Schneider betonte laut einer Mitteilung der EKD, Juden und Christen hätten den gemeinsamen Auftrag, in der Welt für Gerechtigkeit und Frieden einzustehen. Voraussetzung dafür sei, dass beide Religionen „die je eigene Sendung an die Welt“ gegenseitig anerkennen. Dies bedeute für die Kirche, „jegliche Mission unter Jüdinnen und Juden zu unterlassen“. Im Verhältnis zum Judentum könne es nicht um Mission gehen: „Wir haben als Christinnen und Christen beim Judentum zunächst einmal zu lernen.“
Schneider erinnerte zudem an die Vision des Rabbiners Leo Baeck (1873-1956), dass Christentum und Judentum aufgrund ihrer gemeinsamen Grundlage in der Hebräischen Bibel, ihrer gemeinsamen Hoffnung auf das messianische Reich und der gemeinsamen Herausforderungen auch zu gemeinsamem Handeln kommen. Er bedauerte, dass die Gesprächsangebote Baecks „christlicherseits nur wenig beachtet wurden“. „Ich halte es für ein großes Versäumnis, dass unsere Kirchen dieses Gesprächsangebot nicht viel fröhlicher und stärker aufgegriffen haben.“
Jüdisch-christlicher Dialog ist „Geschenk des Himmels“
Weiter sagte Schneider: „Baeck musste nach den Erfahrungen der Schoa jedenfalls mehr als nur Zweifel an uns Christinnen und Christen und an unserem Streben nach Gerechtigkeit und Frieden haben. Ich kann es nur als unverdientes Geschenk des Himmels verstehen, dass Baeck und andere damals und bis heute dennoch nicht davon abgelassen haben, uns von jüdischer Seite immer wieder die Hand zu reichen. Es ist tatsächlich nur als Geschenk zu begreifen, dass wir als Kirche nicht für dieses Gespräch verloren gegeben wurden.“
Die EKD stehe gemeinsam mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland gegen Antisemitismus und Rassismus sowie für das Lebensrecht des Staates Israel ein. „Das bedeutet, wie ich immer wieder betont habe, kein unkritisches Mitgehen mit allen politischen Entscheidungen der jeweiligen Regierung. Aber es bedeutet ein unter allen Umständen solidarisches Zusammenstehen, wo der jüdische Staat in seiner Existenz in Frage gestellt wird.“
Nikolaus Schneider erhält den Preis nach den Worten des Vorsitzenden des Zentralrates, Dieter Graumann, „weil er sich der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland und weltweit sowie dem Staat Israel ganz besonders tief verbunden fühlt“.
Grauman nannte Schneider bei der Preisverleihung einen „Pionier der Partnerschaft mit dem Judentum“. Er würdigte, dass der Ratsvorsitzende während der Beschneidungsdebatte sofort die jüdische Position verteidigt habe. „Freunde erkennt man, wenn man sie braucht. Sie waren an unserer Seite, als wir Sie brauchten, das werden wir nie vergessen und dafür danken wir Ihnen von Herzen.“
Kirche kein Ersatz für Israel
Henry G. Brandt, Laudator und Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) in Deutschland, gratulierte dem Zentralrat der Juden zu seiner Entscheidung für Schneider: „Sie hätten keinen besseren Preisträger finden können und keine bessere Zeit.“ Der Rabbiner nannte den Ratsvorsitzenden seinen „Freund und Bruder“, der als Christ verstanden habe, dass die Kirche nicht an die Stelle, sondern an die Seite Israels getreten sei.
Die Auszeichnung ist mit 10.000 Euro dotiert. Mit dem Preis, der an den Rabbiner Leo Baeck erinnert, ehrt der Zentralrat der Juden in Deutschland seit 1957 Persönlichkeiten, die sich in herausragender Weise für die jüdische Gemeinschaft eingesetzt haben. Frühere Preisträger waren unter anderem die Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, Roman Herzog und Christian Wulff, sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Verleger Hubert Burda.