Ein Computerprogramm überwindet Grenzen

Israelis und Palästinenser haben am Dienstagabend eine Website gestartet, durch die Internetnutzer in aller Welt einen "virtuellen Desktop" erhalten können. Der frühere britische Premierminister Tony Blair lobte die Kreativität der Mitarbeiter aus dem Westjordanlalnd und Israel, die das Projekt "G.ho.st" ermöglicht hatten. Die Eröffnung wurde auf einer Anhöhe zwischen Jerusalem und Bethlehem gefeiert - dort befindet sich eine Lücke in der israelischen Sperranlage.

“G.ho.st” steht für “Global Hosted Operating SysTem” (Weltweit verfügbares Betriebssystem). Es ist gleichzeitig die Webadresse, für die sowieso Punkte benötigt werden. Außerdem hat für die israelischen und palästinensischen Mitarbeiter das englische Wort “ghost” (Geist) auch eine symbolische Bedeutung: Ein Geist, der keinen Körper hat, kann ungehindert Mauern durchdringen und Grenzen überschreiten.

“Wir wissen, dass wir eine politische Lösung brauchen”, sagte Blair bei der Eröffnung. Doch es gehe nicht nur um Politik, sondern auch um Wirtschaft, Lebensstandard und das Bedürfnis nach Sicherheit. “Ich war heute in Nablus. Da haben die Israelis mehrere Checkpoints entfernt.” Dies bringe die palästinensische Wirtschaft voran.

Kreativität, wie sie in diesem Projekt zum Ausdruck komme, “kennt keine rassischen und kulturellen Hindernisse”, so der Gesandte des “Nahostquartetts”. Israelis und Palästinenser seien beide sehr kreativ. Angesichts der hinter ihm befindlichen Sperranlage hoffe er, dass Barrieren niedergerissen würden. “G.ho.st” bezeichnete Blair als “Symbol einer anderen und veränderten Welt, wo Menschen Seite an Seite in Frieden und Harmonie leben”. Das Quartett besteht aus der UNO, der EU, den USA und Russland.

Israelischer Gründer: “Mitarbeiter mussten auch Botschafter sein”

Der israelische Software-Entwickler Zvi Schreiber ist Gründer und Generaldirektor von “G.ho.st”. Er hat in den USA, Großbritannien und Israel gearbeitet. Zuletzt gründete und leitete er das Unternehmen “Unicorn Solutions”, das er im Mai 2006 an IBM verkaufte. Über die Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinensern sagte er bei der Feier: “Jeder müsste ein Botschafter sein und in seiner eigenen Gemeinschaft erklären, warum es so wichtig ist, dass man zusammenarbeitet.”

Im Mai 2006 gab es die erste Start-up-Version der Website, auf der die Anwender unter anderem Dateien, Ordner und Bilder genauso speichern können wie auf ihrem eigenen Desktop. Ein Jahr später baten die Mitarbeiter zahlreiche User in aller Welt, das Programm zu testen und über Fehler zu informieren.

Bislang steht “G.ho.st” in 20 Sprachen zur Verfügung. Nutzer können die Administratoren auf neue Anwendungen aufmerksam machen, die dann in das Programm aufgenommen werden. Jeder User erhält kostenlos 15 Gigabytes Speicherplatz. Wenn dieser nicht ausreicht, kann er gegen Bezahlung um 5 Gigabytes aufgestockt werden. “G.ho.st” finanziert sich unter anderem dadurch, dass es eine Gebühr von Service-Providern erheben kann, wenn Nutzer von ihrem virtuellen Desktop aus auf sie zugreifen.

Arbeitsbesprechungen in der Wüste

Die Mitarbeiter trafen sich bei der Entwicklung des virtuellen PC-Arbeitsplatzes in der Wüste zwischen Jerusalem und Jericho, weil sowohl Israelis als auch Palästinenser dorthin gelangen konnten. Trotz der technischen Schwierigkeiten an dem abgelegenen Ort waren die Entwickler erfolgreich. Die Kommunikation erfolgte allerdings in den meisten Fällen auf elektronischem Wege, persönliche Begegnungen waren selten.

Schreiber will auch mithelfen, dass sich die Wirtschaftslage in den Palästinensergebieten verbessert. Durch das Unternehmen “G.ho.st” wurden neue Arbeitsplätze geschaffen. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Seiten schaffe mehr Verständnis füreinander. Das Team besteht aus mehr als 30 Palästinensern und Israelis. Im Gazastreifen gibt es derzeit keine Mitarbeiter. Dies liegt einerseits an der Infrastruktur: In dem Gebiet ist das Internet schwer zugänglich und wird teilweise zensiert. Ein zweiter Grund sind die politischen Spannungen. “G.ho.st” ist auf den britischen Jungferninseln registriert, weil sie ein neutraler Ort sind. Die Hauptquartiere befinden sich in der israelischen Stadt Modi’in und in der palästinensischen Autonomiestadt Ramallah.

Palästinenser: “Kulturen sind nicht so unterschiedlich”

Der Leiter der Forschungs- und Entwicklungsarbeiten von “G.ho.st” im Palästinensergebiet, Elias Chalil, sagte bei der Eröffnung: “Ich glaube, dass Software-Industrie eine wichtige Industrie in einem Entwicklungsland wie Palästina sein sollte.” In dem virtuellen Team habe man mit Leuten aus anderen Kulturen kommunizieren müssen, “die unter anderen Umständen vielleicht als Feinde angesehen würden”. Doch später habe sich herausgestellt, dass die Kulturen gar nicht so unterschiedlich seien.

Zu der Firma gehört auch die “G.ho.st-Friedensstiftung”. Deren Leiterin ist Noa Rothman, eine Enkelin des 1995 ermordeten israelischen Premierministers Itzhak Rabin. Sie berichtete von drei Computerzentren, die neu gegründet wurden. Zwei befinden sich in Ostjerusalem, eines in der israelischen Stadt Lod – das besuchen auch Araber. Die Zentren arbeiteten eng mit den örtlichen Sozialeinrichtungen zusammen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene nutzten diese Möglichkeit. Die Mitarbeiter der Stiftung planen weitere solche Zentren an verschiedenen Orten.

“Mehr Flexibilität als beim PC”

Bereits vor der Eröffnung hatte Schreiber vor Journalisten die technischen Vorteile von “G.ho.st” erläutert. Einer von ihnen sei die Flexibilität: User könnten von jedem Computer aus auf das Programm zugreifen, der einen Internetzugang hat. Der Browser spiele dabei keine Rolle. Auch über Mobiltelefone mit entsprechender Ausstattung sei die Website erreichbar. Wenn jemand seinen virtuellen Desktop wieder öffne, finde er ihn genauso vor, wie er ihn zuletzt verlassen habe.

Die Nutzer würden zudem nicht durch Mitteilungen über Updates gestört, weil sich die Mitarbeiter von “G.ho.st” darum kümmerten, sagte der Israeli. Auch sei das Programm billiger. Von jeder Datei würden automatisch drei Sicherheitskopien erstellt. Regelmäßiges Speichern sei allerdings wichtig. Hinzu komme eine größere Sicherheit als bei einem Computer zu Hause, der gestohlen werde könne. Als Vergleich nannte er die Möglichkeit, Geld entweder in der eigenen Wohnung oder auf einer Bank zu lagern. Nutzer würden angehalten, sich ein Passwort zuzulegen, das man unmöglich erraten kann. Bei Fragen reiche eine E-Mail, die innerhalb weniger Stunden beantwortet werde.

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