hoffnung stiften

Im Vorfeld des diesjährigen Tischa BeAv lud Präsident Reuven Rivlin am Donnerstag zum vierten Mal in Folge jüdische Gelehrte zu einem Gedankenaustausch ein. Neben den Wortbeiträgen von Reformjuden, Konservativen, Orthodoxen und Säkularen sprachen auch der scheidende Vorsitzende der „Jewish Agency“ Natan Scharansky und sein Nachfolger Jitzchak Herzog ein Grußwort. Der Nachmittag stand unter dem Thema „Gedenket daran, was uns passiert ist …“. Rivlin sagte den geladenen Gästen: „Es liegt in unserer Verantwortung, Hoffnung zu stiften - trotz der Klagen über die Ereignisse in der Vergangenheit müssen wir beständig nach vorne schauen, allem Hass und allen Missverständnissen zum Trotz.“

Mitveranstalter war die Nichtregierungsorganisation „Jewish People Policy Institute“ (JPPI). Anlässlich des diesjährigen Fastentages hatte das Institut eine Studie veröffentlicht, nach der 36 Prozent der israelischen Bevölkerung am Tischa BeAv fasten und 4 Prozent an diesem Tag die Klagemauer besuchen. Am großen Versöhnungstag Jom Kippur fasten hingegen 67 Prozent. 5 Prozent der Bevölkerung besuchen die Klagemauer zum Laubhüttenfest und zu Pessach.

Von: Elisabeth Hausen

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