In Israel sind Lebensmittel teuerer als in Deutschland – deshalb empfiehlt eine Facebook-Gruppe die Auswanderung.
In Israel sind Lebensmittel teuerer als in Deutschland – deshalb empfiehlt eine Facebook-Gruppe die Auswanderung.

Berliner Israelis werben für Auswanderung

BERLIN / JERUSALEM (inn) – Berlin ist besser als Israel. Das zumindest meint eine Gruppe Israelis, die ihre Landsleute über Facebook zur Auswanderung auffordern. Anlass sind die deutlich niedrigeren Lebensmittelpreise in der Bundeshauptstadt.

Die Facebook-Gruppe nennt sich „Olim LeBerlin“. Als „Olim“ werden in Israel Einwanderer aus dem Ausland bezeichnet – das hebräische Wort heißt „Aufsteigende“ und hat seinen Ursprung in der Pilgerfahrt zum Jerusalemer Tempel. Die Israelis in Deutschland sprechen in ihrer Selbstbezeichnung nun jedoch von „Aufsteigern nach Berlin“. Bis zum frühen Dienstagnachmittag hatte die Seite 7.525 „Gefällt mir“-Angaben.

Auf Facebook fordern die Initiatoren der Kampagne andere Nutzer heraus, die Preise in Israel mit denen in Deutschland zu vergleichen. Als Beispiel bilden sie einen Kassenbon aus einem deutschen Supermarkt mit hebräischer Übersetzung ab. Darauf sind registriert: zwei Packungen Orangensaft, eine Tüte Biovollmilch, eine Schnitzeltasche, drei Portionen Schokoladenpudding mit Sahnehaube, zwei Brötchen, eine Packung Nudeln, sechs Bioeier, zwei Packungen frische Pasta, Käseaufschnitt, Nudelsauce und ein Laib Landbrot. Die Lebensmittel haben insgesamt 16,08 Euro gekostet.

„Wir sind heute Morgen in den Lebensmittelladen unseres Viertels im Berliner Stadtteil Mitte gegangen“, schreibt der Administrator der Seite am Sonntag. „Es handelt sich nicht um einen Supermarkt mit Diskont und verrückten Voraussetzungen, sondern offenbar um einen Ort, an den man geht, wenn einem im Laufe der Woche ein paar Bedarfsartikel fehlen.“ Er habe Israel nicht wegen des Reservedienstes oder eines Raketenangriffes verlassen. Sondern er habe eines Tages im Supermarkt überlegt, „ob ich eine Viererpackung Milky für die Kinder kaufen oder vielleicht heute darauf verzichten soll. Hier muss ich nie über Lebensmittel im Supermarkt nachdenken“.

„Moralischer Tiefpunkt“

Der ehemalige Generaldirektor des israelischen Finanzministeriums, Doron Cohen, übte scharfe Kritik am Vorgehen der Facebook-Gruppe. Am Sonntag warf er den Initiatoren im Gespräch mit dem Wirtschaftsmagazin „Globes“ bewusste Täuschung vor. Am oberen Ende des Kassenzettels seien mehrere Buchstaben abgeschnitten, die „deutlich“ das Wort „Aldi“ ergäben. Eine Suchanfrage bei „Google Street View“ habe bestätigt, dass sich an der Adresse ein Supermarkt der Aldi-Kette befinde.

„Sie haben den Namen ‚Aldi‘ weggelassen und versteckt und auch geschrieben, dass es kein Diskontladen war“, sagte Cohen. „Tiefer kann man nicht fallen, und sie sind auch Lügner.“ Auf die Frage nach der Unmöglichkeit, in Israel einen Warenkorb zu einem ähnlichen Preis zu erhalten wie in Deutschland, entgegnete er: „Eine Facebook-Seite, die Israelis ermutigt, nach Berlin auszuwandern, ist das Niedrigste in der Welt.“ Auf das Grundproblem der hohen Lebensmittelpreise in Israel wollte Cohen laut der Online-Zeitung „Times of Israel“ nicht eingehen. Doch gab er zu, dass sich die jüngsten Reformen nur auf bestimmte Bevölkerungsgruppen ausgewirkt hätten, nicht auf die allgemeinen Lebenskosten.

„Beim Premier stehen Sicherheit und Politik im Vordergrund“

Im Sommer 2011 waren zahlreiche Israelis aus Protest gegen die hohen Lebenshaltungskosten auf die Straßen gegangen. Als Reaktion setzte die Regierung ein Komitee unter der Leitung des Professors Manuel Trajtenberg ein, das sich mit den Problemen befassen sollte (Israelnetz berichtete). Es legte seinen Bericht im Oktober desselben Jahres vor. Am Montagabend warnte der ehemalige Vorsitzende des Ausschusses vor negativen Folgen der Facebook-Kampagne. „Plötzlich ist Berlin attraktiver geworden, und das ist eine echte Bedrohung“, wird er vom Nachrichtenportal „Arutz Scheva“ zitiert. „Es gibt ein Gefühl der Enttäuschung, und es ist egal, ob es Erfolge oder Misserfolge gegeben hat – man kann nicht mit Gefühlen argumentieren.“

Regierungschef Benjamin Netanjahu sei unfähig, sich um die wirtschaftlichen Lebensumstände der Bürger zu kümmern, sagte Trajtenberg und führte aus: „Wir haben hier einzigartige Schwierigkeiten, die es sehr schwer machen, die Belange anzugehen. Ein Problem ist, dass der Premierminister von Israel vor allem anderen ein Premierminister der Sicherheit und politischer Angelegenheiten ist. Also kann er die sozio-ökonomischen Belange nicht in erträglicher Weise angehen. Er lagert das Thema aus, normalerweise an das Finanzministerium, was problematisch ist, weil das Finanzministerium seine eigene Politik hat.“

Der Professor räumte ein, dass das Komitee nur einen begrenzten Einfluss auf die Regierung habe nehmen können. „Der Protest hat Erfolg gehabt, indem er das sozio-ökonomische Thema nach Jahren, in denen es beiseite geschoben wurde, auf das Podium brachte.“ Doch sichtbare Auswirkungen habe es kaum gegeben, im Gegenteil: „Der Anstieg der Wohnungspreise hat nicht nur nicht aufgehört, sondern sie sind höher und höher geklettert und befinden sich nunmehr auf einem Allzeithoch.“

Dem „Times of Israel“-Bericht zufolge nennen viele Auswanderer die hohen Lebenskosten als einen Hauptfaktor für ihre Entscheidung, Israel zu verlassen. Die offiziellen Zahlen von 1990 bis 2011 zeigten überdies einen deutlichen Rückgang bei der Einwanderung. War 2001 mit 19.400 Immigranten ein Spitzenjahr, so wurden 2011 nur noch 6.700 Olim gezählt.

Von: eh