Ein Bundespräsident auf schwierigem Terrain

“Die Verantwortung für die Scho’ah ist Teil der deutschen Identität.” Und: “Deutschland steht unverbrüchlich zu Israel und seinen Menschen.” Horst Köhler ist es gelungen, die Herzen der Israelis zu gewinnen, nicht nur durch den Inhalt dessen, was er zu sagen hat, sondern auch durch die Art und Weise, wie er seine Botschaft vorträgt und durch sein Auftreten.

Nachdem in den Tagen vor seinem Staatsbesuch in Israel neu und heftig diskutiert wurde, ob ein deutscher Bundespräsident in deutscher Sprache vor dem israelischen Parlament reden dürfe, beginnt dieser seine Rede auf Hebräisch – und sagt in der Landessprache nicht nur einen Gruß, sondern “sogar mehrere Sätze”, wie das israelische Fernsehen erstaunt feststellte. Bei dem Satz, “ich verneige mich in Scham und Demut vor den Opfern und vor denen, die ihnen unter Einsatz ihres Lebens geholfen haben”, versagt dem höchsten deutschen Repräsentanten fast die Stimme.

Am Vormittag des 2. Februar, wenige Stunden vor seiner Rede in der Knesset, besuchte Prof. Dr. Köhler die südisraelische Stadt Sderot, die seit Monaten unter palästinensischem Raketenbeschuss leidet. Dieser hoch politische Besuch war erst durch das israelische Presseamt bekannt geworden. Deutsche Stellen hatten ihn verschwiegen. Köhler besucht während seines viertägigen Nahostaufenthaltes aus Anlass von vierzig Jahren deutsch-israelischer Beziehungen zwar die Opfer des palästinensischen Terrors, nicht aber die palästinensischen Autonomiegebiete.

Als Regierungschef Ariel Scharon dann in der Knesset das Recht Israels auf Selbstverteidigung betont, applaudiert Horst Köhler spontan als einziger – und wird von Knessetsprecher Ruben Rivlin auf den Protokollverstoß durch einen sanften Stoß in die Seite aufmerksam gemacht.

Oppositionsführer Josef Lapid stellt sich als letztes holocaustüberlebendes Knessetmitglied vor. “Es gibt Menschen hier, bei denen die deutsche Sprache furchtbare Erinnerungen hervorruft”, geht er auf die Sprachdiskussion ein. Mehrere Knessetabgeordnete waren der Sitzung demonstrativ ferngeblieben. Finanzminister Benjamin Netanjahu saß noch wenige Minuten vor dem Eintreffen Köhlers an seinem Abgeordnetenplatz, war dann aber während der Rede verschwunden.

“Nicht nur Hitlers ‚Mein Kampf’”, sondern auch die für den jüdischen Staat grundlegende Schrift Theodor Herzls “Der Judenstaat”, “wurden in deutscher Sprache verfasst”, erinnert Lapid und kommt zu dem Schluss: “Nicht die Sprache ist schuldig, sondern die Menschen, die sich ihrer bedienten.” Trotzdem stellt Josef “Tommy” Lapid fest: “Mein Vater und Großvater – die beide in Konzentrationslagern ums Leben gekommen sind – würden mir nie verzeihen, wenn ich Nazideutschland verzeihen würde.”

Horst Köhler stellt sich den Sensibilitäten seiner israelischen Gastgeber. Wenige Tage zuvor hatte er sich noch von Holocaustüberlebenden durch Auschwitz führen lassen. “Die Gesichter der Opfer dürfen uns nicht verlassen. Wir müssen sicherstellen, dass die Lehren von einer Generation an die nächste weitergegeben werden”, betont er vor dem israelischen Parlament und schlägt dann den weiten Bogen bis in die komplizierte Gegenwart.

“Ich glaube fest an einen Nahen Osten, in dem Israel und ein palästinensischer Staat friedlich zusammen leben, eine Region, in der niemand die Existenz des Staates Israel anzweifelt”, meint er zum Ende seiner Rede, weiß aber sehr wohl, dass Frieden im Nahen Osten ein Wunder ist. Deshalb schließt er: “Ben Gurion wird der Satz zugeschrieben: ‚Wer nicht an Wunder glaubt, der ist kein Realist.’ Wir brauchen solche Realisten gerade jetzt.”

Horst und Eva Luise Köhler bewältigen in vier Tagen ein weit reichendes Programm, das sie durch ganz Israel führt. Neben dem Besuch der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem und einer Reihe von Begegnungen mit führenden Politikern, stehen Besuche sozialer und gesellschaftlicher Einrichtungen, sowie verschiedener Universitäten in Haifa, Tel Aviv, Jerusalem und Rehovot auf dem Terminplan.

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