Schuften für die Verteidigung Israels: Jedes Jahr melden sich mehrere tausend Freiwillige für den Armeedienst
Schuften für die Verteidigung Israels: Jedes Jahr melden sich mehrere tausend Freiwillige für den Armeedienst

Extraschicht für Israel

Jedes Jahr melden sich rund 5.000 Freiwillige aus aller Welt bei der israelischen Armee. Sie putzen, streichen, packen an – und versetzen die Soldaten ins Staunen. Ein Erlebnisbericht von Simon Jackl

Der Alltag beginnt in Israel am Sonntag. Und so stehe ich an diesem ersten Wochentag im Gang eines Überlandbusses und versuche, mich so gut es geht festzuhalten, während der Bus mit hoher Geschwindigkeit die abschüssige Schnellstraße im Jerusalemer Bergland Richtung Tel Aviv hinunterrollt. Um mich herum sitzen fast ausschließlich junge Israelis in Militäruniformen, auf dem Weg zu ihren Stützpunkten. Noch bin ich Tourist, doch in wenigen Stunden werde ich einer von ihnen sein, denn ich befinde mich auf dem Weg zum Dienstantritt in der effektivsten und gleichzeitig wohl umstrittensten Armee der Welt.

In diesem Sommer habe ich mich für einen dreiwöchigen Arbeitseinsatz bei der Israelischen Armee beworben. Nach einigem Papierkrieg und einem Bewerbergespräch per Skype bekam ich die Zusage. So bin ich nun auf dem Weg zum Ben-Gurion-Flughafen, wo ich mich mit meinen „Mitstreitern“ und den für uns zuständigen Soldaten treffen soll. Während die Skyline von Tel Aviv am Horizont erscheint, frage ich mich, mit wem ich es in den nächsten Wochen zu tun bekomme und wo genau in Israel ich die nächste Nacht verbringen werde – ganz zu schweigen von den Aufgaben, die auf mich zukommen. Alles Fragen, die, wie Herr Pikovsky beim Skype-Vorstellungsgespräch anmerkte, erst bei Dienstantritt geklärt werden.

Möchte ein praktisches Zeichen für seine Freundschaft setzen: Simon Jackl
Möchte ein praktisches Zeichen für seine Freundschaft setzen: Simon Jackl

In Tel Aviv angekommen erschlägt mich zunächst die luftfeuchte Hitze und dann, als ich die Ankunftshalle des Ben-Gurion-Flughafens betrete, die Kälte der Klimaanlagen. Abseits des Flughafengetümmels steht Pamela Lazarus, die Koordinatorin des „Sar-El“-Freiwilligenprogrammes der Armee, mit einem Megafon. Sie ruft in strengem Ton allgemeine Verhaltensregeln in eine bunt zusammengewürfelte Gruppe Ausländer: Kein Alkohol, keine Drogen, kein Sex auf den Stützpunkten! Keine Diskussionen über Religion oder Politik und schon gar keine Missionierungsversuche! „Oder ihr werdet nach Hause geschickt, sofort!“ Dutzende Israel-Unterstützer aus Nordamerika und Europa drängen sich mit ihrem Gepäck um die resolute ältere Dame, die nun die Namen von Freiwilligen aufruft. Die Freiwilligen-Truppe wird aufgeteilt und in Kleingruppen verschiedenen Armeebasen in ganz Israel zugewiesen. Nach einer Stunde Wartezeit höre ich Pamela endlich meinen Namen durch das blechern-knisternde Megafon rufen. Ich gebe Personalausweis in Kopie, Anmeldeunterlagen und ärztliches Gesundheitsattest ab, schüttle Pamelas Hand („danke, dass du bei der Armee dienst“) und bekomme Krepp-Band auf die Brust geklebt, auf dem mein Stützpunkt in krakeliger Handschrift steht.

Empfang mit Hindernissen

Mein neues Zuhause für die nächsten drei Wochen wird eine Basis für Zivil- und Heimatschutz im Norden Israels sein, ein Truppenverband, der im Kriegsfall Zivilisten evakuiert, den Raketenalarm überwacht, aber auch bei Erdbeben oder Waldbränden Katastrophenhilfe leistet. Mit drei Schwaben, zwei Niederländern, einer Britin, einer Russin, vier Italienern und einer achtundsiebzigjährigen Südafrikanerin sitze ich in einem für unsere kleine Gruppe viel zu großen Bus. Als dieser das wuselige Tel Aviv Richtung Galiläa verlässt, stellen sich unsere „Madrichot“ (Betreuerinnen) vor. Schani und May, zwei Soldatinnen, 19 und 20 Jahre jung. Beide haben bald ihre drei Streifen auf dem Oberarm ihrer Uniform und somit ihren Wehrdienst fast abgeschlossen.

Nachdem sich unser Bus eine schmale und steile Straße zum Einfahrtstor unserer Basis heraufgequält hat, stehen wir dort mit laufendem Motor – und warten. Soldaten diskutieren mit dem Fahrer. „Sie haben uns nicht erwartet ... oder so ...“, erklärt uns May mit genervter Miene. Durch die großen Fenster beobachten wir die jungen Wachsoldaten, die jetzt abwechselnd mit ratlosem Gesicht am Telefon sind und zwischendurch wieder mit dem Fahrer debattieren. Irgendwann öffnet sich quietschend das Tor.

Wir rollen langsam zum Haupteingang der Kaserne, unter den Reifen klappen Krähenfüße um, links und rechts stehen schwere Betonklötze, die gepanzerte Fahrzeuge stoppen könnten. Außer einem trockenen heißen Wind empfängt uns niemand. Der Fahrer öffnet die große Ladetür seines Busses, wir kramen unsere Rucksäcke und Koffer heraus, und trotten hinter unseren Madrichot in die Eingangshalle der Basis. Die Kasernengebäude sind größtenteils britische Gefängnisse aus der Mandatszeit. Im Eingangsbereich hängen Fotos von Einsätzen des militärischen Zivilschutzes in Nordisrael, auf denen Soldaten in orangefarbenen Schutzwesten in zertrümmerten Gebäuden Zivilisten retten, Feuer löschen oder Schutt wegräumen.

Ich teile meine Stube mit Tim aus den Niederlanden. Uns wurde nicht zu wenig versprochen, als man uns warnte, unsere Unterkünfte seien spartanisch. Der Putz blättert von den Wänden, an denen sich gelangweilte Soldaten mit Filzstiften verewigt haben („wie lange noch?!“). Wir erfahren, dass unsere Stuben zuvor von Soldatinnen bewohnt wurden. Somit erklären sich auch die vielen Herzchen und Glitzer-Blumenaufkleber auf unseren Kleiderschränken.

Geselliges Arbeiten

Nachdem wir uns eingerichtet haben, geht es zur Kleiderkammer. Wir bekommen die typischen olivgrünen Uniformen. Hemd und Hose in dickem Stoff, die kaum zusammenpassen, aber zum Arbeiten völlig ausreichen. Nachdem wir den Zustand unserer Unterkünfte verkraftet haben (aus Sicht der Schwaben ist „baufällig“ gut gemeint), werden wir beim Abendessen miteinander warm. Ohne Englisch geht jetzt nichts mehr. Den südafrikanischen Akzent der achtundsiebzigjährigen Lorraine verstehe ich anfangs kaum, was sie nicht daran hindert, mir bei Hummus und Gurkenscheiben ihre gesamte Lebensgeschichte zu erzählen.

Der Umgang mit den Soldaten ist durchweg freundlich und respektvoll. Allerdings sind die jungen Israelis, die bis zu drei Jahren Wehrdienst leisten müssen, bisweilen irritiert und stellen uns verwundert Fragen. Ob wir Juden seien, und warum wir überhaupt freiwillig kommen, sogar ein Flugticket bezahlen, um dann ohne Lohn zu arbeiten. Ich erkläre dann, dass ich als Deutscher mit meinem Einsatz ein praktisches Zeichen setzen möchte für meine Freundschaft mit Israel und seinen Menschen. Der jüdische Staat ist aus meiner Sicht die Grundlage und Wurzel meines christlichen Glaubens. Politisch unterstütze ich Israel, weil es in der Region, trotz aller gesellschaftlicher Konflikte, ein Musterbeispiel für Freiheit und Demokratie darstellt. Die jungen Soldatinnen und Soldaten zeigen sich durch diese Erklärungen offenherzig und teilweise sogar gerührt.

Nach der ersten Nacht auf unseren dünnen Schaumstoffmatratzen geht es an die Arbeit. Tim und ich dürfen im Lager arbeiten. Gemeinsam mit jungen Soldaten, die kaum Englisch sprechen, richten wir einen neuen Lagerraum her, in dem Dinge zur Erstversorgung von Zivilisten aufbewahrt werden: Wasserkocher, Kühlboxen und Schutzwesten werden von uns inventarisiert und in Regalen verstaut. Und immer schön Pause machen, wie die jungen Rekruten uns erinnern. An einem anderen Tag führt uns ein Offizier in eine große Lagerhalle, die planlos vollgestellt ist mit ausrangierten Bürostühlen, Tischen und Serverschränken. Unsere Aufgabe ist es, diesen Schrott auf LKW zu verladen. Etwas enttäuscht über die scheinbar wenig kriegswichtige Aufgabe lassen wir es nach dem Vorbild der Mannschaft langsam angehen. An anderen Tagen streichen wir Baracken, oder wir helfen in der Küche. Höhepunkt ist der Nachmittag, an dem wir die Waffenkammer sehen dürfen und zusammen mit den zuständigen Soldaten alle M-16-Sturmgewehre und Maschinengewehre auf Gestellen in den Innenhof fahren und dabei helfen, diese zur Instandhaltung in ein Ölbad zu tauchen.

In den letzten Tagen unseres Einsatzes fahren wir mit unseren Vorgesetzten in ein nahegelegenes Logistikzentrum und packen in einer riesigen Lagerhalle an. Von hier werden unterschiedlichste Ausrüstungsgegenstände auf Paletten zusammengestellt und an Einsatzorte im Norden Israels verlagert. Ich beende meinen aktiven Militärdienst mit dem Gefühl, doch noch substanziell an der Verteidigung Israels mitgewirkt zu haben. Und obwohl unser Empfang recht reserviert war, werden wir umso ehrenvoller entlassen. Ein Essen mit dem General-Oberst der Basis, Geschenke und ein Abzeichen der Einheit gibt es zum Dank, bevor wir uns in einen viel zu kleinen Bus quetschten und Richtung Tel Aviv zurückfahren.

Von: Simon Jackl

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