Der israelische Staatspräsident Rivlin sprach am Mittwochabend bei der offfiziellen Zeremonie des Holocaust-Gedenktags

Der israelische Staatspräsident Rivlin sprach am Mittwochabend bei der offfiziellen Zeremonie des Holocaust-Gedenktags

Kein Gesetz lässt die Scho'ah vergessen

Staatspräsident Rivlin erinnert am Holocaust-Gedenktag an die Verantwortung aller Länder, den Massenmord der Nazis nicht zu vergessen. Dabei weist er besonders auf das umstrittene Holocaust-Gesetz in Polen hin. Premier Netanjahu zieht Parallelen zwischen dem Jahr 1938 in Europa und der Bedrohung durch den Iran.

JERUSALEM (inn) – Die schrille Sirene ertönt am Donnerstagmorgen für zwei Minuten im ganzen Land. Lastwagen und Autos halten auf der Straße, die Menschen steigen aus und schweigen. Die Israelis erinnern am nationalen Holocaust-Gedenktag, Jom HaScho'ah, an die sechs Millionen Juden, die von den Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg systematisch ermordet wurden. In Israel leben heute noch 215.000 Holocaust-Überlebende, die im Durchschnitt 85 Jahre alt sind. Ein Viertel von ihnen lebt laut Statistikbüro unterhalb der Armutsgrenze.

Niemand könne ein Gesetz verabschieden, das die Ermordung der Juden während des Holocaust vergessen lässt, sagte der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin bei der offiziellen Gedenkzeremonie in der Gedenkstätte Yad Vashem am Mittwochabend. Er spielte damit auf das Holocaust-Gesetz in Polen an, das die Behauptung einer Komplizenschaft des polnischen Staates mit den Nazis unter Strafe gestellt hat.

„Die Juden werden immer mit dem Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus leben müssen“, sagte Rivlin. „Aber es gibt kein politisches, diplomatisches oder ökonomisches Interesse, das uns auf diesem Auge blind machen könnte – weder in Europa noch im Rest der Welt.“ Der Staatspräsident sprach über die Holocaust-Überlebenden, die von polnischen Bürgern ermordet wurden, als diese nach dem Krieg in ihr Zuhause zurückkehren wollten. Das habe Hunderte von polnischen Juden betroffen, die dem Horror der Nazis entkommen waren.

Kein Schuldgefühl, aber die Fackel der Verantwortung

Gleichzeitig machte Rivlin klar, dass es nicht darum gehe, die gesamte polnische Bevölkerung für die Verbrechen verantwortlich zu machen, die während des Holocaust auf deren Boden passierten. „Die Nazis ermordeten die Bürger Polens wie auch die Bürger in Frankreich, der Sowjetunion und in anderen Ländern“, sagte Rivlin. Israel erwarte nicht von europäischen Ländern, an die jüngere Generation ein Schuldgefühl, sondern die Fackel der Erinnerung und der Verantwortung weiterzugeben.

Premierminister Benjamin Netanjahu erinnerte in seiner Rede an die aktuelle Bedrohung, die für Israel vom Iran ausgeht: „Fordern Sie nicht die Entschlossenheit des israelischen Staates heraus.“ Damit nahm er Bezug auf die Vorkommnisse am Montag, als ein Raketenangriff auf eine Militärbasis in Syrien erfolgte. Russland, der Iran und das syrische Regime beschuldigten Israel. Das wiederum glaubt zu wissen, dass von der Basis in der Provinz Homs ein iranisches Drohnenprogramm betrieben wird.

Netanjahu: Gegen das Böse einstehen

Der Premier sprach auch über den Chemiewaffenangriff auf die syrische Rebellenstadt Duma: „Gegen das Böse und gegen die Aggression einzustehen, gehört zu den Aufgaben jeder Generation.“ Mit Bezug auf die Hakenkreuzfahne, welche palästinensische Demonstranten im Gazastreifen am Freitag geschwenkt hatten, sagte er: „Die wichtigste Lektion des Holocaust ist, dass das mörderische Böse, wenn man nicht dagegen einsteht, schnell anwächst und letztlich auch uns bedrohen kann.“

In diesem Zusammenhang erinnerte Netanjahu an das Münchner Abkommen 1938, als die westlichen Mächte ein Appeasement-Abkommen mit den Nazis unterschrieben, um einen Krieg zu vermeiden: „Sie wollten einen Krieg abwenden, aber ihr Zugeständnis fachte das Feuer nur weiter an, verschlimmerte den Schaden und brachte die Besatzung Europas.“ Der Widerwille der Westmächte gegen ein unterdrückendes Regime einzustehen und den Preis zu bezahlen, sie zu stoppen, habe zu 60 Millionen Toten geführt: „Darunter sechs Millionen unseres Volkes.“

Mirjam Lapid war eine der sechs Holocaust-Überlebenden, die eine Fackel in Yad Vashem angezündet haben

Mirjam Lapid war eine der sechs Holocaust-Überlebenden, die eine Fackel in Yad Vashem angezündet haben

Flug von Adenauer als persönlicher Triumph

Bei der Gedenkzeremonie zündeten sechs Holocaust-Überlebende für die sechs Millionen ermordeten Juden jeweils eine Fackel an. Die in den Niederlanden geborene Mirjam Lapid wurde 1944 mit ihrer Familie nach Bergen-Belsen deportiert. Ein Zug, der zwei Wochen lang ziellos durch das Deutsche Reich fuhr, hielt nur an, um die Leichen aus dem Waggon zu schaffen.

Am 23. April befreite die Rote Armee die Menschen aus dem Zug. In den 1950er-Jahren wanderte Lapid nach Israel aus und lebte im Kibbutz Zora. Als eines ihrer sechs Kinder sie 1960 fragte, ob sie damit einverstanden sei, dass er als Hubschrauberpilot den deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer bei seinem Besuch in Israel fliegt, war sie einverstanden. „Nichts könnte schöner sein, als einen Jungen zu haben, einen Piloten des israelischen Militärs, der den deutschen Bundeskanzler fliegt“, sagte sie. Das sei ihr persönlicher Sieg gewesen.

Von: mm

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