Die Stille ist die Story

Die Geburtskirche in Bethlehem ist vor allem in der Weihnachtszeit ein beliebtes Ziel für Pilger. Doch in diesem Jahr ist alles anders: Die Verantwortlichen haben lang fällige Renovierungsarbeiten ausgerechnet in die Hauptsaison gelegt. Selbst kundige Reiseleiter sind verwirrt.

Für Touristen scheint die Via Dolorosa – die Leidensstraße – in die Geburtskirche
verlegt worden zu sein. Stundenlanges Stehen inmitten eines geschmacklosen Gerüstdschungels ist heuer angesagt für diejenigen, die einen kurzen Blick auf den traditionellen Originalgeburtsort Jesu werfen wollen. Geduldig ertragen Gläubige aus aller Welt die Tortur – unterhalten sich, zuerst leise, dann immer lauter, bis irgendwann der wachhabende griechisch-orthodoxe Pope faucht, zischt und schließlich lautstark darauf aufmerksam macht, dass man sich doch an heiliger Stätte befinde und deshalb Ruhe zu wahren habe. Gehorsam schweigt die Touristenschlange, zückt die Kamera, um einen Bauarbeiter zu fotografieren, flüstert, tuschelt, unterhält sich, bis der Lärmpegel wieder ansteigt und sich der Priester wieder zu Wort meldet: “Quiet, please!”

Tatsächlich ist die Stille die Story – das heißt, dass eine der heiligsten Stätten
der Christenheit in eine Baustelle verwandelt werden kann, ohne dass es Streit
gibt, ohne dass sich einer beschwert, ohne dass darüber berichtet wird. Seit mehr als hundert Jahren ist am Dachstuhl des Gebäudes nichts repariert worden. Wenn es regnet, dringt Wasser ein. Die riesigen, uralten Balken rotten vor sich hin. Das Dach über den Touristenschlangen ist akut einsturzgefährdet. Der “World Monuments Fund” setzte die Kirche 2008 auf die Liste der 100 am meisten gefährdeten Bauwerke weltweit. Ein palästinensischer Händler auf dem Krippenplatz zuckt nur die Schultern, lächelt süffisant und nickt bestätigend: “Ja, es ist schon nicht ganz normal, dass beim Dach der Geburtskirche bis jetzt alles so reibungslos abläuft.”

Besonders zu Festzeiten wird jeder Tritt einer Prozession, die genaue Länge von Gottesdienstzeiten, jeder Besenstrich eines Mönchs beim Hausputz vor dem Fest mit eisernem Ernst durchfochten. Eigentlich haben die Briten 1929 jede Einzelheit im so genannten “Status quo” schriftlich dokumentiert, nachdem er 1856 in Paris festgelegt und auf dem Berliner Kongress 1878 und im Vertrag von Versailles 1919 noch einmal bestätigt worden war. So konnten beispielsweise die römischen Katholiken (Lateiner) mit Dokumenten aus dem 17. und 18. Jahrhundert ihre uralten Ansprüche “beweisen”.

Durchgesetzt haben sich aber die Orthodoxen, die heute das alleinige Recht besitzen, im Hauptschiff der kreuzförmigen Kirche Prozessionen abhalten zu dürfen. Die Armenier, die im nördlichen Querschiff sitzen, dürfen das Hauptschiff nur auf dem Weg in ihren Bereich durchqueren. Und die Lateiner, die den Krippenaltar in der Grotte besitzen, haben nur Durchgangsrechte vom Haupteingang zum Eingang ihres Konvents, und von ihrer Kirche in einer geraden Linie durch das nördliche Querschiff zur Nordtür der Grotte. Sie dürfen keinerlei religiöse Zeremonien in der Basilika durchführen und dürfen dort auch nicht putzen. Die eifrigen Nachfolger des Friedefürsten kämpfen also um jeden Quadratzentimeter, um jedes Quäntchen Staub, um jedes Jota Rechtsanspruch.

Moslem muss Christen versöhnen

Dabei ist es schon zu blutigen Schlägereien gekommen. Geistliche Ansprüche sollten mit brachialer Gewalt durchgesetzt werden. Die Staatsmacht wurde in solchen Fällen zur Schlichtung gerufen. Vor einigen Jahren war das noch die israelische Militärregierung, heute ist es ein Moslem, der die Christen miteinander versöhnen muss.

Vielleicht ist ja das große weiße Schild neben dem Eingang der Geburtskirche des Rätsels Lösung. Dort ist nachzulesen, dass die Sachverständigenstudie und das Design der Dachrenovierungsarbeiten großzügig von Seiner Exzellenz Mahmud Abbas, dem Präsidenten Palästinas, gespendet wurden – einem Moslem! Ansonsten wäre jede potentielle Veränderung des Status quo im Heiligen Land einen grundsätzlichen Streit wert gewesen. Übrigens ist die Bauzeit genau vom 22. September 2010 bis zum 25. März 2011 festgelegt. Experten aus Italien sind mit der Durchführung der Arbeiten beauftragt.

Die Geburtskirche in Bethlehem ist die älteste Kirche der Christenheit. Im vierten Jahrhundert nach Christus machte die byzantinische Königinmutter Helena eine Reise ins Heilige Land und legte dabei die meisten heute noch traditionell anerkannten Heiligen Stätten fest – neben dem Berg Sinai auch die Grabeskirche und den Ort der Geburtsgrotte Jesu. Zwischen 327 und 333 ließ Kaiser Konstantin I. eine erste Basilika bauen. Um die Wende vom 4. auf das 5. Jahrhundert übersetzte Hieronymus in dieser Gegend die Bibel ins Lateinische. Als im 7. Jahrhundert die Perser alle Kirchen des Landes dem Erdboden gleich machten, zerstörten sie erstaunlicherweise die Geburtskirche nicht. Die Legende besagt, dass der persische Kommandeur von einem Fresco der drei Weisen aus dem Morgenland so beeindruckt war, dass er die Zerstörung des Gotteshauses verhinderte. Die drei Magier waren in persische Gewänder gekleidet.

Bis in die jüngste Zeit hinein hat die Geburtskirche eine bewegte Geschichte. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war sie einer der Hauptgründe dafür, dass die Franzosen in den Krimkrieg gegen die Russen einstiegen. Während der israelisch-palästinensischen Auseinandersetzungen wurde sie immer wieder Schauplatz von Kämpfen. So verschanzte sich im Frühjahr 2002 eine Gruppe von militanten Palästinensern in dem Gebäude und wurde dort von der israelischen Armee belagert.

Die Geburtskirche hat eine mystische Ausstrahlung und zieht selbst Menschen an, die vom Christentum nicht viel halten. Moslemische Frauen kommen, stecken ihre Finger in kreuzförmige Löcher einer der uralten Säulen und bitten um Fruchtbarkeit. Palästinensische Christen bringen ihre neugeborenen Kinder an den Geburtsort des Herrn und versprechen sich davon einen besonderen Segen.

Weihnachtlicher Trubel

An Weihnachten geht es in Bethlehem traditionell hoch her. Am späten Vormittag des 24. Dezember wird der lateinische Patriarch, der seinen Sitz in Jerusalem hat, von der Bevölkerung und Geistlichkeit Bethlehems pompös vor der Geburtskirche empfangen. Aus der neben der orthodoxen Basilika gelegenen katholischen Katharinenkirche wird traditionell am Heiligen Abend die Christvesper per Fernsehen in alle Welt übertragen.

Seit der Moslem Jasser Arafat 1995 erstmals am Weihnachtsfest in Bethlehem teilgenommen hat, erlebte die Festivität eine zunehmende Politisierung. Zu Ehren des PLO-Vorsitzenden wurde damals ein Modell des Felsendoms auf dem Dach der Geburtskirche platziert, was der Nahostkorrespondent Ulrich Sahm als Demonstration der Herrschaft des Islam über die heiligste christliche Stätte interpretierte. Zudem hing erstmals in der Geschichte der Geburtskirche eine Nationalflagge, die palästinensische, an der Kirchenmauer – was weder unter den Türken, noch unter Briten, Jordaniern oder Israelis jemals der Fall gewesen war.

Doch abgesehen von diesen zeitlich begrenzten, politischen Eskapaden kümmert die westliche Christenheit der Streit um den Geburtsort Jesu nur wenig. Sie feiert Weihnachten am 24. Dezember – und am Abend dieses Tages sind die Lateiner Alleindarsteller in der Geburtskirche. Die evangelischen Lutheraner haben ihre Weihnachtskirche ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt auf der anderen Seite der Altstadt von Bethlehem und erheben keinen Besitzanspruch auf den originalen Geburtsort Jesu. Die Ostkirchen feiern das Christfest erst am 6. Januar. Der wichtige Großputz, bei dem jeder Besenstrich ein Akt von weltpolitischer Bedeutung ist, weil es weniger um Sauberkeit als um Besitzansprüche geht, ist ein Streitpunkt zwischen Gläubigen der Ostkirchen. Auch er findet erst im Januar statt, wenn für die Westkirche das Weihnachtsfest schon längst im Rummel von Sylvester und Jahreswechsel verklungen ist.

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