Die Toten des arabischen Aufruhrs

Bei den "weitgehend friedlichen Unruhen" in Ägypten, so der Ägypten-Experte Hamed Abdel Samas bei n-tv, hat es nach offiziellen Angaben 345 Tote gegeben. Minister Ahmed Sameh Farid sagte, dass nur die getöteten Zivilisten gezählt worden seien. Polizisten und Gefangene wurden noch nicht mitgerechnet. Menschenrechtsorganisationen halten diese Zählung jedoch für "sehr konservativ". Bei Kreuzfeuer, auch auf dem Tahrir-Platz, seien mutmaßlich insgesamt sehr viel mehr Menschen ums Leben gekommen.

Erstaunlicherweise macht sich niemand die Mühe, täglich die Toten bei den Unruhen in der ganzen arabischen Welt zu zählen und immer wieder Bilanz zu ziehen, wie das bei manchen Konflikten in anderen Teilen der Welt geschieht. Die nachfolgenden Angaben erheben keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, zumal sie sich in den meisten Fällen nur auf die letzten Tage beziehen.

Bei Kämpfen im Sudan, zwischen dem Norden und dem Süden, soll es in der vorigen Woche allein 197 Tote gegeben haben, so die US-amerikanische Nachrichtenagentur UPI.

In Pakistan kommt es täglich zu Überfällen der Taliban, zu Scharmützeln mit der Armee und Selbstmordattentaten. Aber die Toten werden von den Nachrichtenagenturen nicht systematisch gezählt. Reuters berichtet, dass allein bei Selbstmordattentaten seit 2007 mindestens 2.000 Menschen getötet worden seien.

Auch im Irak werden die Toten nicht systematisch gezählt. Am 12. Februar  gab es zwölf Tote bei einem Selbstmordanschlag in Sülemanija. In Bagdad starben am 19. Februar 19 Demonstranten.

Auch im Jemen, wo die Unruhen schon längere Zeit andauern, gibt es nur unvollständige Angaben. "Seit Donnerstag" wurden bei Unruhen zwölf Menschen getötet und dann wird noch von fünf Toten bei der Verhaftung eines mutmaßlichen Al-Qaida-Führers berichtet.

In Marokko starben fünf Menschen in einer von Demonstranten angezündeten Bank.

In Bahrein gab es mindestens vier tote Demonstranten, ehe sich die Armee wieder auf amerikanischen Druck hin vom Perlen-Platz zurückgezogen hat. Gemäß anderen Quellen wurden in Bahrein mindestens acht Menschen bei Unruhen getötet.

Somalische Piraten ermordeten vier Amerikaner auf einer Yacht, die sie zuvor gekapert hatten. In der somalischen Hauptstadt Mogadischu starben zudem am Montag 20 Menschen durch ein Selbstmordattentat der Al-Qaida-nahen Schabab-Organisation.

Im Falle der noch andauernden Massaker in Libyen, wo die Leichen auf den Straßen liegen, ist es vorerst unmöglich, die Toten zu zählen. Es dürften Hunderte sein.

Die großen Menschenrechtsorganisationen Amnesty International (AI) und Human Rights Watch (HRW) sind beim Nahostkonflikt stets die ersten mit der Veröffentlichung von Totenzahlen und einer Beobachtung von Menschenrechtsverletzungen. Am Dienstagabend, als die libysche Luftwaffe weiter mit Raketen auf Demonstranten schoss und in zwei Vierteln in Tripolis afrikanische Söldner angeblich mit Macheten blindlings Menschen töteten, rief Amnesty International in seiner ersten Nachricht auf seiner Homepage zu einer Verurteilung "sexuellen Missbrauchs" und "unrechtmäßigen Tötens" in der Elfenbeinküste auf. An zweiter Stelle forderte AI die Arabische Liga und den UNO-Sicherheitsrat zu einer "Untersuchung der Vorgänge in Libyen auf". An dritter Stelle ging es um 43 Gefangene, die angeblich von ihren Wächtern im Al-Qatta al-Gadeed-Gefängnis nahe Kairo getötet worden seien.

Die Homepage von Human Rights Watch hat in ihrer Schlagzeile immer noch "62 Tote" in Libyen, womit die Organisation vor einigen Tagen weltweite, aber inzwischen längst überholte Schlagzeilen machte. Ansonsten macht sich HRW Sorgen um die "Entwicklung der Menschenrechte in Libyen inmitten bürokratischer Hindernisse" und berichtet an zweiter Stelle über den Zustand der Menschenrechte in den vergangenen acht Jahren im Irak, seit dem Einmarsch der Amerikaner. Weiter beschäftigt sich HRW mit Folter in Ägypten, der Verhaftung eines Oppositionsführers in Ruanda und einer Einschüchterungskampagne vor Wahlen in Uganda.

Vor einigen Jahren, als schon einmal die arabische Welt in Flammen stand, wegen der in Dänemark veröffentlichten Muhammad Karikaturen, hat auch niemand die Toten bei Demonstrationen in Beirut, Damaskus, Kairo, Gaza und anderswo gezählt. Nur durch akribische Suche konnte festgestellt werden, dass die teilweise von den arabischen Behörden gesteuerten Proteste mindestens 158 Menschen das Leben gekostet haben.

 

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