Ein neues Jahr beginnt

Am Anfang des jüdischen Jahres steht die Buße im Mittelpunkt. Doch das Neujahrsfest hat auch einen besonderen süßen Aspekt.
Neben Äpfeln mit Honig sind Datteln und Granatäpfel an Rosch HaSchanah beliebt
Neben Äpfeln mit Honig sind Datteln und Granatäpfel an Rosch HaSchanah beliebt

Zwei Tage lang feiern Juden den Anfang des Jahres 5778 nach der Erschaffung der Welt. Das Neujahrsfest heißt auf Hebräisch „Rosch HaSchanah“, was wörtlich „Haupt des Jahres“ bedeutet. In diesem Jahr beginnt es am Abend des 20. September. Das Anzünden der Kerzen sowie der Segen über den Wein, der Kiddusch, leiten die feierliche Mahlzeit ein. Nach dem Segen über das Brot streuen Juden nicht – wie sonst üblich – Salz darauf. Stattdessen tauchen sie es an diesem Abend in Honig. Zum Festmahl gehören Äpfel, die ebenfalls mit Honig gegessen werden. Dies drückt die Hoffnung auf ein „süßes“ Jahr aus.

Mit dem Neujahrsfest beginnt eine Zeit der Buße. Rosch HaSchanah gilt als Gerichtstag, an dem Gott das Urteil über Juden und Nichtjuden fällt. Das Urteil wird am letzten Bußtag – dem Großen Versöhnungstag Jom Kippur – besiegelt. In diesem Zeitraum, der vom ersten bis zum zehnten Tag des jüdischen Monats Tischrei währt, besteht die Möglichkeit zur Selbstbesinnung, Reue und Bitte um Versöhnung. Am Jom Kippur bitten Juden Gott um Vergebung für die Sünden des vergangenen Jahres.

An den ersten Tagen des Jahres begrüßen Juden einander mit dem Wunsch: „Mögest du zu einem guten Jahr ins Buch des Lebens eingetragen und besiegelt sein“. Dieser Gruß bezieht sich auf das Buch, in dem Gott nach jüdischem Verständnis die Taten der Menschen notiert.

Vergebung veranschaulichen

Eine besondere Tradition verdeutlicht die Vergebung: das „Taschlich“. Vor dem Nachmittagsgebet des ersten Tages von Rosch HaSchanah nehmen Juden kleine Steine in ihren Kleidertaschen mit und werfen sie in einen Fluss oder See, in dem es Fische gibt. Dies erinnert an Gottes Versprechen, die Sünden ins äußerste Meer zu werfen und zu vergessen: „Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“ (Micha 7,19)

Das jüdische Jahr richtet sich nach dem Mond. Es hat zwölf Monate und durchschnittlich 354 Tage. Alle zwei bis drei Jahre wird im Frühjahr nach dem Monat Adar ein zusätzlicher Monat „Adar II“ eingeschaltet, damit die Differenz zum Sonnenjahr ausgeglichen wird. Dadurch können die Juden ihre Feste in den passenden Jahreszeiten feiern. Die Tage beginnen jeweils mit dem Sonnenuntergang, denn im biblischen Schöpfungsbericht (1. Mose 1) heißt es: „und es ward Abend, und es ward Morgen …“. In Psalm 55,18 betet David zudem: „Des Abends, morgens und mittags will ich klagen und heulen; so wird er meine Stimme hören.“

Vier Jahresanfänge

In 4. Mose 29,1 gebietet Gott den Israeliten: „Und am ersten Tag des siebenten Monats soll heilige Versammlung sein. Da sollt ihr keine Dienstarbeit tun; ein Tag des Posaunenblasens soll er für euch sein.“ Dieser Vers bezieht sich auf Rosch HaSchanah. Deshalb ist der Beginn des Jahres in Israel bis heute ein Feiertag. Der in der Bibel angesprochene siebente Monat ist der Tischrei, der im September oder Oktober des weltlichen Kalenders beginnt. Doch weshalb feiern Juden Neujahr nicht im ersten Monat? Das liegt daran, dass der Jahresbeginn nach unterschiedlichen Kategorien festgelegt wird.

In der Textsammlung, die dem Talmud zugrunde liegt, der Mischna, heißt es dazu: „Vier Jahresanfänge gibt es. Am 1. Nissan ist das Neujahr der Könige und der Wallfahrtsfeste. Am 1. Elul ist das Neujahr für den Zehnten beim Vieh. Rabbi Eleasar und Rabbi Schimon sagen: am 1. Tischrei. Am 1. Tischrei ist das Neujahr für die Jahre und die Schmittajahre und die Joveljahre, fürs Pflanzen und für Gemüse. Am 1. Schvat ist das Neujahr für den Baum, meint die Schule von Schammai – die Schule Hillels hingegen sagt: am 15. Schvat.“ (Mischna Rosch HaSchanah 1,1)

Uneinigkeit unter jüdischen Gelehrten

Der 1. Nissan kommt ausdrücklich in der Bibel vor, als erster der Monate: „Im ersten Monat, das ist der Monat Nissan, im zwölften Jahr des Königs Ahasveros, wurde das Pur, das ist das Los, geworfen vor Haman, von einem Tage zum andern und von Monat zu Monat, und das Los fiel auf den dreizehnten Tag im zwölften Monat, das ist der Monat Adar.“ (Ester 3,7) Am 15. Nissan beginnt Pessach, damit wurde einst die Wallfahrtssaison eröffnet. In 2. Mose 12,1–2 steht geschrieben: „Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen.“ Darauf folgen direkt die Regelungen für das Passahfest. Auch die Amtszeiten der biblischen Könige wurden ab diesem Monat gezählt.

Der Elul ist der sechste Monat, also der letzte vor dem Tischrei. Er hat in diesem Jahr am Abend des 22. August begonnen. Wie aus dem Mischnatext hervorgeht, waren sich die Gelehrten nicht darüber einig, ob es am 1. Elul einen besonderen Neujahrstag geben soll. Konkret geht es darum, ab welchem Tag der Zehnte für das neugeborene Vieh berechnet wird.

Einigkeit herrscht hingegen darüber, dass der 1. Tischrei das Neujahr für die Sabbatjahre (Schmittajahre) ist, in denen die Felder nicht bebaut werden sollen. Hinzu kommt das Joveljahr, also das Erlassjahr für die Schulden alle 50 Jahre (3. Mose 25,8–55).

Beim Neujahrsfest der Bäume hat sich letztlich Hillels Schule und damit der 15. Tag des Monats Schvat durchgesetzt. Am Halbfeiertag TU BiSchvat pflanzen Juden Bäume. Bei der Festlegung des Datums ging es konkret darum, ab wann die Früchte bei der Abgabe des Zehnten dem neuen Jahr zugerechnet werden. Der 15. Tag des Monats Schvat eignet sich gut dafür, weil in dieser Zeit die Regenzeit in Israel endet. Neue Früchte beginnen sich an den Bäumen zu formen.

Bindung Isaaks und Sündenfall

Die Bibel bezeichnet den Neujahrstag als „Tag des Posaunenschalls“. Das Widderhorn Schofar, das an Rosch HaSchanah geblasen wird, ruft zur Besinnung auf und dient dem Lob des Schöpfers. In der Synagoge dominiert die weiße Farbe, die für Reinheit steht. In den Gebeten wird Gott bevorzugt als „König“ angesprochen, was seine Autorität betonen soll. Ein Beispiel für bedingungslosen Gehorsam gegenüber dem Schöpfer ist die „Akedat Jitzchak“, die Bindung Isaaks: Abraham war bereit, seinen einzigen Sohn zu opfern, weil Gott dies geboten hatte (1. Mose 22). Diese biblische Geschichte spielt bei dem Fest eine besondere Rolle. Gemäß der Überlieferung hat sie sich an einem 1. Tischrei ereignet.

Zum Neujahrsfest gehört das Blasen des Schofar Foto: מינוזיג - MinoZig, Wikipedia
Zum Neujahrsfest gehört das Blasen des Schofar

Auf diesen Tag datieren Juden weitere Vorkommnisse: So hat Gott laut der Tradition Adam und Eva an Rosch HaSchanah erschaffen. Am selben Tag habe der Mensch auch die erste Sünde begangen, indem er gegen das göttliche Verbot verstieß, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. Adam und Eva „wurden aus dem Garten verbannt, und die Menschheit wurde sterblich. Aber an diesem Tag bereuten der erste Mann und die erste Frau ihre Sünde, und führten das Konzept und die Möglichkeiten der Tschuwa in die menschliche Erfahrungswelt ein“, schreibt die orthodoxe Organisation „Chabad“ auf ihrer Webseite. „Tschuwa“ heißt übersetzt „Umkehr“ und meint in dem Fall Buße.

Von: Elisabeth Hausen

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