Die Überreste der Kirche sind noch an der Stätte zu sehen

Die Überreste der Kirche sind noch an der Stätte zu sehen

Das vergessene Weihnachtsheiligtum

In den vier Evangelien kommt sie nicht vor. Dennoch verehrte die frühe Christenheit eine Stätte, an der laut Überlieferung die schwangere Maria auf dem Weg nach Bethlehem rastete.

Ganze Bücherwände sind schon über die Geburtskirche von Bethlehem geschrieben worden, den Ort, wo der Überlieferung nach die Krippe gestanden haben soll. Die Weihnachtspilger verzichten auch selten auf einen Besuch bei den Hirtenfeldern, die entsprechend der christlichen Konfessionen, protestantisch, katholisch oder orthodox über die Ortschaft Beth Sahur bei Bethlehem verteilt sind. Wobei jede Konfession eifersüchtig ihre eigenen Hirtenorte pflegt und selbstverständlich auch über eigene himmlische Heerscharen verfügt. Doch auf dem Weg von Jerusalem nach Bethlehem fahren die Busse mit den frommen Touristen mit hoher Geschwindigkeit auf einer sechsspurigen „Autobahn“ an einer bedeutenden heiligen Stätte vorbei.

Wo Maria Rast machte

Im sogenannten Protoevangelium des Herrenbruders Jakobus 17 und 18 heißt es: „Und sie kamen mitten auf die Straße, und Maria sprach zu ihm [Josef]: Nimm mich vom Esel, denn das, was in mir ist, drängt sich hervor. Und er nahm sie vom Esel und sprach zu ihr: Wohin soll ich dich führen und deine Schande bedecken? Denn der Ort ist eine Wüste.“

Dieses „Protoevangelium“ wurde angeblich im Jahr 145 verfasst und ist nicht Teil des neutestamentlichen Kanons geworden. Dank Dutzender Übersetzungen ins Lateinische, Slawische, Äthiopische und andere Sprachen war es in der frühen Kirche überall bekannt und bei den Menschen sehr beliebt. Es beschreibt das Leben der Maria und die frühe Kindheit Jesu. Der wahre Autor dieses heiligen Buches, das in der orthodoxen Liturgie sogar vorgetragen wird, ist unbekannt. Sicher ist nur, dass er von der Geografie des Heiligen Landes keine Ahnung hatte. Aber mit seinen populären Beschreibungen ergänzte er wunderbar die nur spärlichen Informationen über die „Mutter Gottes“ im Matthäus- und Lukas-Evangelium.

„Auf halbem Wege“ wurde interpretiert als eine Stelle auf halber Strecke zwischen Jerusalem und Bethlehem. Die Stelle, wo Maria „ruhte“, als das Jesuskind in ihr „drängte“, wird auf Griechisch „Kathisma“ (Stuhl) genannt.

Jerusalemer Fels gibt Raum für viele Heiligtümer

Wie in vielen anderen Fällen, bei Gleichnissen Jesu oder Berichten über „tatsächliche“ Vorfälle, haben die Gläubigen teilweise nach Jahrhunderten die „wahre“ Stelle lokalisiert und über ihr eine Kirche errichtet. Das gilt auch für jenen „Stuhl“ der Maria, wo der Legende nach der Felsen zurückgewichen ist an der Stelle, wo Maria sich hingesetzt hat.

Auch an anderen Orten wich in Jerusalem der Felsen zurück, etwa dort, wo Jesus auf dem Ölberg in den Himmel gefahren ist, oder auch dort, wo der biblische König Salomo nach Art der Moslems sich mit einem großen Turban auf dem Kopf beim Gebet wiederaufgerichtet hat. Je nachdem, welcher Religion der Tourguide angehört, sind es immer andere Felsen, die zurückweichen und zum Beweis den Abdruck der Nachwelt erhalten.

Oktogonale Bauten als Ausdruck der Vollkommenheit

Rund um den Felsen mit dem Sitz der Maria haben die Griechen im 5. Jahrhundert eine riesige oktogonale, also achteckige, Kirche errichtet, angeblich exakt in den Maßen von zwei anderen oktogonalen Bauwerken in der Stadt: der Rotunde um das Grab Jesu in der Grabeskirche und des Felsendoms auf dem Tempelberg, rund um den „Gründungsfelsen“ der Welt. Von der einstigen Kathisma-Kirche sind heute nur noch die Grundmauern mit dem Umriss der Kirche erhalten geblieben.

Eine israelische Archäologin legt die Mosaiken frei

Eine israelische Archäologin legt die Mosaiken frei

Vor einigen Jahren wurde das Gelände ausgegraben und erforscht. Rina Avner von der Altertumsbehörde legte die heute zum Schutz wieder mit Sand bedeckten bunten Mosaiken mit geometrischen und floralen Elementen in den Kapellen rund um das Mittelschiff frei. Am Eingangstor fand sie sogar eine griechische Inschrift mit dem Namen des Stifters. Das Oktogon galt früher als architektonischer Hinweis auf die Vollkommenheit in der Auferstehung. Bis hin zur Pfalzkirche Karls des Großen in Aachen findet sich dieses Prinzip oft in christlichen Sakralbauten, die weltlichen Herrschern und geistlichen Würdenträgern vorbehalten waren.

Die „teure“ Schönheit fiel dem Zeitgeist zum Opfer

Das Angebot der Israelis, über den Grundmauern wieder eine provisorische Kirche zu errichten, lehnten die Griechen ab. So befindet sich heute die Kathisma zwischen Olivenbäumen in einem verwahrlosten Feld. Und nur wenige Touristen verirren sich dorthin, wo die Damen unter ihnen dann für das Erinnerungsfoto auf dem Felsen in der Mitte des ehemaligen Gebäudes „probesitzen“ dürfen.

Der Standort dieser heiligen Stätte hatte früher eine große wirtschaftliche Bedeutung. Während heute die Pilger von Jerusalem nach Bethlehem fahren, kurz die Geburtsgrotte besuchen und ganz schnell wieder nach Jerusalem zurückkehren, wurden die Pilger vor 1.500 Jahren in der Kathisma aufgefordert, zu beten, eine Prozession zu machen und in jeder Hinsicht viel Zeit zu verbringen. Bis sie dann schließlich nach Bethlehem gelangten, war es Abend geworden. So mussten sie in Bethlehem ein Gasthaus aufsuchen, dort übernachten und dabei auch Geld für Devotionalien ausgeben.

Kathisma heute

Nur 200 Meter von der ursprünglichen Kathisma steht heute die dem Propheten Elia gewidmete griechische Kirche und Festung „Mar Elias“. Weil auch sie „genau“ auf halber Strecke zwischen Jerusalem und Bethlehem steht, findet hier die „Wachablösung“ statt, wenn der lateinische Patriarch zu Weihnachten nach Bethlehem einzieht. Auf dem Parkplatz vor der Kirche warten dann israelische Polizisten hoch zu Ross und mit großen Fahnen bewaffnet auf den Patriarchen-Konvoi und begleiten ihn auf seinem Weg, früher bis zum Krippenplatz vor der Geburtskirche, heute nur bis zum offenen Tor in der Mauer, wo auf der anderen Seite palästinensische Pfadfinder ebenfalls hoch zu Ross und mit Flaggen warten.

Die Tradition der Rast hat sich also seit fast 2.000 Jahren erhalten. Nur der Trick „altertümlicher“ Touristenführer, die Pilger möglichst lange aufzuhalten, damit sie in Bethlehem ihr Geld ausgeben, ist inzwischen in Vergessenheit geraten.

Von: Ulrich W. Sahm

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