Wurde von den Einwohnern Jerusalems geliebt und verehrt: Conrad Schick

Wurde von den Einwohnern Jerusalems geliebt und verehrt: Conrad Schick

„Keiner kannte Jerusalem so gut wie er!“

Der Deutsche Conrad Schick hat Jerusalem als Architekt, Archäologe, Kartograph und Modellbauer im 19. Jahrhundert mitgeprägt. Unter anderem war er maßgeblich an der Planung des Jerusalemer Viertels Mea Schearim beteiligt. Ein Portrait von Marcell Serr

„Es gab unter den europäischen Siedlern seiner Zeit im Lande keine zweite ähnlich hervorragende Persönlichkeit, niemanden, dessen Beitrag zur lokalen Erforschung von Jerusalem und dessen Umgebung dem seinen gleichgekommen wäre“, schreibt der israelische Historiker Haim Goren über Conrad Schick (1822-1901).

Als Architekt, Altertumswissenschaftler, Archäologe, Kartograph und Modellbauer hat Schick Jerusalem im ausgehenden 19. Jahrhundert wie kaum ein Zweiter geprägt.

1822 im württembergischen Bitz geboren, schlug Schick in jungen Jahren den Weg zum Missionar ein. In einer pietistischen Bildungseinrichtung in Korntal erlernte er neben Latein auch handwerkliche Fähigkeiten, die ihm zeitlebens zugutekommen sollten. Anschließend schloss sich Schick der Pilgermission St. Chrischona an, die 1840 von Christian Friedrich Spittler gegründet worden war.

Dieser sandte Schick mit 24 Jahren nach Jerusalem, um dort ein Brüderhaus zu etablieren (1846). In der Anfangszeit hielt er sich mit dem Bau und Verkauf von Kuckucksuhren über Wasser. Allerdings erwies sich dieses wirtschaftliche Konzept als wenig tragfähig im Heiligen Land.

Da sich Schick verliebt hatte und Spittler seinen Missionaren verordnet hatte, zölibatär zu leben, trat er 1850 der Londoner Judenmissionsgesellschaft bei. Fortan engagierte sich Schick in deren „Industriehaus“ – einer Handwerksschule für jüdische Jugendliche, dessen Direktor er 1857 wurde. Die Bildungseinrichtung befand sich auf dem Gelände der anglikanischen Christ Church, gegenüber der Jerusalemer Zitadelle in der Altstadt. Sein neuer Arbeitgeber erkannte rasch das Potenzial Schicks und ließ ihm viel Raum zur Entfaltung. Dieser glückliche Umstand ermöglichte Schicks einzigartigen Werdegang in Jerusalem.

„Strebsam und exakt“

In den 1860er Jahren stieg Conrad Schick zu dem lokalen Kenner der Topographie und Archäologie Jerusalems auf. So war er der natürliche Ansprechpartner für Charles W. Wilson (1836-1905), der zwei große Forschungsexpeditionen in Jerusalem durchführte. Wilson schrieb über Schick: „Überhaupt war er strebsam und exakt, und seine Kenntnis der natürlichen Topographie der Erdoberfläche, auf der die Stadt steht, war in vieler Hinsicht einzigartig.“ Schick kannte jede Ecke der Stadt und war daher mit Vermessungs- und Ausgrabungstechniken vertraut. Er sprach sowohl Englisch als auch Arabisch und kannte die einheimische Bevölkerung – der optimale Partner vor Ort.

Aus der erfolgreichen Zusammenarbeit mit Wilson entstand Schicks enge Kooperation mit dem britischen Palestine Exploration Fund (PEF), in dessen Zeitschrift er in den nächsten Jahren rund 200 Artikel veröffentlichte. Dabei war Schick kein Gelehrter im klassischen Sinne. Durch fleißiges und unermüdliches Selbststudium wurde er zu einem begabten Vermesser, Architekten und Forscher.

Ende der 1860er Jahre begann Schick nicht nur über Archäologie zu schreiben, sondern selbst Ausgrabungen durchzuführen. Er war der erste, der die Ruinen des Muristan systematisch untersuchte (im Umfeld der heutigen Erlöserkirche). Schicks Sachkenntnis führte auch dazu, dass er bei einer Reihe spektakulärer Entdeckungen beteiligt war, beispielsweise 1880 beim Fund der Siloah-Inschrift im Hiskia-Tunnel (Davidsstadt).

(Über-)motivierter Hobbyarchäologe?

Da Ausgrabungen in Jerusalem schon im 19. Jahrhundert politisch und religiös heikel waren, bemühte sich Schick jede Gruben- und Fundamentarbeit für Neubauten zu begleiten. So gab es Ende des 19. Jahrhunderts kaum ein archäologisches Projekt in Jerusalem, an dem Schick nicht auf die ein oder andere Weise beteiligt war.

Zuweilen schoss Schick bei seinen archäologischen Interpretationen allerdings über das Ziel hinaus. Wilson bemängelte, dass der Hobby-Ausgräber bei seinen Zeichnungen und Berichten gelegentlich nicht zwischen dem unterschied, was er tatsächlich sah, und was er zu finden erhoffte. So identifizierte Schick beispielsweise eine Mauer, die im Muristan, unweit der Grabeskirche entdeckt worden war, als Teil der Stadtbefestigung zu Zeiten Jesu.

Die deutschen Vertreter bezweifelten Schicks Urteil nicht, und so legte man beim Bau der deutsch-protestantischen Erlöserkirche (1893-98) den Grundstein symbolkräftig auf die vermeintliche Stadtmauer. Zur Einweihung des Gotteshauses am Reformationstag 1898 ließ es sich Kaiser Wilhelm II. nicht nehmen, persönlich nach Jerusalem zu reisen.

Rund 70 Jahre später sollten die Ausgrabungen des Deutschen Evangelischen Instituts des Heiligen Landes (DEI) ergeben, dass die fragliche Mauer in das 4. Jahrhundert nach Christus datiert – also viel zu jung war, um aus der Zeit Jesu zu sein.

Königlicher Modellbauer

Neben der altertumswissenschaftlichen Perspektive agierte Schick auch als Vermesser und Kartograph des zeitgenössischen Jerusalems. In Verbindung mit seinem Interesse an der Topographie sowie seinem Talent als Schreiner führte dies zu seinen einzigartigen Modellbauten. Sie verhalfen Schick zu weltweitem Ruhm – nicht zuletzt, weil sie aus Einzelteilen bestanden und daher leicht transportiert werden konnten.

Schicks Modelle waren nicht nur zum Anschauen – oft ließen sich die Dächer und Böden abnehmen und der Betrachter konnte das darunter Verborgene bestaunen. Besondere Erwähnung verdienen Schicks Modelle der Grabeskirche – unter anderem Auftragsarbeiten des osmanischen Gouverneurs und des Königs von Württemberg, der Schick für seine Modellbaukunst sogar einen Orden verlieh.

Darüber hinaus fertigte Schick Modelle des Felsendoms und des gesamten Tempelbergs an, die auch auf der Weltausstellung in Wien 1873 präsentiert wurden. Auch hier war es möglich, Bauten anzuheben und das Unterleben des gesamten Tempelbergs zu ergründen. Einige Schick-Modelle sind heute in der Christ Church, dem Paulus-Haus und dem DEI in Jerusalem zu besichtigen.

1877 zählte Schick zu den ersten Mitgliedern des Deutschen Vereins zur Erforschung Palästinas, der nach Vorbild des PEF gegründet worden war. Bis zu seinem Tod veröffentlichte er regelmäßig in der Vereinszeitschrift ZDPV. Der Großteil seiner Artikel beschäftigte sich mit archäologischen Entdeckungen in Jerusalem und der Umgebung. Auch wenn sich nicht alle Theorien Schicks bewahrheitet haben, so genießt seine Forschung im Bereich der Kartographie Jerusalems bis heute einen hohen Stellenwert.

Außerdem berichtete er von der aktuellen Lage im Heiligen Land – von der Landwirtschaft bis hin zu den diversen Siedlungsprojekten in Palästina. 1886-87 verfasste Schick eine Artikelserie unter dem Titel „Sonst und Jetzt: Die Veränderungen in Jerusalem und dem Heiligen Lande in den letzten 50 Jahren“. In dieser weitgehend in Vergessenheit geratenen Serie beschreibt Schick die Entwicklung „seiner“ Stadt und vermittelt damit dem heutigen Leser einen lebendigen Eindruck von Jerusalem im 19. Jahrhundert.

Ferner setzte Schick sich als Architekt ein Denkmal in Jerusalem. Er war unter anderem am Bau des Lutherischen Gästehauses in der Altstadt, des Syrischen Waisenhauses, Talitha Kumi, dem Neuen Tor zur Jerusalemer Altstadt, dem Aussätzigenasyl Jesushilfe und seiner eigenen Residenz in der Prophetenstraße, dem Tabor-Haus, beteiligt. Außerdem war er maßgeblich an der Planung des Mea-Schearim-Viertels beteiligt, wo heute in erster Linie ultra-orthodoxe Juden leben.

Von allen verehrt

Seine letzte Ruhestätte fand Schick am 23. Dezember 1901 gemeinsam mit seiner Frau Friederike, die wenige Tage nach ihm starb, auf dem anglikanisch-preußischen Friedhof auf dem Zionsberg. Dr. Percy d'Erf Wheeler, ein Missionar, der die britischen Krankenhäuser in Jerusalem leitete, erklärte bei der Trauerfeier: „Kein Zeitgenosse kannte Jerusalem so gut wie er.“

Als Schick 1896 für seinen 50-jährigen Aufenthalt und sein Engagement in Jerusalem geehrt wurde, entgegnete er: „Mein Tun war nichts, außer Fehler zu machen. Es ist der Herr, der alles getan und ermöglicht hat. Sein Name sei gelobt.”

Dies zeigt, dass Schick in erster Linie ein gläubiger Christ war. Respekt genoss er dafür von allen Seiten. An seinem Begräbnis nahm eine große Trauergemeinschaft teil. In der hebräischen Presse hieß es: „Er wurde von allen Einwohnern Jerusalems geliebt und verehrt – unabhängig von der Religion – von Juden, Muslimen und Christen zugleich.“

Marcel Serr ist Politikwissenschaftler und Historiker. Von 2012 bis März 2017 lebte und arbeitete er in Jerusalem – unter anderem als wissenschaftlicher Assistent am Deutschen Evangelischen Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Jerusalem. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der israelischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik sowie der Militärgeschichte des Nahen Ostens.

Von: Marcel Serr

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