Das führende Nachrichtenmagazin der USA stellt regelmäßig unter der Rubrik „Lightbox“ „die zehn besten Bilder der Woche“ vor. Zu den hervorragendsten Früchten des aktuellen Fotojournalismus gehört eine Aufnahme vom internationalen Kissenschlachttag in Bukarest, der unter anderem auch in New York City, Washington, Paris, London und Paris begangen wurde. Weiter ist da Kate, die Herzogin von Cambridge, zu sehen, wie sie sich im traditionellen „hongi“-Gruß mit einem Maori-Stammesältesten in Neuseeland die Nase reibt. Sodann wird Israels Staatspräsident Schimon Peres in Peking von chinesischen Schulkindern mit einem Meer aus israelischen und chinesischen Fähnchen empfangen. Und schließlich ist da das Bild von einer Übung palästinensischer Sicherheitskräfte.
Das Bild ist mit „Deep Dive“ betitelt, was Google-Translate mit „Tieftauchgang“ ins Deutsche überträgt. Damit verweisen die amerikanischen Redakteure offensichtlich nicht auf die schwindelerregende Höhe des Sprungturms, sondern – für den Fall, dass das jemand übersehen haben sollte – auf die Wassertiefe, die dieser Sprungturm unter dem azurblauen Wasserspiegel voraussetzt.
Die Bildunterschrift lautet: „Weibliche Mitglieder der palästinensischen Präsidentengarde nehmen am 6. April an einer Übung in der Westbank-Stadt Jericho teil. Israel hat hochrangige Treffen mit seinen palästinensischen Gesprächspartnern abgesagt, nachdem palästinensische Vertreter einseitig den Betritt zu 15 Verträgen und Konventionen der Vereinten Nationen beantragt haben.“
Genial an diesem Bild ist, dass es die palästinensische Kämpferin in voller Montur, inklusive muslimischem Kopftuch, mit zugehaltener Nase beim Sprung in der Luft erwischt. Aber nicht nur das. Es offenbart auch, dass der palästinensische Präsident Mahmud Abbas, wie einst sein libyscher Amtskollege, Muammar Ghaddafi, Frauen als Leibwächter engagiert. Diese Nachricht ist nicht unpikant – angesichts der Enthüllungen von Ghaddafis Leibwächterinnen, nachdem sie von ihm nichts mehr zu fürchten hatten – auf dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung in der arabischen Welt, die traditionelle muslimische Werte immer wichtiger erscheinen lassen.
Großes Schwimmbad in der Wüstenstadt Jericho trotz Wassermangel?
Für den aufmerksamen Beobachter der Situation in „Palästina“ wirft das Bild eine ganze Reihe von Fragen auf: Wie kann es in der Wüstenstadt Jericho zu einem Schwimmbad solchen Ausmaßes kommen, wo doch chronischer Wassermangel herrscht – durch Israel verursacht!? Und: Wenn die Damen – bei der Wüstenhitze vermutlich verschwitzt und völlig verstaubt – in voller Montur in das klare Wasser hüpfen, wozu ist es dann danach noch verwendbar? Und überhaupt: Wozu müssen die Leibwächterinnen des Präsidenten, der von seinem Volk „Abu Masen“ genannt wird, im steintrockenen Westjordanland eigentlich einen Sprung vom Zehn-Meter-Turm ins tiefe Wasser üben? Was für ein Ernstfall wird dabei vorausgesetzt?
Die letzte dieser Fragen beantwortet eine Bildunterschrift in „The National“, erste englisch-sprachige Publikation von „Abu Dhabi Media“: „Mehrere Frauen, darunter Nichtschwimmer, wurden während der Übung als Mutprobe aufgefordert, in das Becken zu springen. Sie sprangen in voller Uniform, einschließlich der Stiefel. Eine musste von einem Rettungsschwimmer herausgezogen werden.“ – Wenn die palästinensischen Wüstenkämpferinnen urplötzlich, völlig überrascht und unvorbereitet vor einem tiefen Wasserbecken stehen, in das sie dann auch noch aus zehn Meter Höhe in voller Montur springen müssen, ist das natürlich eine hervorragende Vorbereitung auf alle möglichen und unmöglichen Situationen, denen sie sich bei der Verteidigung von Leib und Wohl ihres Präsidenten ausgesetzt sehen könnten, noch dazu, wenn die meisten dieser Mädchen Nichtschwimmerinnen sind.
Berichten Medien anti-israelisch oder gar anti-palästinensisch?
Die eigentliche Frage bei dem „Time“-Bild der Woche und seiner Unterschrift aber ist: Was hat die Meldung über die Aussetzung der israelisch-palästinensischen Gespräche mit den ins Wasser hüpfenden palästinensischen Soldatinnen zu tun? – Offen gesagt, kann ich nach längerem Nachdenken dem verantwortlichen „Time“-Redakteur für diesen journalistischen Akt nur böswilligen Anti-Palästinismus unterstellen. Die offensichtliche Widerlegung der so viel beklagten Wassernot der Palästinenser unterhöhlt alle anderen palästinensischen Klagen und Vorwürfe gegenüber dem israelischen Besatzer als potentiell ebenso unglaubwürdig.
Und dann ist da die Kausalkette, die als Grund für das Scheitern der Gespräche die palästinensischen Anträge bei der UNO nennt. Sie unterstreicht meinen Verdacht. Immerhin hätte „Time“ doch anmerken können, dass die Anträge der Palästinenser bei der UNO eine Reaktion auf die Weigerung Israels waren, weitere Gefangene freizulassen. Der ursächliche Beginn einer Kausalabfolge sagt meistens weniger über die Realität aus, als über die Absichten des Journalisten, der sie anführt. Vom ständigen Vorwurf, die Medien berichteten anti-israelisch und kehrten die wahre Situation in den palästinensischen Autonomiegebieten unter den Teppich, bleibt angesichts dieses Bildes und seiner Unterschrift jedenfalls nicht viel übrig.
Eine Google-Suche zum Wochenbild der „Time“ zeigt, dass die Aufnahme weltweit Verbreitung gefunden hat. Mehr als 300 Mal findet die Suchmaschine das Bild im weltweiten Netz. Der britische „Guardian“ hat es genauso veröffentlicht, wie türkische, arabische, russische, französische, italienische, hebräische, ostasiatische, nord- und südamerikanische Medien – auch „Der Spiegel“. Unter der Überschrift „Augenblick: Nase zu und durch“ berichtet das deutsche Nachrichtenmagazin, dass „weibliche Mitglieder der Wache des palästinensischen Präsidenten“ „in Jericho für den Ernstfall“ trainieren – bleibt dabei aber ebenfalls die Erklärung schuldig, welcher Ernstfall im Westjordanland „das Schwimmen mit Kleidung und Schuhen“ notwendig macht. Aber das hatten wir ja bereits. Es ging ja lediglich um die Mutprobe und das Unerwartete. Jedenfalls weiß jetzt auch jeder „Spiegel“-Leser, dass es in „Palästina“ so viel Wasser gibt, dass die Leibgarde des Präsidenten unter Einsatz ihres Lebens den Sprung aus zehn Meter Höhe ins tiefe Wasser trainieren muss und kann.
Was das Ganze mit den vertrocknenden palästinensisch-israelischen Verhandlungen zu tun hat, wird allerdings auch beim Streifzug durch das weltweite Netz nicht klarer. Vielleicht ist am realitätsnahesten die Annahme, dass sich die Bildredakteure des „Time Magazine“ gar nicht so viele Gedanken gemacht haben wie ihr Leser. Sonst hätten sie den Sprung ins Wasser der Leibwächterinnen des palästinensischen Präsidenten vielleicht auch noch im weiteren Gesamtzusammenhang mit dem Titelthema der Woche gesehen.
Darin macht sich nämlich Aryn Baker aus Kairo Gedanken über „Christen und Tyrannen“, oder konkreter: Über die „unheiligen Entscheidungen“, „die verfolgte Minderheiten im Nahen Osten“ angesichts von ausweglosen Situationen heute zu treffen gezwungen sind. Praktisch ausnahmslos unterstützen orientalische Christen Diktatoren, die brutal gegen die Bevölkerungsmehrheit in ihren Ländern vorgehen.
Waren 1914 noch ein Viertel der Bevölkerung des Nahen Ostens Christen, sind es heute weniger als fünf Prozent. Infolge der amerikanischen Invasion des Irak 2003 und den Unruhen des so genannten „arabischen Frühlings“ haben einige arabische Länder Demokratie probiert. Die Gewinner waren ausnahmslos Islamisten, beobachtet das US-amerikanische Nachrichtenmagazin. Die Folge: Seit dem Fall Saddam Husseins haben allein den Irak fast eine Million Christen verlassen.
Während im ganzen Nahen Osten, dem einstigen Kernland des Christentums, das Christentum um sein Überleben kämpft, geben palästinensische Pastoren aus der Westbank unumwunden zu, dass die Gegenwart ein goldenes Zeitalter für sie ist. Das ist kein Witz, sondern Realität in der Karwoche 2014. Vielleicht ist der Grund dafür, dass man in „Palästina“ in Wasser springt, das es nach offiziellem Narrativ eigentlich gar nicht geben dürfte. Vielleicht ist die Nahostpolitik des amerikanischen Außenministers John Kerry auch so ein Sprung vom Zehn-Meter-Turm in Wasser, das es eigentlich gar nicht geben darf – und das die assoziierte Brücke zwischen Bild und Bildunterschrift von „Time“-Bild der Woche. Tatsache bleibt jedenfalls bei all dem Geheimnisvollen im Geschehen des Nahen Ostens: In der Wüstenstadt Jericho springen die Leibwächterinnen des palästinensischen Präsidenten in voller Montur vom Zehn-Meter-Turm ins tiefe Wasser, um sich auf den Ernstfall vorzubereiten.
Das Bild findet sich als Nummer 22 in der Bildstrecke unter http://tinyurl.com/time-pics-of-the-week