Hat seine Eltern nach der Ausreise nie wiedergesehen: Herbert Klinger

Hat seine Eltern nach der Ausreise nie wiedergesehen: Herbert Klinger

Herbert Klinger: Ein Zimmer für vier Lira

Als Schüler litt Herbert Klinger unter antisemitischen Lehrern – und begab sich 1939 nach Palästina. Dort erlebte er 1948 die Freude über die israelische Unabhängigkeit, aber auch den Ausbruch des Krieges.

Ich bin 1920 in Loeben geboren. Wenn in der Schule gefragt wurde, wer mosaischen Glaubens sei, hob ich als einziger meine Hand. Die Lehrer waren alle antisemitisch. Mehrfach riefen sie meinen Vater: „Dein Sohn verlässt immer in der 10-Uhr-Pause das Gebäude.“ Das stimmte nicht; ich hatte mich auf der Toilette versteckt. Denn in der Pause gab es nur eine Lehrerin und die anderen Kinder standen Spalier und riefen „Jidele, Jidele, Jude, Jude“.

Die Nachbarskinder wussten, dass ich keine Freizeit hatte. Ich ging nachmittags zur Religionsschule, habe Englisch und Geige gelernt. Die Kinder kamen und fragten: „Frau Klinger, dürfen wir mit dem Fußball von Herbert spielen?“

Illegal ins Mandatsgebiet Palästina

Nach dem „Anschluss“ Österreichs ging ich 1939 nach Palästina. Vorher hatte man mich in Loeben festgenommen. Sie nahmen uns alles Gold ab. Ich musste unterschreiben, dass ich Österreich innerhalb von sieben Tagen verlassen werde. Mein Vater brachte mich zu seinem Freund Perl. Dessen Bekannter organisierte illegale Überführungen nach Palästina.

Für ihn arbeitete ich im Untergrund. Sie schickten mich zu Banken, um Geld zu holen und zu bringen. Irgendwann sagten sie: „Es ist zu gefährlich für dich geworden. Du musst nach Palästina gehen.“ Ich sagte: „Ich gehe nicht weg von hier, ohne dass man auch meine Eltern mitnimmt.“ Daraufhin sagte mir Perl: „Schau her, das sind die nächsten 30 Transporte nach Palästina. Unter ihnen werden deine Eltern sein.“ Ich war einverstanden.

Plötzlich, einen Tag vor der Abreise, gab es eine Razzia in der Wiener Innenstadt. Ich sah: Die Arier sollten nach links, die Semiten nach rechts. Was tat ich? So etwas kann sich nur der Kopf eines 19-­Jährigen ausdenken: Ich ging durch das Spalier der Arier. Zwar sagte ich nicht „Heil Hitler“, aber ich erhob die Hand zum Gruß. Sie ließen mich durch. Und sobald ich durch war, rannte ich so schnell, wie niemand sonst rennen konnte.

Kurz darauf kam meine Mutter und zeigte mir ihre beiden Ringe. Einer hatte einen Diamanten in der Mitte. Ich verstand nicht, warum ich sie nehmen sollte. Sie sagte: „In einem Monat, wenn wir uns in Palästina wiedersehen, gibst du sie mir zurück. Pass solange auf sie auf.“

Kein Wiedersehen

Als ich dann auf der Reise war – wir waren gerade auf der Donau – war die „Kristallnacht“. Meine Eltern habe ich nie wieder gesehen.

Als wir in Palästina ankamen, sagte man uns, wir müssen zurückgehen. Da waren wir nochmals 21 Tage unterwegs. Irgendwann brachten sie uns nach Netanja, in einen Kinosaal. In meinem ganzen Leben habe ich so etwas nicht mehr gesehen. Es gab Jogurt zu essen, nach einer halben Stunde brachten sie Brot. Aber wir durften nicht zu viel essen, weil wir das nicht gewohnt waren. Am nächsten Tag brachten sie mich zu einem Doktor. Die Frau fragte mich, was sie für mich tun könne. Ich sagte: „Wenn ich ein Bad nehmen dürfte, wäre das schön.“ Sie wärmten das Wasser für mich auf und ich badete für etwa zwei Stunden. Ich bekam Gutscheine für eine Suppe an der Ecke Ben Jehuda/Frischmann in Tel Aviv. In der Nähe der Herzl-Straße war das Café Carlton, wo nur die Briten hingingen. Ich fragte, ob sie Arbeit für mich hätten. Ich kaufte mir in einem Second-Hand-Laden eine schwarze Hose und ein weißes Hemd und fing an, in dem Café zu arbeiten. Dort war ich ein ganzes Jahr.

Jeden Morgen stand ich um 4.30 Uhr auf und begann um 5 Uhr zu arbeiten. Bis 18 Uhr. Dafür bekam ich ein Essen und vier Lira Gehalt. Vier Lira bezahlte ich auch für mein Zimmer an der Schenkin-Straße, einem sehr aristokratischen Teil der Stadt. Ich konnte es mir leisten, weil ein Paket von meiner Mutter ankam, deren Pelzmantel ich für zwölf Lira verkaufte. Langsam lebte ich mich ein.

Von meinen Eltern bekam ich einige Briefe. Doch irgendwann hörten die auf. Damals wussten wir noch nicht, was passiert war. Einmal bekam ich eine Karte vom Roten Kreuz, der Stempel war aus Polen, nicht weit von Auschwitz. Das war das Ende.

Für UN-Abstimmung gebetet

Im November 1947 kam die Entscheidung der Vereinten Nationen. In meinem Zimmer hörte ich im Untergrundradio der Hagana, dass sie entschieden, einen Staat für Juden in einem Teil von Palästina zu gründen. Die Station war Telem Schamir Boas, das wurde später Kol Israel. Sie sagten, es würde eine Entscheidung der Vereinten Nationen geben. Wir sollten zu Gott beten. Und siehe da, wir hatten Erfolg mit der Entscheidung. 1948 waren Briten zum Mandat hier. Es gab ständig Demonstrationen. Sie sagten, sie würden 10.000 Menschen die Alija erlauben und damit sei es genug. Doch stetig kamen mehr Menschen ins Land.

Am 14. Mai verkündete Ben-Gurion die Unabhängigkeit, die Freude war groß. Die Menschen gingen auf die Straßen, tanzten. Natürlich machte auch ich mit. Jordanien nahm einen Teil des Landes und seitdem gibt es Krieg um das Land.

Diesen Artikel finden Sie auch in der Ausgabe 3/2018 des Israelnetz Magazins. Sie können die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/915152, via E-Mail an info@israelnetz.com oder online.

Aufgezeichnet von mh

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