Der Kommentar trägt die Überschrift: „Unsere frömmelnde Elite“

Der Kommentar trägt die Überschrift: „Unsere frömmelnde Elite“

Politiker kritisieren „Ha'aretz“

Die israelische Tageszeitung „Ha'aretz“ sorgt mit einem Meinungsartikel für Furore. Der Autor schreibt, Nationalreligiöse seien gefährlicher als die radikal-islamische Hisbollah-Miliz. Der Herausgeber versteht die Kritik nicht, die bis hin zum Vorwurf des Antisemitismus reicht.

TEL AVIV (inn) – Politiker aus dem linken und rechten Spektrum haben einen Artikel scharf kritisiert, der am Mittwoch in der linksliberalen Tageszeitung „Ha’aretz" erschienen ist. Darin behauptet der Journalist Jossi Klein, die religiösen Zionisten seien „gefährlicher als die Hisbollah“. Verteidigungsminister Avigdor Lieberman rief daraufhin am Donnerstag dazu auf, das Blatt zu boykottieren.

„Ha'aretz“ sei „schon lange zu einer Plattform geworden, die den Feinden Israels breiten Ausdruck verleiht“, schrieb Lieberman auf Facebook. Aber die Veröffentlichung des Artikels von Jossi Klein, „einem frustrierten und bedeutungslosen Journalisten, der auch als Herausgeber gescheitert ist“, habe alle roten Linien überschritten. Damit spielte der Minister auf die 1993 eingestellte Zeitung „Hadaschot“ an, die Klein verantwortet hatte. Er ergänzte, der Text verunglimpfe „eine wunderbare und ehrenwerte Öffentlichkeit, die einen größeren Beitrag für die Stärke und Sicherheit des Staates Israel leistet, als ihn Klein und seine Freunde bei ‚Ha’aretz‘ jemals leisten werden.“ Der Vorsitzende der Partei „Israel Beiteinu“ forderte „alle israelischen Staatsbürger“ auf, unverzüglich aufzuhören, die Zeitung zu erwerben und zu lesen.

Netanjahu: Nationalreligiöse sind „Salz der Erde“

Indes berichtet „Ha’aretz“ in ihrer hebräischen Online-Ausgabe ausführlich über die Kritik an dem Meinungsartikel. So zitiert sie aus einem Facebook-Post von Premierminister Benjamin Netanjahu (Likud): „Der Artikel in ‚Ha’aretz‘ ist beschämend und unwahr.“ Die nationalreligiöse Öffentlichkeit sei „das Salz der Erde, ihre Söhne und Töchter dienen in der Armee und im Zivildienst für den Staat Israel und die Sicherheit Israels. Ich bin stolz auf sie wie die Mehrheit der Staatsbürger“. Die in Tel Aviv erscheinende Zeitung müsse sich entschuldigen.

Staatspräsident Reuven Rivlin warf Klein vor, mit seinen Worten Hass zu schüren. „Der religiöse Zionismus ist Fleisch vom Fleisch dieses Landes“, kommentierte er den Artikel nach Angaben des Nachrichtenportals „Walla". „Er ist hochwertiger und verwurzelter als alle, die ihn verleumden.“

Bildungsminister Naftali Bennett (HaBeit HaJehudi) äußerte: „Weder die Nationalreligiösen, noch die Linken, noch die Araber, noch irgendein anderer Sektor hat einen so beleidigenden und törichten Diffamierungsartikel verdient.“ Seine Parteigenossin, Justizministerin Ajelet Schaked, schloss sich der Kritik an: „Jossi Klein, ich habe Mitleid mit Ihnen, dass Sie diesen Artikel für die Veröffentlichung am Pessachfest gewählt haben, und auch mit der Zeitung ‚Ha’aretz‘, die dieser Hetze eine Bühne gibt. Ich empfehle den Anwälten, diese Schande zu entfernen.“

Antisemitismusvorwürfe von zwei Ministern

Innenminister Arjeh Deri (Schass) merkte an: „Mal sind es Ultraorthodoxe, mal Orientalen und mal Nationalreligiöse, aber immer geht es gegen alles, was nach Judentum und Tradition riecht, und natürlich alles im Namen der Aufklärung und des Pluralismus. Schande!“

Einwanderungsminister Se'ev Elkin (Likud) warf der israelischen Zeitung gar antisemitische Tendenzen vor: „Schon lange hat ‚Ha’aretz‘ nicht mehr einem Artikel eine Bühne gegeben, der so sehr zu den Klischees der billigsten antisemitischen Propaganda, die es gibt, passt. Ersetzt ‚Nationalreligiöse‘ durch ‚Juden‘, und ihr werdet einen klassischen antisemitischen Text erhalten.“ Der frühere Finanzminister Jair Lapid von der oppositionellen Partei „Jesch Atid“ äußerte einen ähnlichen Vorwurf: „Was in ‚Ha’aretz‘ gegen den religiösen Zionismus veröffentlicht wurde, ist ein rein antisemitischer Text.“ Auch der Oppositionsvorsitzende Jitzhak Herzog (Zionistische Union) kritisierte den Meinungsartikel.

„Nationalreligiöse sickern ins Bildungssystem ein“

Der Text von Jossi Klein wurde unter der Überschrift „Unsere frömmelnde Elite“ im Premiumbereich von „Ha'aretz“ veröffentlicht, der nur Abonnenten zugänglich ist. Darin schreibt der Autor: „Die Nationalreligiösen sind gefährlich. Gefährlicher als die Hisbollah, gefährlicher als Fahrer, die ihre Autos in Menschen rammen und als Mädchen mit Schere. Araber kann man unschädlich machen, sie nicht. Was wollen sie? Den Staat beherrschen und ihn von den Arabern reinigen. Wenn ihr fragt, werden sie das leugnen. Sie wissen, dass es zu früh ist, um so offen zu sein. Glaubt ihren Leugnungen nicht.“ In dem Text nimmt der Journalist Bezug auf die jüngsten Terroranschläge gegen Israelis, die teilweise mit Fahrzeugen oder Scheren verübt wurden.

Weiter heißt es in dem Artikel: „Ihre Nationalreligiosität ist extremer Nationalismus, bedeckt von einer frömmelnden Gottesfurcht. Sie sickert ins Bildungssystem ein, stärkt sich in der Armee und beeinflusst den Obersten Gerichtshof. Sie sind schon auf dem Weg zu uns, noch einen Augenblick, und sie brechen die Tür ein.“

„Ha’aretz“-Herausgeber Amos Schocken indes bekundete über Twitter Unverständnis für die Kritik an dem Beitrag. „Ich begreife nicht die Aufregung (die pawlowsche, muss ich sagen) über Jossi Kleins Artikel.“ Dieser sei im Großen und Ganzen ähnlich wie ein Kommentar, den er selbst vor sechs Jahren verfasst habe. Er verlinkte auf jenen Beitrag, der die Überschrift trug: „Die notwendige Auslöschung der Demokratie“. Darin hieß es unter anderem: „Die Ideologie von (der Siedlerorganisation) ‚Gusch Emunim‘ sieht in der Gründung eines israelischen Apartheid-Regimes ein notwendiges Mittel.“

Von: eh

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