Die Wohnzimmerwand der Familie Osman enthält neben Familienfotos auch islamische und palästinensische Symbole

Die Wohnzimmerwand der Familie Osman enthält neben Familienfotos auch islamische und palästinensische Symbole

„Seit 500 Jahren leben wir hier“

Während der Ausgang des Krieges von 1967 den Israelis den Sieg brachte, stellte er für die Araber eine bittere Niederlage dar. Ein Jordanier, der seit 1967 in Israel lebt, blickt auf die vergangenen 50 Jahre zurück. Dabei wird die innere Zerrissenheit deutlich, mit der viele israelische Araber zu kämpfen haben.

Im Jerusalemer Stadtteil Beit Safafa sitzt Mustafa Osman in seinem Wohnzimmer und blickt auf die vergangenen 50 Jahre zurück: „1967 war ein herber Rückschlag für die arabische Welt. Anfang Juni berichtete die BBC, dass der Krieg ausbrechen würde. Die Lage sei sehr gefährlich und Israel bereit zum Krieg.“ Osman ist pensionierter Lehrer der Oberschule von Beit Safafa. Dort unterrichtete er fast 30 Jahre lang Geschichte. „Die Nachrichten aus Ägypten, Jordanien und dem Irak waren: ‚Wir werden die Juden ins Meer treiben.‘“

Vor allem der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser hatte damals diesen Spruch propagiert. Doch aus Sicht Osmans ist er den Arabern zum Verhängnis geworden: „Das stimmte doch gar nicht! Wie hätten wir Araber denn die Juden ins Meer treiben wollen? Bis heute erzählen die Zionisten, dass die Araber das gesagt hätten. Und bis heute wollen die Juden, dass die Welt zusammen mit ihnen gegen die Araber steht. Dabei wollten wir die Juden gar nicht ins Meer treiben und töten. Das beweist auch der Umstand, dass es im Westjordanland keine Widerstandsbewegung gab; die Israelis besetzten das Gebiet, fanden aber keine Waffen.“

Osman schlürft am Tee, den seine Frau herbeibringt. „Eigentlich wollten wir mit den Juden in Frieden zusammenleben. Die Israelis haben Kinder und ich habe Kinder. Warum sollten wir diese gegenseitig umbringen? Doch die Juden nutzen die Aussagen der damaligen Politiker als Propaganda für sich. Und weil sie unser Land wegnehmen, können wir nicht in Frieden leben. Anfang der 60er Jahre kaufte mein Vater Land in Bethlehem und Jordanien. Als man ihn nach dem Grund fragte, sagte er: ‚Israel wird Jerusalem und das Land der Araber einnehmen und dann alle Araber vertreiben.‘ Nach dem Sechs-Tage-Krieg wussten wir, dass mein Vater Recht hatte.“

Osman studierte 1967 in Beirut und war am 4. Juni, einen Tag vor Kriegsbeginn, auf dem Weg zu seinen Eltern: „Wir bekamen die Information, dass es einen Krieg geben würde. Die Juden dachten, Nasser würde einen Krieg beginnen, weil er die Straße von Tiran und damit den Zugang zum Golf von Akaba für die israelische Schifffahrt geschlossen hatte. Schließlich begann Israel den Krieg, nicht Nasser. Die Israelis vernichteten alle Flugzeuge der Ägypter. Bis dahin hatten wir gedacht, dass wir nach Palästina zurückkehren konnten. Nun war alles anders. Für uns war es eine schlechte Lage, sowohl 1948 als auch 1967.“

„Die Araber hatten die wahre Stärke Israels verkannt"

Während Araber bis heute die Staatsgründung Israels als Nakba, als Katastrophe, bezeichnen, verwenden viele für die Ereignisse von 1967 den Begriff Naksa, was soviel wie „herber Rückschlag“ oder „Debakel“ bedeutet. Auch Osman verwendet dieses Wort, als er über die Ereignisse spricht: „Die Araber hatten die wahre Stärke Israels verkannt. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass Israel in der Lage war, den Sinai von Ägypten und die Golanhöhen von Syrien zu erobern. Die Juden hatten gute geheimdienstliche Informationen über die Ägypter. Ihre Spione wussten alles über die arabischen Staaten. Das hatten die Araber unterschätzt.“

Aus Erzählungen weiß Osman: „Auch hier in Beit Safafa kamen die israelischen Soldaten zur Polizeistation und forderten alle Waffen. Der Ortsvorsteher sagte: ‚Welche? Wir haben keine.‘ Doch sie bestanden darauf: ‚Natürlich. Ihr habt sieben Gewehre, zwei Pistolen‘, und so weiter. Die Juden wussten ganz genau über unseren Waffenbesitz Bescheid. Diejenigen, die die Waffen gebracht hatten, flohen nach Jordanien.“

Die Wände im geräumigen Wohnzimmer der Osmans sind neben privaten Fotos reich verziert mit Diplomen sowie islamischen und palästinensischen Symbolen. Neben einer Abbildung vom Felsendom prangt, kunstvoll geschmückt, der Umriss einer Landkarte, die Israel und die palästinensischen Gebiete zeigt. Darüber steht in arabischen Buchstaben „Palästina“. In der Karte selbst sind neben Jerusalem und Nablus auch die Städtenamen von Jaffo, Haifa und Akko verzeichnet.

Getrennte Familie

Auf dem Wohnzimmerschrank steht ein großes farbiges Foto, das den Zaun zeigt, der bis 1967 den Ort Beit Safafa in einen jordanisch und einen israelisch kontrollierten Teil trennte. Es wurde Anfang der 60er Jahre in einer kuwaitischen Zeitung veröffentlicht.

Osman schildert, wie die Trennung auch seine Familie betraf: „Nach der großen Katastrophe, der Staatsgründung Israels 1948, wurde unser Ort geteilt. Den einen Teil bekam Israel, unser Teil war unter jordanischer Regierung. Mein Bruder und meine Onkel lebten auf israelischer Seite. Auch meine Frau ist von der israelischen Seite, daher sind auch meine vier Kinder Israelis. Ich selbst bin Jordanier, habe aber seit der Besatzung 1967 eine israelische Aufenthaltsgenehmigung. Eine Straße und ein Zaun trennten uns, und wenn Journalisten aus dem Ausland kamen, sagten sie: ‚Das ist ja wie in Berlin.‘ Da ging ein richtiger Riss durch Familien. Nach der Staatsgründung Israels gab es dort natürlich längst nicht alles zu kaufen. Also fragten unsere Verwandten im israelischen Teil nach Kaffee, Tee, Olivenöl, Gläsern und Kaffeekannen. Im Gegensatz dazu bekamen wir von ihnen Jaffa-Orangen, Fisch aus dem Mittelmeer, Brot von den Bäckereien Angel und Berman. Unser Brot war natürlich besser, aber weil das Brot der Israelis anders war, nahmen wir es gern. Auf kleinen Zetteln stand drauf, woher es stammte.“ 

Der Traum von der Rückkehr

Israel habe ihm „sein Land“ genommen, sagt Osman und macht aus seinem Frust keinen Hehl: „Vor 1967 hofften wir noch, wir würden irgendwann die Städte Jaffa, Haifa und Ramle zurückbekommen. Doch mit dem unerwarteten Sieg der Israelis zerschlugen sich unsere Träume. Haifa gehört ja nicht mir, sondern den fünf Millionen Palästinensern, die heute im Libanon, in Syrien und in Jordanien leben. Denen allen sollte es möglich sein, zurück in ihre Heimat zu kommen.“ Die UNRWA, das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten, zählt inzwischen mehr als fünf Millionen Menschen als Flüchtlinge, die Nachkommen der Araber sind, die um 1948 das damalige Völkerbundsmandat für Palästina verlassen hatten.

Über dem Foto mit dem Zaun in Osmans Wohnzimmer hängt ein großer Eisenschlüssel. Dieser symbolisiert den bis heute existenten Wunsch vieler Araber nach der Rückkehr der fünf Millionen in die Häuser ihrer Vorfahren – ungeachtet der Tatsache, dass der Großteil dieser Häuser längst nicht mehr existiert. Solche Schlüssel lassen sich heute für 50 Schekel, etwa 12,50 Euro, auf vielen arabischen Märkten kaufen. Doch würden die fünf Millionen tatsächlich nach Israel kommen, wäre dies das Ende Israels als Staat mit jüdischer Mehrheit.

Mit dem Wunsch nach Rückkehr spricht Osman den Traum vieler Araber an, sich eines jüdischen Staates in der arabischen Welt zu entledigen. Trotz einer vermeintlich versöhnlichen Sicht des Konflikts spricht er offen aus, was viele Israelis befürchten: Eine Vernichtung des einzigen jüdischen Staates.

Paradoxerweise würde er dennoch lieber in Israel als in einem palästinensischen Staat leben. Auf die Frage, welchen Ort er zum Leben vorziehen würde, Israel oder einen palästinensischen Staat, antwortet er freilich erst indirekt. „Ich stamme aus Beit Safafa. Schon mein Vater, Großvater und Urgroßvater lebten hier. Meine Familie ist bereits seit 500 Jahren hier ansässig. Vorher waren wir bei den Arabern, auf der arabischen Halbinsel, in dem Gebiet, das heute der Jemen ist.“

Osman ist sichtlich stolz auf sein Wissen: „Ich kenne die Geschichte unseres Landes. Von den Kreuzfahrern über die Herrschaft der Osmanen bis hin zu den Briten. Ich lebe hier und mein Land ist hier. Wer auch immer hier herrscht, ob das Israel oder Großbritannien, Italien oder Frankreich ist – es bleibt mein Haus und Land in Beit Safafa. Niemals würde ich mein Land verlassen und woanders hingehen!“

Später, fast nebenbei, antwortet Osman doch noch auf die gestellte Frage: „Wenn es einen palästinensischen Staat mit Regierung in Ramallah, Nablus oder selbst in Jerusalem geben würde – natürlich würde ich vorziehen, hier in Israel zu bleiben. Aber es ist, wie es ist: Jerusalem gehört den Juden, und es wird niemals die Hauptstadt eines palästinensischen Staates sein.“

Von: mh

Sie können sich über Disqus, facebook, Twitter oder Google+ anmelden um zu kommentieren. Bitte geben Sie einen Namen, unter dem Ihr Kommentar veröffentlicht wird, und eine E-Mail-Adresse ein. Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Um Missbrauch zu vermeiden, werden wir Ihren Kommentar erst nach Prüfung auf unserer Seite freischalten. Wir behalten uns vor, nur sachliche und argumentativ wertvolle Kommentare online zu stellen. Bitte achten Sie auch darauf, dass wir Beiträge mit mehr als 900 Zeichen nicht veröffentlichen. Mit Abgabe des Kommentars erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an.

Datenschutz
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Moderation
Die Moderation der Kommentare liegt allein beim Christlichen Medienverbund KEP e.V. Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in den Nutzungsbedingungen.

comments powered by Disqus