Das Pressehaus Stuttgart ist der Sitz der "Stuttgarter Zeitung".
Das Pressehaus Stuttgart ist der Sitz der "Stuttgarter Zeitung".

Antisemitische Karikatur in der „Stuttgarter Zeitung“

Die „Stuttgarter Zeitung“ hat auf der Titelseite eine Karikatur veröffentlicht, auf der der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu mit Davidsstern zu sehen ist. Es ist nicht das einzige antisemitische Motiv, das die Zeitung dabei bemüht.

Das Werk des Karikaturisten der „Stuttgarter Zeitung“ Luff alias Rolf Henn zeigt Netanjahu mit Davidsstern an der Brust, dort wo in Nazi-Deutschland die Juden einen gelben Stern trugen. Er sitzt auf einer Parkbank und lässt aus einer mit Totenkopf gekennzeichneten Flasche Gift auf kleine Stückchen Brot tröpfeln. Zu seinen Füßen, neben der Bank, wartet eine „Friedenstaube“ mit der Aufschrift „Nahostfriede“ auf die vom Juden Netanjahu vergifteten Brösel. An der Giftflasche hängt ein Etikett mit der Aufschrift „Siedlungsbau“. Unter dem Bild steht ein Zitat von Georg Kreisler: „Geh‘n mer Tauben vergiften im Park ...“. Zu sehen ist es auf der Webseite der „Stuttgarter Zeitung“ (http://is.gd/dUGw5e).

Flucht vor und Begegnung mit Nazis

Georg Franz Kreisler, 1922 in Wien geboren und im November 2011 in Salzburg gestorben, war Komponist, Sänger und Dichter. Er stammte aus einer jüdisch-österreichischen Familie. 1938, nach dem „Anschluss“ Österreichs, waren auch österreichische Juden von den Repressalien nach den Rassengesetzen des Nationalsozialismus‘ betroffen. Es gelang seinem Vater, unter Verlust des Vermögens mit der Familie über Genua und Marseille in die USA zu emigrieren.

Kreisler wurde 1943 US-amerikanischer Staatsbürger und gleich darauf für den Zweiten Weltkrieg zur US-Armee eingezogen. Als Soldat war er unmittelbar nach Kriegsende als Dolmetscher in Deutschland tätig, verhörte Julius Streicher, den Herausgeber des nationalsozialistischen Blattes „Der Stürmer“, und begegnete dem Reichsmarschall unter Hitler, Hermann Göring, sowie dem österreichischen SS-Funktionär Ernst Kaltenbrunner.

Ab Mitte der 1950er Jahre wurde Kreisler im deutschen Sprachraum populär durch Lieder wie „Tauben vergiften“, „Der Tod, das muss ein Wiener sein“ und „Wie schön wäre Wien ohne Wiener“.

Klammheimliche Schadenfreude

In einem Interview mit der Zeitschrift „Konkret“ hatte Kreisler 2002 gesagt: „Die Berichterstattung in den deutschen Zeitungen über den Nahen Osten aber ist doch nahe am: ‚Haut den Juden!‘ Es hat gerade heute wieder einer in der ‚Basler Zeitung‘ einen Artikel geschrieben, in dem er die Palästinenser gleichsetzt mit den Juden in der Hitlerzeit. Und das ist einfach falsch. Es wohnen genügend Palästinenser in Israel, die sagen, sie leben lieber in Israel als in einem arabischen Staat, denn in Israel gibt es mehr Demokratie. Und Palästina war nie ein Staat, das darf man nicht vergessen. Wenn sie jetzt einen Staat verlangen, so ist das etwas Neues. Ich bin nicht dagegen, dass sie einen Staat haben, nur gegen die Art und Weise, wie sie einen Staat zu erzwingen versuchen. Man soll nicht vergessen, dass die Palästinenser lange Zeit auf die Auslöschung des Staates Israel hingearbeitet haben und heute immer noch viele darauf hinarbeiten.“

Weiter sagte Kreiser: „Offensichtlich fällt es uns hier schwer, von einer historischen Situation für sich und nicht von einer Metapher für uns selbst zu sprechen. Immer geht es da um so eine klammheimliche Schadenfreude: Die Juden haben auch ihre Juden. Die Juden sind selber Faschisten und so weiter. Und dabei sehen wir, ich weiß nicht, ob Sie uns da recht geben, eine fatale Tendenz, dass sich dabei auch die Begriffe umdrehen lassen, wie zum Beispiel all die Formen des ästhetischen und rhetorischen Widerstands, ‚Provokation‘, ‚Tabuverstoß‘, ‚Subversion‘ links verschwunden sind und dafür rechts und sehr rechts wieder auftauchen. Toleranz ist dabei nur noch ein Mantel für die imaginäre Mitte.“

Antisemitische Motive

Man muss kein Experte sein, um zu erkennen, dass eine der angesehenen Zeitungen Deutschlands mit der Luff-Karikatur auf ihrer Titelseite gleich mehrere klassische antisemitische Motive bemüht hat. Da wird der Jude Netanjahu wie ein mittelalterlicher „Brunnenvergifter“ dargestellt, und noch dazu, wie er mit dem „Siedlungsbau“ den „Nahostfrieden“ ermordet. Das alles nur wenige Tage, nachdem Israelis und Palästinenser nach fünf Jahren Pause die Friedensgespräche wieder aufgenommen haben, trotz palästinensischen Terrors und öffentlich bekundeten Vernichtungsabsichten. Der Vorsitzende des palästinensischen Fußball-Bundes, Dschibril Radschub, hatte kürzlich erklärt: „Wenn wir eine Atombombe besäßen, würde ich sie morgen auf Israel werfen.“

Empörung über Karikatur

Georg Kreislers Tochter Sandra hat mit einem empörten Leserbrief gegen diesen „Tanz auf dem Grabe meines Vaters“ reagiert: „Wie kann man nur eine Zeichnung veröffentlichen, die den Namen und die Arbeit meines Vaters in Zusammenhang mit einer Meinung stellt, die erstens deutlich NICHT die seine war, zweitens KEINERLEI Verbindung mit dem zitierten Lied hat, und drittens rein inhaltlich ebenso antisemitisch wie inhaltlich falsch ist … Es ist eine Schande, derart auf dem Grabe meines Vaters zu tanzen.“

Zur Verteidigung der „Stuttgarter Zeitung“ und ihres Karikaturisten muss hier gesagt werden, dass Kritik an Israels Politik und speziell an der Siedlungspolitik legitim und eine Frage des politischen Standpunktes ist. Gleichwohl ist die abgedruckte Karikatur ein Paradebeispiel für das Überschreiten aller roten Linien. Da werden pure antisemitische Motive benutzt, um vermeintlich „legitime“ Kritik an Israel zu üben. Nur selten „erwischt“ man jemanden, der klassischen Antisemitismus so offen verwendet, wie sich das jetzt die „Stuttgarter Zeitung“ geleistet hat.

Eldad Beck, Korrespondent der israelischen Zeitung „Yediot Aharonot“ in Berlin, verwies in seinem Artikel über die Karikatur auch auf das Bild eines „Monsters“, das kürzlich mit antisemitischer Bildunterschrift in der „Süddeutschen Zeitung“ erschienen ist (Israelnetz berichtete). Er berichtete zudem, dass die israelische Botschaft in Berlin ein Protestschreiben an den Chefredakteur der „Stuttgarter Zeitung“ geschickt habe.

Zahlreiche Leserbriefe sind inzwischen an die „Stuttgarter Zeitung“ geschickt und in Kopie an andere Empfänger weitergeleitet worden. So schreibt C. Heun aus Norddeutschland: „Die Karikatur vom 5. August mit dem Untertitel ‚Geh‘n mer Tauben vergiften im Park, ist nicht nur vom bildnerischen her mit dem ‚Stürmer‘ verwandt, der Inhalt ist auch ausgesprochen böswillig und vor allem falsch … Der Gipfel ist allerdings, dass sie diese bösartige sog. Karikatur mit dem Text eines Juden unterlegen. Das ist zu allem anderen auch noch eine Geschmacklosigkeit.“

Johannes Riegger, Lehrer am Stuttgarter Wagenburg-Gymnasium, schrieb über 18 israelische Schüler, die auf Einladung des Stadtjugendrings und seines Gymnasiums zu Gast in Stuttgart waren. „Als Initiator weiß ich: Es hat den Israelis sehr gut hier bei uns gefallen. Sie haben sich jederzeit aufs Wärmste willkommen gefühlt. Was sie wohl zu Ihrer Karikatur vom 5.8. gesagt hätten? Diese Karikatur, die Israel aufs bösartigste diffamiert und mit klassisch antisemitischen Motiven arbeitet! Ob sich die israelischen Jugendlichen immer noch willkommen fühlten? Wie sollte ich Ihnen erklären, dass so etwas in ihrem hoch angesehenen Deutschland möglich ist? … Nein, das ist unseren israelischen Gastschülern nicht zu erklären. Diese Karikatur ist eine Schande, für die man sich entschuldigen müsste!“

Von: Ulrich W. Sahm

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