Die Tore Jerusalems: Steinerne Zeugen

Die Jerusalemer Stadttore haben eine bewegte Geschichte hinter sich. Ganz konkret zeugen sie vom Sechs-Tage-Krieg.
Von Gundula Madeleine Tegtmeyer

Die Steine der Jerusalemer Altstadtmauer und die prächtigen Stadttore sind Zeugen der wechselvollen Geschichte der Heiligen Stadt. Viele Eroberer haben sie kommen und wieder gehen sehen. So wie einst Nehemia ganz Jerusalem umrundete, um die Schäden an der Stadtmauer zu inspizieren, möchte ich Sie zu einem Spaziergang entlang der Altstadtmauer und ihrer Tore einladen.

Nehemia Ben Hachalja stammte von Judäern ab, die nach Babylonien ins Exil verschleppt worden waren. Er gehörte zu der Gruppe von Juden und Jüdinnen, die nach dem Sieg der Perser über die Babylonier nicht heimgekehrt waren. Nehemia hatte eine beachtliche Karriere am persischen Hof gemacht und es bis zum Mundschenk des persischen Großkönigs Artaxerxes I. gebracht. Aber tief im Herzen war er über den Zustand Jerusalems betrübt und nutzte geschickt seine Stellung bei Hofe, um beim König mit seinem persönlichen Anliegen vorzusprechen.

Der persische Herrscher willigte ein und entsandte ihn nach Jerusalem, ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben für die Provinzgouverneure. Er gewährte ihm darüber hinaus militärischem Begleitschutz. Im Jahr 445 vor der Zeitrechnung kam Nehemia als persischer Wiederaufbaukommissar in Jerusalem an.

Stadtmauer wieder aufbauen

Seine vornehmliche Aufgabe sah Nehemia zunächst darin, die stark zerstörte Stadtmauer wieder aufzubauen. Die Babylonier hatten unter König Nebukadnezar II. im Jahr 587/586 vor der Zeitrechnung Jerusalem erobert und den Ersten Tempel zerstört. Zudem hatten sie die Mauern niedergerissen, um die Stadt zu schwächen und die Bevölkerung ins Exil zu führen.

Um nicht entdeckt zu werden, inspizierte Nehemia die Schäden im Schutze der Dunkelheit. Nach Bestandaufnahme rekrutierte er jüdische Bewohner und Bewohnerinnen, die entlang des jeweiligen Mauerabschnittes lebten, zum Wiederaufbau. Und in nur 52 Tagen konnte die Mauer fertig gestellt werden (Nehemia 2,11–20):

Und ich kam nach Jerusalem und war drei Tage dort. Und ich machte mich bei Nacht auf, ich und einige wenige Männer mit mir. Ich hatte aber keinem Menschen mitgeteilt, was mein Gott mir ins Herz gegeben hatte, für Jerusalem zu tun. Und es war kein Tier bei mir, außer dem Reittier, auf dem ich ritt. So zog ich nachts durch das Taltor hinaus, in Richtung auf die Drachenquelle und das Aschentor. Und ich untersuchte die Mauern von Jerusalem, die niedergerissen, und ihre Tore, die vom Feuer verzehrt waren. Und ich zog hinüber zum Quelltor und zum Königsteich. Als aber für das Reittier unter mir kein Raum mehr da war durchzukommen, stieg ich bei Nacht das Bachtal hinauf und untersuchte die Mauer. Und ich kam wieder herein durch das Taltor. So kehrte ich zurück. Die Vorsteher aber hatten nicht erkannt, wohin ich gegangen war und was ich getan hatte. Denn ich hatte den Juden und den Priestern und den Edlen und den Vorstehern und dem Rest, der an dem Werk mitarbeiten sollte, bis dahin nichts mitgeteilt. Nun sagte ich zu ihnen: Ihr seht das Unglück, in dem wir sind, dass Jerusalem verödet daliegt und seine Tore mit Feuer verbrannt sind. Kommt und lasst uns die Mauer Jerusalems wieder aufbauen, damit wir nicht länger geschmäht werden können! Und ich berichtete von der Hand meines Gottes, die gütig über mir gewaltet hatte, und auch von den Worten des Königs, die er zu mir geredet hatte. Da sagten sie: Wir wollen uns aufmachen und bauen! Und sie stärkten ihre Hände zum Guten. Als aber Sanballat, der Horoniter, und Tobija, der ammonitische Knecht, und Geschem, der Araber, davon hörten, spotteten sie über uns und verachteten uns und sagten: Was ist das für eine Sache, die ihr da tun wollt? Wollt ihr euch gegen den König empören? Da gab ich ihnen zur Antwort und sagte zu ihnen: Der Gott des Himmels, er lässt es uns gelingen. Und wir, seine Knechte, wollen uns aufmachen und bauen. Ihr aber habt weder Anteil noch Anrecht, noch Gedenken in Jerusalem. (Elberfelder Bibel)

Die Altstadtmauer und einige ihrer acht Tore, wie wir sie heute kennen, sind das architektonische Vermächtnis Süleymans des Prächtigen (1494–1566), des ersten osmanischen Herrschers Jerusalems. In der muslimischen Welt ist er als Al-Kanuni, der „Gesetzgeber“, bekannt. Er beauftragte zwei Brüder mit dem Bau der Mauer.

Sie begannen ihre Arbeit im Osten, wo sich heute das Stephanstor, auch Löwentor genannt, befindet, und arbeiteten jeweils in entgegengesetzter Richtung, bis sie sich zehn Jahre später am Jaffator, auch Hebrontor genannt, im Westen der Altstadt von Jerusalem wieder trafen. Die in Stein gehauene Inschrift über einigen dieser Tore, die von den Bauarbeitern des Sultans angebracht wurde, lautet:

Der Sultan, unser Souverän, der mächtigste König und ruhmreichste Monarch, der Herr der Völker, der König der Griechen, Araber und Perser, Sultan Süleyman – dessen Leben Gott glücklich und unsterblich machen möge – veranlasste den Bau dieser heiligen Mauern im Jahr 941.

Dies war nach dem Kalender der Hidschra, der Auswanderung des Propheten Mohammads im Jahre 622 von Mekka nach Medina und Beginn der islamischen Zeitrechnung. Nach der Zeitrechnung des gregorianischen Kalenders war es das Jahr 1534. Der Bau der Mauern durch Süleyman wurde 1542 abgeschlossen.

Durch einen erbitterten Streit darüber, ob der Zionsberg und das Franziskanerkloster innerhalb oder außerhalb der Mauer stehen sollten, hatte sich die Errichtung der neuen Stadtmauer hingezogen. Um Zeit und Kosten zu sparen, entschieden sich die Bauarbeiter eigenmächtig, die Mauer nicht um das Kloster herum zu bauen. Einer lokalen Legende zufolge tobte Süleyman, als er davon erfuhr und ließ die Brüder enthaupten.

Der Sechs-Tage-Krieg

Wir machen nun einen Sprung in die jüngere Geschichte Jerusalems, in das Jahr 1967: Der Sechs-Tage-Krieg zwischen Israel und den arabischen Staaten Ägypten, Syrien und Jordanien veränderte das Stadtbild. Im israelischem Unabhängigkeitskrieg von 1948 hatte Jordanien das Westjordanland besetzt und annektiert sowie Teile Jerusalems erobert. Die „Grüne Linie“ in Jerusalem war die Waffenstillstandslinie nach dem Krieg von 1948; sie teilte die Stadt in eine westliche, israelisch kontrollierte und eine östliche, jordanische Sektion. 

Auslöser des Sechs-Tage-Krieges war zum einen die ägyptische Sperrung der Straße von Tiran für die israelische Schifffahrt am 22. Mai 1967. Hinzu kamen der vom damaligen ägyptischen Präsidenten Nasser erzwungene Abzug der UNEF-Truppen von der Sinai-Halbinsel und ein ägyptischer Aufmarsch von 1.000 Panzern und fast 100.000 Soldaten an den Grenzen Israels.

Die Kampfhandlungen begannen am 5. Juni 1967 mit einem Präventivschlag der israelischen Luftstreitkräfte gegen ägyptische Luftwaffenbasen. Jordanien, das am 30. Mai 1967 einen Verteidigungspakt mit Ägypten geschlossen hatte, griff daraufhin Westjerusalem, Ramat Rachel und Netanja an.

Am 7. Juni 1967 eroberte die israelische Armee Ostjerusalem, einschließlich der Klagemauer und des jüdischen Viertels der Altstadt. Zum ersten Mal seit der Zerstörung durch die Römer im Jahr 70 nach der Zeitrechnung befand sich ganz Jerusalem in jüdischer Hand: Jerusalem war wiedervereinigt. Die verschiedenen heiligen Stätten standen fortan allen Konfessionen offen.

Kampfspuren bis heute sichtbar

Einige der prächtigen Stadttore wurden während der heftigen Kämpfe um Jerusalem im Sechs-Tage-Krieg schwer beschädigt, die Kampfspuren sind bis heute sichtbar. Die Portale sind sowohl die in die Stadtmauern eingelassenen Tore als auch in den inneren Mauern, die den Tempelbezirk, den Berg Moria, umgeben.

Die Faszination, die Jerusalem und seine Tore auf die Menschen seit jeher ausüben, kommt in der Interpretation des Verses aus dem Hohelied (6,8) im jüdischen Midrasch Rabba zum Ausdruck: „Es gibt sechzig Königinnen und achtzig Nebenfrauen und Jungfrauen ohne Zahl.“

Die sechzig Königinnen werden mit den sechzig Traktaten des Talmud gleichgesetzt, während die achtzig Konkubinen auf die achtzig Studienhäuser anspielen, die in Jerusalem florierten, diese Zahl entspricht der Anzahl der einstigen Stadttore.

Acht Tore mit Geschichte

Heute geben acht Stadttore Einlass in die Heilige Stadt, jedes von ihnen wartet mit einer spannenden Geschichte auf.

Betreten wir die Ir HaAtiqa, dieAltstadt Jerusalems, durch das Jaffator,hebräisch: Scha‘ar Jafo. Der arabische Name lautet Bab al-Khalil – „Tor des Freundes“, benannt nach Abraham, den der Islam als „einen Freund G‘ttes“ verehrt.

Die Mauer ist auf beiden Seiten des Jaffatores mit Einschusslöchern übersät. Über dem Torbogen befindet sich eine kleine Maschikuli, arabisch für einen Wehrerker. Er wurde einst von den Verteidigern der Stadt genutzt, um die Eindringlinge zu beobachten und – falls nötig – ihre Feinde mit kochendem Öl oder Teer zu übergießen.

Besuch vom deutschen Kaiser

Im 19. Jahrhundert war das Tor zentrale Anlaufstelle für Reisende, Pilger und Händler. Bis 1898 befand sich am Fuße des Jaffatores ein Graben. Dieser wurde zugeschüttet, um die Straße für das Gefolge des deutschen Kaisers Wilhelm II. zu ebnen.

Der Monarch wollte, wie einst vor ihm die Kreuzritter, in deren Nachfolge er sich sah, hoch zu Pferd in Jerusalem einziehen ­– aber in friedvoller Absicht. Seine Identifikation als Kreuzritter verdeutlicht ein Deckengemälde der protestantischen Himmelfahrtkirche, gelegen auf dem Ölberg auf dem Auguste Victoria Gelände. Es zeigt Wilhelm II. und seine Gemahlin Auguste Victoria in mittelalterlichen Gewändern.

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Die osmanischen Herrscher wollten den deutschen Kaiser nicht verärgern und gaben seinem Wunsch nach. Sie rissen einen Teil der Stadtmauer neben dem Jaffator ab, um den imposanten Einzug in Jerusalem zu erleichtern. Was der deutsche Kaiser nicht bemerkte: Die Türken hatten ihn ausgetrickst, denn sie hatten ihn nicht durch das Jaffator reiten lassen, vielmehr einige Meter neben dem imposanten Stadttor, aus folgendem Grund: Muslime betrachteten es als alleiniges Vorrecht der Eroberer, durch eines der Tore in Jerusalem hoch zu Ross einzuziehen.

Jerusalem war lediglich eine Zwischenstation entlang der Reiseroute des deutschen Kaisers Wilhelm II. und seines Gefolges, sein eigentliches Ziel war Damaskus. Dort erneuerte der Monarch das Grabmal Salah ad-Dins – im Westen als Saladin bekannt. Er legte einen metallenen Ehrenkranz ab, mit dem er sich und das Ansehen Salah ad-Dins verbinden wollte.

Während seines kurzen Aufenthaltes 1898 in Jerusalem weihte Wilhelm II. am Reformationstag die Protestantisch-lutherische Erlöserkirche in der Altstadt ein. Um den inneren politischen Frieden zu wahren, erwarb der Monarch ein Grundstück auf dem Zionsberg, auf dem heute die Dormitio-Basilika steht, und übergab es dem Deutschen Verein vom Heiligen Lande, damit es deutsche Katholiken nutzen können. Die Dormitio-Abtei auf dem Berg Zion ist das Stammkloster der deutschsprachigen römisch-katholischen benediktinischen Gemeinschaft.

Ende des Osmanischen Reiches

Das Osmanische Reich zerfiel durch eine Kombination aus innerer Schwäche, nationalistischen Aufständen, wie etwa im Balkan sowie militärischen Niederlagen gegen Russland und Österreich im Ersten Weltkrieg. Dies führte schließlich zu seiner Auflösung. Somit endete auch eine vierhundertjährige Herrschaft über das Heilige Land und Jerusalem.

Am 9. Dezember 1917 unterzeichnete der osmanische Bürgermeister Jerusalems die Kapitulationsurkunde. Die britischen Eroberer, Brigadegeneral C.F. Watson und sein Stellvertreter, General John Shea, betraten Jerusalem – aus Respekt – zu Fuß.

Edmund Allenby, seinerzeit britischer Oberbefehlshaber, lehnte es wiederum ab, Jerusalem durch das verschlossene Goldene Tor zu betreten, denn für ihn hätte eine Öffnung hineingesprengt werden müssen. Allenby war sich der religiösen Signifikanz dieses Tores bewusst. Stattdessen ritt er zwei Tage nach der osmanischen Kapitulation, gekleidet in schlichter khakifarbener Uniform, auf seinem Pferd zum Jaffator, stieg ab und betrat ebenfalls zu Fuß und mit gesenktem Haupt als Demutsgeste die Heilige Stadt.

Wir setzen nun unsere Erkundungstour zum Ziontor fort, hebräisch: Scha‘ar Zion, arabisch: Bab Haret al-Jahud (Tor des jüdischen Viertels). Ein weiterer arabischer Name lautet: Bab an-Nabi Daud – Tor des Propheten David. Das Ziontor eröffnet von Süden den Zugang zum armenischen und zum jüdischen Viertel der Altstadt.

Auch hier finden wir oberhalb des Tores einen Erker, von dem aus Angreifer mit heißen Flüssigkeiten übergossen und somit außer Gefecht gesetzt werden konnten. Wie das Jaffator, ist auch dieser Eingang zur Altstadt im 90-Grad-Winkel konstruiert, um einer massiven Stürmung Stand halten zu können und um unter den feindlichen Eindringlingen mit größeren Waffen oder Wagen einen Stau zu verursachen.

Von 1948 bis zum Sechs-Tage-Krieg 1967 verlief hier die sogenannte „Grüne Linie“, die Waffenstillstandslinie. Der Berg Zion stand fortan unter israelischer und die Altstadt unter jordanischer Kontrolle. Israelische Soldaten, die den Berg Zion hielten, versuchten während des Sechs-Tage-Kriegs am Ziontor durchzubrechen. Ihre Versuche, die Mauer zu sprengen, scheiterten. Eine Gedenktafel im Innern des Tores erinnert an die Gefallenen, die Fassade des Ziontores ist stark von Kugeleinschüssen durchlöchert.

Antike Abfallentsorgung

Das nächste Tor auf unserer Route ist das sogenannte Misttor,hebräisch: Scha´ar HaAschpot (Mülltor). Sein arabischer Name lautet: Bab al-Maghariba – „Tor der Marokkaner“. Es wurde so benannt, da im 16. Jahrhundert nordafrikanische Einwanderer in seiner Nähe lebten.

Das Misttor gewährt direkten Zugang zur Kotel, der Klagemauer. Dieses Stadttor zählt zu den kleineren, aber nicht weniger bedeutsamen Altstadttoren.

Schon zu Zeiten der jüdischen Tempel wurden Asche und Abfall des Heiligen Tempels durch das Misttor aus der Stadt entfernt und ins Kidrontal geworfen. In den 1950er Jahren wurde dieses Tor von der Stadtverwaltung ebenfalls für die Müllentsorgung gewählt, da man davon ausging, hier auf weniger Widerstand der Bewohner zu treffen.

1948 hatten die Jordanier das Tor während ihrer Besatzungszeit erweitert, um eine alternative Zufahrt für das seinerzeit geschlossene Jaffator zu schaffen. Nach der Befreiung Jerusalems durch israelische Truppen im Jahr 1967 bekamen auch die Juden und Jüdinnen wieder Zugang zu ihrer heiligsten Stätte, der Klagemauer.

Verschiedene Buslinien

Teddy Kollek, langjähriger Bürgermeister von Jerusalem, ließ das Tor 1985 nochmals vergrößern, damit Fahrzeuge bis hin zu der Größe von Bussen hindurchpassen. Hinter dem Dungtor, so ein weiterer Name, befindet sich eine Haltestelle für die Egged-Buslinien im innerstädtischen Verkehr Jerusalems. Zu ihnen zählt die Linie 1, die Fahrgäste vom Zentralbusbahnhof direkt bis zu einem Klagemauer-Eingang bringt – oder auch die Linien 3 und 51, die in viele jüdische Viertel Jerusalems fahren.

Das Misttor wird im Buch Nehemia als eines der Stadttore während der Rückkehr aus der Babylonischen Gefangenschaft nach Zion erwähnt. In Nehemia Kapitel 2, Vers 13, findet sich folgende Stelle zu seinen Anstrengungen zum Wiederaufbau der Jerusalemer Stadtmauer:

So zog ich nachts durch das Taltor hinaus, in Richtung auf die Drachenquelle und das Aschentor. Und ich untersuchte die Mauern von Jerusalem, die niedergerissen, und ihre Tore, die vom Feuer verzehrt waren.  

Das nächste Tor auf unserer Erkundungstour trägt viele Namen. Christen nennen es Stephanstor, hier soll der Heilige Stephanus zu Tode gesteinigt worden sein. Er gilt als Erzmärtyrer.

Das ursprüngliche Stephanstor war das Damaskustor, in byzantinischer Zeit das Haupttor der Stadt. Die Araber nennen es Bab el-Asbat, deutsch: „Tor der Stämme“, das war ursprünglich der Name eines der Tore des Tempelbergs. Ein anderer arabischer Name lautet Bab Sitna Mariam – „Tor Unserer Lieben Frau Maria“, nach ihrem nahegelegenen Geburtsort in der Sankt-Anna-Kirche.

Zur Zeit Süleymans des Prächtigen trug dieses Tor den Namen Bab el-Ghor, auf Deutsch: „Tor des Jordantals“. Im 19. Jahrhundert begann die jüdische Bevölkerung Jerusalems, den Namen „Löwentor“, hebräisch: Scha´ar HaArajot zu verwenden.

Dies gründet auf einer alten Jerusalemer Legende: Sultan Süleyman der Prächtige hatte eines Nachts einen schrecklichen Albtraum, er sah Löwen, die ihn zu verschlingen drohten, weil er die heilige Stadt Jerusalem nicht ausreichend beschützt hatte. Daraufhin soll der Sultan angeordnet haben, die Heilige Stadt mit einer Mauer zu umgeben.

Eine andere Interpretation für die Bezeichnung Löwentor wird auf zwei Reliefs an der Außenseite der Mauer zurückgeführt, die man als Löwen interpretierte. Tatsächlich sollen die Reliefs Leoparden darstellen und somit das heraldische Zeichen des mamlukischen Herrschers Baybars. Die Mamluken, ehemalige Militärsklaven, die sich zu einer türkischen Militäraristokratie emanzipierten, herrschten von 1260 bis 1517 in Jerusalem. Zur Jesu Zeiten nannten die Bewohner das Tor schlicht Schaftor.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Die Löwenreliefs gaben dem Tor möglicherweise einen seiner Namen

Das Tor ist auf den Ölberg und das Kidrontal ausgerichtet. Dies erklärt einen weiteren Namen: Jehoschaphat-Tor. Das Tor mit den vielen Namen führt nördlich des Tempelberges von Osten in das muslimische Viertel und zur Via Dolorosa.

Im Sechs-Tage-Krieg spielte dieses Tor eine entscheidende Rolle: Hier war der Landepunkt der von Mordechai „Motta“ Gur angeführten Fallschirmjäger.Am 7. Juni 1967 konnten sie das Tor einnehmen, kämpften sich bis zur Klagemauer vor und eroberten die Jerusalemer Altstadt. Dieses Tor trug von allen Jerusalemer Stadttoren die schwersten Kampfspuren davon.

Wir erreichen nun das sogenannte Goldene Tor. Auch hier finden sich Kampfspuren aus dem Sechs-Tage-Krieg, schwere Kanonen haben dieses markante Doppeltor von religiöser Bedeutung getroffen. Der hebräische Name lautet Scha‘ar HaRahamim, auf Deutsch: „Tor der Barmherzigkeit“. Die Mischna, die dem Talmud zugrunde liegt, erwähnt es als Osttor des Tempels, seine Struktur weist herodianische Elemente auf. Es befindet sich in der östlichen Stadtmauer, schließt an den Tempelberg an und ist seit 1541 zugemauert.

Das Tor ist aus verschiedenen religiösen Gründen von zentraler Bedeutung: Gemäß dem Judentum wird die g´ttliche Gegenwart, die Schechina, durch dieses Tor kommen, wenn der jüdische Messias erscheint. Einige jüdische Gelehrte interpretieren Hesekiel 44,1–3 dahin gehend, dass in früheren Zeiten die Herrlichkeit G‘ttes durch dieses östliche Tor zum Tempel kam, es aber bis zur Ankunft des Messias dauerhaft verschlossen bleiben muss.

Und er führte mich zurück auf dem Weg zum äußeren Tor des Heiligtums, das nach Osten weist. Das aber war verschlossen. Und der HERR sprach zu mir: Dieses Tor soll verschlossen sein; es soll nicht geöffnet werden, und niemand soll durch es hineingehen! Denn der HERR, der Gott Israels, ist durch es hineingegangen, so soll es verschlossen sein. Was den Fürsten betrifft, er, der Fürst, soll darin sitzen, um Speise zu essen vor dem HERRN; auf dem Weg der Vorhalle des Tores soll er hineingehen, und auf demselben Weg soll er hinausgehen.

Die arabische Bezeichnung für das südliche der beiden Tore lautet Ar-Rahma – „Die Barmherzigkeit“, für das nördliche At-Tawbah – „Die Buße“. Das Barmherzigkeitstor wurde nach dem davor liegenden muslimischen Friedhof der Barmherzigkeit benannt. Laut Überlieferung fanden hier einige Gefährten des Propheten Mohammad ihre letzte Ruhe.

Buch über Religionswissenschaft

In Jerusalem wird erzählt, Al-Ghazālī, der bedeutende islamische Gelehrte und Philosoph (1058/1059–1111), habe sein berühmtes Buch „Die Wiederbelebung der Religionswissenschaften“ in einem Raum über dem Goldenen Tor geschrieben. Al-Ghazālī führte die aristotelische Logik und Syllogistik in die islamische Jurisprudenz und Theologie ein.

Am 21. März 629 traf der byzantinische Kaiser Herakleios am Goldenen Tor ein und führte das, was man für das „Wahre Kreuz“ hielt, mit sich. Er hatte es den Persern wieder abgenommen, die es zuvor als Beute mitgenommen hatten, als sie Jerusalem im Jahr 614 plünderten.

Während die Kreuzfahrer Jerusalem beherrschten, soll das Tor einmal für die Palmsonntagsprozession, und ein zweites Mal am Fest der Kreuzerhöhung geöffnet worden sein. Das Goldene Tor wurde vermutlich von Salah ad-Din (1137–1193) nach seiner Eroberung Jerusalems geschlossen, um die Stadt vor zukünftigen Überfällen zu schützen.

Nicht-Muslime an Zutritt hindern

Andere Quellen geben für die Versiegelung durch Muslime das 16. Jahrhundert an, um Nicht-Muslimen den Zugang zum Haram asch-Scharif, dem „noblen Heiligtum“zu verwehren. Damit bezeichnet der Islam den Komplex von Felsendom und Al-Aqsa-Moschee. Hier standen einst die beiden jüdischen Tempel.

Eine andere Annahme besagt, dass die Muslime das Tor versiegelten, um den christlichen Messias am Betreten des Haram asch-Scharif an einem Freitag zu hindern. Zur Zeit Jesu war das Goldene Tor der Haupteingang zum Tempelberg. Christen glauben, dass Jesus am Palmsonntag durch dieses Tor einzog, um die Prophezeiung zu erfüllen. Es wird auch als der Ort der ersten Begegnung von Anna und Joachim, den Eltern der Jungfrau Maria, angesehen. Das Goldene Tor ist das einzige der acht Stadttore, das bis heute nicht passierbar ist.

Angenommener Ort von Jesu Verhör

Das nächste Tor ist das Herodestor, arabisch: Bāb as-Sāhira (Tor der Wächterin). Der hebräische Name lautet Scha‘ar HaPrachim, „Blumentor“. Es wird oft übersehen. Der Name Scha‘ar Hordos, „Herodestor“, geht auf mittelalterliche christliche Pilger zurück, die glaubten, dass sich das Wohnhaus des Herodes Antipas, der Jesus nach biblischer Darstellung verhörte, nahe dieser Stelle befunden habe (Lukas 23,6–9):

Als aber Pilatus das hört, fragte er, ob der Mensch ein Galiläer sei. Und als er erfahren hatte, dass er aus dem Machtbereich des Herodes war, sandte er ihn zu Herodes, der auch selbst in jenen Tagen in Jerusalem war. Als aber Herodes Jesus sah, freute er sich sehr; denn er wünschte schon seit langer Zeit, ihn zu sehen, weil er vieles über ihn gehört hatte, und er hoffte, irgendein Zeichen durch ihn geschehen zu sehen. Er befragte ihn aber mit vielen Worten; er jedoch antwortete ihm nichts.

Am 15. Juli 1099 gelang den Kreuzfahrern nur etwa 100 Meter östlich vom Herodestor der Durchbruch durch die damalige Mauer, was zum Fall Jerusalems führte. Unter Süleyman dem Prächtigen war hier lediglich eine kleine Schlupfpforte, um den Einfall von möglichen Feinden abwehren zu können. Erst 1875 entstand das Tor, wie wir es heute sehen. Im Vergleich zu den anderen Jerusalemer Stadttoren ist es weniger stark frequentiert, da sich Altstadt-einwärts nur Wohnhäuser befinden und man von diesen nur über Stufen und steile Treppen zu den Zentren der Altstadt gelangt.

Wir schreiten nun die breiten Treppenstufen zum imposanten Damaskustor hinunter, hebräisch: Scha´ar Shechem (Sichemtor). Der arabische Name Bab al-Amud (Säulentor) kommt von der römischen Siegessäule, errichtet von Kaiser Hadrian (78–138). Hadrian war der vierzehnte römische Kaiser, er regierte von 117 bis zu seinem Tod. Er platzierte die Säule in der Mitte des Torplatzes. Auch dieses Tor weist deutliche Spuren von Kanonengranaten aus dem Sechs-Tage-Krieg auf.

Das Damaskustor wurde nach dem Vorbild eines klassischen römischen Stadttors erbaut, das bedeutet: Ein Triumphbogen, flankiert von zwei massiven Wachtürmen. Der Haupteingang befand sich in der Mitte und war als monumentaler Bogen gestaltet. Zu beiden Seiten gab es jeweils einen ebenfalls bogenförmigen Seiteneingang, auch hier standen Talsäulen, sodass sich insgesamt vier Säulen über die gesamte Breite des Tores erstreckten.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
So könnte das Damaskustor ursprünglich ausgesehen haben

Über dem Tor wurde ein dreieckiger Giebel errichtet. Zu beiden Seiten befanden sich Türme mit Wachstuben, die über Treppen vom Erdgeschoss bis zur Turmspitze führten. Der untere Teil des Turms links vom Tor ist im Originalzustand erhalten. Außen sind die großen, fein behauenen Steine ​​zu sehen. Innen ist der Turm bis zu einer beachtlichen Höhe erhalten, einschließlich der Treppe, die für Besucher zugänglich ist. Der untere Teil des Turms diente in der arabischen Zeit als Olivenpresse.

Bereits zur Zeit Agrippas’, der im 1. Jahrhundert vor der Zeitrechnung regierte, war es der Haupteingang zur Stadt. Das Alter des Dreifachtors lässt sich anhand der Inschrift über dem Osttor ablesen, sie lautet: ACDD….. = … (Colonia) Aelia Capitolina Decreto Decurionum … (vom Stadtrat 10 vor der Zeitrechnung erlassen). Damit ist es ins 2. Jahrhundert zu datieren.

Bei den Turmsteinen handelt es sich um behauene Steine ​​aus herodianischer Zeit in zweiter Verwendung. In seiner heutigen Erscheinungsform stammt auch das Damaskustor aus der Zeit Süleymans des Prächtigen. Historiker vermuten, dass zur Zeit der römischen Herrschaft Jerusalem keine Stadtmauer umgab, was sich womöglich mit Pax Romana erklären lässt, dem „Römischen Frieden“. Dies benennt eine friedvolle Periode und der Stabilität im Römischen Reich, die sich auch auf das Heilige Land auswirkte, obwohl es wiederholt zu jüdischen Aufständen gegen die römische Herrschaft kam.

Die Stadtmauer wurde vermutlich um 300 nach der Zeitrechnung erbaut, als die 10. Legion nach Aila, dem jordanischen Akaba, verlegt wurde. Der jüdische Chronist Josephus notierte:

Die Hauptstraße führte durch das Tyropoion-Tal und erreichte den Platz vor der Westmauer. Das Tyropoion-Tal bildete die westliche Grenze der Davidsstadt.

Während der Byzantinischen Zeit im 5. bis 6. Jahrhundert war das Damaskusportal das Haupttor der Stadt, wurde aber verengt und der Turm in zwei Stockwerke unterteilt. In der früharabischen Periode, 7. Bis 8. Jahrhundert, wurde das Treppenhaus zu einer Zisterne umgebaut. Im Untergeschoss der Halle befand sich eine Ölpresse, ihr Schraubenfuß und Balkenende sind in der Wand erhalten. Die Presse konnte als byzantinisch datiert werden, da das Schraubensystem zu dieser Zeit erfunden wurde, wohingegen zur Zeit des Zweiten Jüdischen Tempels Ölpressen noch mit Gewichten ausgestattet waren.

Das Steinbrechbecken wurde später in die Ecke verlegt. Die Ölpresse war während der Fatimiden-Kreuzfahrerzeit (9. bis 13. Jahrhundert) außer Betrieb. Ihre Teile wurden zum Bau von Bänken entlang der Wände verwendet.

Vom 13. bis 15. Jahrhundert, als die Mamluken über das das Heilige Land und Jerusalem herrschten, wurden die Halle und das Tor vernachlässigt, sie waren mit Erde und Steinen gefüllt. Dies änderte sich erst mit der Herrschaft der Osmanen unter Süleyman dem Prächtigen mit dem Bau des bestehenden Tores und der heutigen Decke in der römischen Halle.

Das jüngste Tor

Den Abschluss unseres Rundgangs bildet das sogenannte Neue Tor; es ist das jüngste aller Tore, die in die Jerusalemer Altstadt führen – hebräisch: HaScha´ar HaChadasch, arabisch: Bab al-Dschedid. Es wurde 1889 auf Betreiben des osmanischen Sultans Abdul Hamid II. in die Stadtmauer geschlagen, um russischen Pilgern vom neu errichteten Pilgerhospiz einen direkten Zugang zur Grabeskirche zu ermöglichen. Abdul Hamid II. war der letzte osmanische Sultan.

Während des arabisch-israelischen Krieges 1948 wurde die jüdische Sprengladung für das Tor von einer verirrten Artilleriegranate gezündet, die die arabische Holzbarrikade vor dem Neuen Tor in Brand setzte. Das Neue Tor wurde nach dem Ende des Sechs-Tage-Krieges im Juni 1967 von Israel wieder geöffnet.

Die jüdische Tradition besagt, dass es drei Tore zur Hölle gibt: eines in der Wüste, eines unter dem Meer und das dritte in Jerusalem. Die Festlegung Jerusalems, der heiligen und ewigen Stadt, als Ort für ein Tor zum Hades, stammt aus der Auslegung von Jesaja 31,9:

Und sein Fels wird vor Schrecken vergehen, und seine Obersten werden fahnenflüchtig, spricht der HERR, der sein Feuer in Zion und seinen Ofen in Jerusalem hat. 

Es heißt, die Erde, aus der Adam erschaffen wurde, habe G´tt vom Berg Morija genommen, weil diese Anhöhe sowohl in unmittelbarer Nähe zu den Toren des Paradieses als auch zu den Toren der Hölle liege.

Schon zu biblischen Zeiten übten die „Mauern Zions“, ihre Türme und Tore eine große Anziehungskraft aus. Die Menschen riefen einander zu:

Zieht rund um Zion und umkreist ihn, zählt seine Türme; richtet euer Herz auf seine Wälle, mustert seine Paläste, damit ihr erzählt der künftigen Generation: Ja, dieser ist Gott, unser Gott immer und ewig! Er wird uns leiten. (Psalm 48,13–15)

Wer immer die Mauern Jerusalems besteigt und auf ihr die Stadt umrundet, wird an Jesaja 60,18 erinnert: Deine Mauern sollen „Heil“ heißen und deine Tore „Lob“. Und in Jesaja62,6 lesen wir: O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen.

In Psalm 122,6–7 heißt es: Wünschet Jerusalem Frieden! Es möge wohlgehen denen, die dich lieben! Es möge Friede sein in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen! 

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6 Antworten

  1. Hervorragend. So lobe ich es mir, Frau Tegtmeyer, immer wieder ein Genuss. Aber wenn die Steine reden könnten, wäre wahrscheinlich unendlich viel mehr zu berichten. Vielen Dank für diesen Beitrag.
    SHALOM

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  2. Vielen Dank für die „Rundreise“ um die Stadt Jerusalem. Die Erwähnung des Osttores hat ihre besondere Bedeutung. Es spricht von der Wiederkunft des Messias. Für Israel wird er kommen als „Sonne der Gerechtigkeit“ (vgl. Mal. 3, 20). Dann wird die Glanzzeit der Erde anbrechen, wenn Er auf „den Wolken des Himmels“ erscheinen wird (vgl. Mt. 24, 30).

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  3. Klasse, welch vielfältige Informationen und Zeitepochen in diesem Bericht vorkommen. Die Tore Jerusalems, auch denke ich an die 12 Tore, die es mal im Neuen Jerusalem geben wird.
    Der Sechs-Tage-Krieg brachte die Wende, und ich glaube daran, und Gott will wieder wohnen in Jerusalem in Mitten seines Volkes. Jerusalem, die ewige und seit 1967 ungeteilte Hauptstadt Israels.
    Die enorme Bedeutung für das Judentum und alle Bibelfreunde ist nicht zu übersehen.
    Danke für den Bericht.

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  4. Auch ich durfte die Mauern Jerusalems mehrmals umrunden. Und tatsächlich sind mir mehrere „Wächter“ über den Mauern begegnet, die den ganzen Tag über Gottes Wort proklamiert haben.
    Das Damaskustor ist mir in ewiger Erinnerung, da wir während des Freitagsgebets, mit tausenden sich schubsenden Menschen, unsere Stadtführerin aus den Augen verloren haben. Hilfsbereite Israelis haben sie dann für uns telefonisch kontaktiert.
    Araber bewachen das Goldene Tor. Sie wollen verhindern, dass der Messias durch dieses Tor in Jerusalem eintritt. Sie werden es aber nicht verhindern können.
    Vielen Dank liebe Frau Tegtmeyer für die Einladung, um die Stadtmauer Jerusalems zu spazieren.

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