Die Politisierung der Sprache

Aus dem Strafrechtskontext in den allgemeinen Sprachgebrauch: Die Karriere des Begriffs „Genozid“.
Von Marina Wall

Im November 1944, sechs Monate vor Deutschlands Kapitulation im Zweiten Weltkrieg, prägte der polnisch-jüdische Jurist Raphael Lemkin mit der Wortschöpfung „Genozid“ einen Begriff, der heute wieder in aller Munde ist.

In seinem Buch „Axis Rule in Occupied Europe“ (Die Herrschaft der Achsenmächte im besetzten Europa) lieferte er auch gleich eine Definition für das neue Wort: Der Genozid ist „ein koordinierter Plan verschiedener Aktionen, der auf die Zerstörung essentieller Grundlagen des Lebens einer Bevölkerungsgruppe gerichtet ist mit dem Ziel, die Gruppe zu vernichten“.

Später erarbeitete Lemkin für die Vereinten Nationen einen Gesetzes­entwurf, der 1948 als „Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes“ verabschiedet wurde. Dem Juristen ging es darum, ein Wort zu finden, das über den Akt des Tötens hinausgeht und ein entscheidendes Moment einfängt: den Vorsatz.

Veränderter Sprachgebrauch

Im gegenwärtigen Sprachgebrauch scheint dieses Detail vernachlässigbar, denn seit mehr als zwei Jahren wird das Wort „Genozid“ als politischer Kampfbegriff gegen den Staat Israel eingesetzt. Er fehlt auf keiner pro-palästinensischen Demonstration, sei es in Deutschland oder weltweit. Kulturschaffende erklären ihre Unterstützung für die Boykottbewegung BDS (Boykott, Desinvestition und Sanktionen) damit, dass sie keinen „Genozid“ unterstützen wollen.

So zogen im September 2025 rund 400 Musiker, darunter auch die isländische Sängerin Björk, ihre Musik von Streaming-­Plattformen in Israel zurück. „No Music for Genocide“ (Keine Musik für den Genozid), ließen sie ausrichten. Auch manche Politiker scheinen genau zu wissen, dass der Gazakrieg in Wahrheit ein Genozid und die israelische Politik grundsätzlich „genozidal“ ist. Die Bundestags­abgeordnete Lea Reisner (Die Linke) ist nur ein Beispiel.

Südafrikas Völkermord-Klage gegen Israel

Am 29. Dezember 2023 hat Südafrika vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag Klage gegen Israel wegen eines möglichen Verstoßes gegen die Völkermordkonvention eingereicht. In der Klageschrift bezeichnete es Israels Handlungen im Gazakrieg als „in ihrem Charakter genozidal“. Sie zielten auf „die Zerstörung eines gewichtigen Teils der palästinensischen nationalen, rassischen und ethnischen Gruppe“ ab.

Um einen Vorsatz zu belegen, führte Südafrika unter anderem einen Satz von Staatspräsident Jizchak Herzog an, wonach für die Taten der Hamas „eine ganze Nation“ verantwortlich sei. Nicht erwähnt wurde, dass Herzog in derselben Rede von „vielen unschuldigen Palästinensern“ sprach. Am 26. Januar 2024 erklärte das Gericht seine Zuständigkeit für den Streitfall und ordnete vorläufige Maßnahmen zum Schutz der palästinensischen Bevölkerung an. Gleichzeitig wies es Südafrikas Antrag ab, Israel zur Einstellung der militärischen Operation aufzufordern. Der IGH ist das Hauptrechtsprechungsorgan der Vereinten Nationen. Die UN-Mitgliedstaaten können ihre Rechtsstreitigkeiten dort vortragen, wenn beide Seiten die Zuständigkeit des Gerichts anerkennen.

Doch es sind nicht so sehr die einzelnen Wortbeiträge, die Anlass zur Sorge geben, sondern vielmehr die Beiläufigkeit, mit der dieser schwerwiegende Vorwurf erhoben wird. Der Literaturwissenschaftler Victor Klemperer (1881–1960) beschreibt in seinem Buch „LTI – Notizbuch eines Philologen“ anschaulich die nachhaltige und unterschwellige Wirkung, die Sprache entfalten kann:

„Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ Oder anders ausgedrückt: Der inflationäre Gebrauch des Begriffs beeinflusst unsere Wahrnehmung. Die Abkürzung LTI steht dabei für den lateinischen Ausdruck „Lingua Tertii Imperii“ – „Sprache des Dritten Reiches“.

Kampf um Deutungshoheit

Am Ende geht es genau darum: Deutungshoheit in einem Konflikt zu erlangen, der wie kein anderer die Emotionen hochkochen lässt. Der Vorwurf des Genozids soll den israelischen Staat von vorn herein ins Unrecht setzen und ihm in letzter Konsequenz die Daseinsberechtigung absprechen.

Es ist eine Binsenweisheit und soll doch klar artikuliert werden: Wer die Deutungshoheit besitzt, steuert den öffentlichen Diskurs und definiert Räume des Sag- und Unsagbaren. Das lässt sich nicht nur, aber auch in der digitalen Kommunikation beobachten, die sich auf eine Dämonisierung des jüdischen Staates zubewegt. So tauchten in den vergangenen zwei Jahren verstärkt Schreibweisen wie „Israhell“ (hell = Hölle) und „iSSrael“ (Gleichsetzung mit dem NS-Regime) in Online-Foren auf. Die Wortspiele kommen ohne weitere Erklärung aus und zielen mit der impliziten Anklage direkt auf die Emotion.

Die eigentliche Bedeutung des Begriffs „Genozid“ tritt auf diese Weise in den Hintergrund und der Rechtskontext, aus dem er ursprünglich stammt, hinter moralische Empörung und politischen Aktivismus zurück. Angesichts der Schwere dieser Anschuldigung muss alles andere verblassen: Das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023, die Nutzung von zivilen Einrichtungen für militärische Zwecke durch die Terror-Organisation und die hasserfüllte Rhetorik.

All das wird entweder zur Fußnote erklärt, legitimiert oder gleich ganz bestritten. Schließlich ist der Genozid das schwerste aller Verbrechen und nach dieser Logik ist jede Kritik an dem Vorwurf unzulässige Relativierung. Der deutsche Jurist Oliver Harry Gerson brachte es im August 2025 auf den Punkt: „Wer das Strafrecht und dessen Begriffe auf seiner Seite wähnt, der glaubt, sich auch die Deutungshoheit über ‚Gut‘ und ‚Böse‘ sichern zu können.“ |

Was ist ein Genozid?

Das Wort Genozid setzt sich aus génos (griechisch: „Volk“, „Stamm“, „Rasse“) und caedere (lateinisch: „fällen“, „töten“, „morden“) zusammen. Das junge Politik-Lexikon der „Bundeszentrale für politische Bildung“ definiert den Begriff als „gezielte Verfolgung von Bevölkerungsgruppen, die sich durch Sprache, Religion und Tradition von anderen unterscheiden“. 1948 verabschiedeten die Vereinten Nationen die sogenannte Völkermordkonvention. Diese definiert Genozid als „Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder in Teilen zu zerstören“. Das geschieht durch diese Methoden:

    • Tötung

    • Verursachung von schwerem körperlichem oder seelischem Schaden

    • Absichtliche Auferlegung von Lebens­bedingungen, die auf eine totale oder teilweise Zerstörung der Gruppe abzielen

    • Verhinderungen von Geburten

    • Gewaltsame Kindesüberführungen

Israelnetz Magazin

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6 Kommentare

  1. Einen Völkermord haben die Araber und Iraner deklariert an den Juden begehen zu wollen. Nicht umgekehrt. Israel hatte nie einen Genozid an Arabern der Region vorgesehen. Leute, die mit Spruchbändern wie auf dem Bild auf die Strasse gehen, bezeugen nur fehlende Kenntnisse über die Situation in Nahost ! Muss ein sonderbares Vergnügen sein, öffentlich mit Dummheit prahlen zu wollen!

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    1. Jean Roth @ Sie sprechen ein wahres Wort gelassen aus : Dummheit, Unkenntnis, und als Konsequenz Manipulierbarkeit. Viele Feinde Israels, wir haben ja sogar das Vergnügen hier im Forum, sind nicht nur unwissend, sondern wollen auch nichts wissen. Nur nicht die eigene Überzeugung durcheinander bringen. Bei einer heftigen Diskussion mit einer Teilnehmerin einer Pro-Pali (Pro-Hamas?) Demo habe ich der Person gesagt, dass die Engländer und Amerikaner im Zweiten Weltkrieg gezielt zivile Einrichtungen in Deutschland bombardiert haben, während die Israelis versuchen, Zivilisten so weit wie möglich zu schonen. Sie ahnen, was man mir an den Kopf warf : Du bist Nazi ! Bei diesem Niveau verschlägt es dann sogar mir die Sprache.

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  2. Es ist traurig, dass das Wort „Genozid“ gegen Israel fälschlicher Weise verwendet wird.
    Als Antwort sehe ich einen „medialen Genozid“ durch die Hamas-Berichterstattung im Mainstream.
    „Genozid gegen das Judentum“, die Hamas ruft weltweit zu Terorranschlägen gegen Jüdische Einrichtungen auf, diese werden in Manchester, Sydney und vielen anderen Orten auch durchgeführt.
    Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die 2.IDF bildet, nämlich all diejenigen, die sich für eine gerechte Berichterstattung einsetzen und auch die Israelische Seite zu Wort kommen.
    Wenn ich Sophie v.d.Tann und die ARD zum einen, Fokus Jerusalem zum Anderen betrachte, dann sind das zwei verschiedne Welten. Systematisch werden in Deutschland und anderswoe diejenigen ausgegrenzt, die sich Pro-Israelisch äußern, so wie z.B. Sarah Maria Sander, die ihre Hauptrolle in einem Film verloren hat wg. Pro-Israelischer Äußerungen. Wenn dann in Berlin ALLE Jüdischen Ideale verunglimpft werden, dann ist das wirklich ein „Genozid“. In Wahrheit ist das „Genozid“ heute ein weltweiter Judenhass.
    Auch den Putin-Krieg bezeichne ich bewusst als „Genozid“ gegen die Ukraine.
    Der weltweite Judenhass und der Putin-Krieg sind für mich auch die beiden Hauptmerkmale dieser Welt.
    Doch: Gott wird die Antwort geben, und USA und Israel werden das Mullah-Regime besiegen. Danach wird sich Vieles ändern. Ich hoffe, dass die vielen Lügen gegen Israel bald aufhören werden.

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  3. Diese Giftwirkung ist auch im Israelnetz-Forum spürbar. Wann immer Israel sich wehrte, verteidigte oder Gaza angriff, wollte es laut Kritikern Gaza auslöschen. Die Hilfslieferungen, ein Zeichen, dass dem nicht so gewesen sein kann, waren nicht genug. Es wurde nur so geurteilt und verurteilt, obwohl selbst der ISTGH zu keinem Urteil kam. Obwohl schwer nachweisbar, war dieses Wort schnell in aller Munde.
    Ja, Völkermord ist Teil der Menschheitsgeschichte. Zwischen 1900 und 1987 wurden an die hundertsiebzig Millionen Zivilisten durch Regierungen ermordet. 1994 fand der Genozid an den Tutsi in Ruanda statt. Fast 1 Million Menschen ermordeten damals die rassistischen Hutu. Im Holocaust ermordeten die Nazis 6 Millionen Juden. Das sind andere Dimensionen als in Gaza. In Gaza waren Terroristen am Werk, die es darauf abgesehen hatten, Israel auszulöschen und heute noch wollen. Tausende Gazaner könnten noch leben, wenn Hamas das Massaker nicht begangen hätte und ihr Volk geschützt hätte. Und alle Toten und die vielen Verletzten danach gehen auf das Konto derer, die keinen Frieden mit ihren israel. Nachbarn wollten. Auch wenn sie keine Panzer und keine Luftwaffe hatten, waren sie durch ihre terroristischen Aktionen nicht weniger gefährlich und haben nie Rechenschaft über ihre Verbrechen gegeben, verlangten dies aber von Israel. Dieses Genozid-Geschrei ist mir sowas von egal.

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  4. Pro-Palästinensische Demonstranten reden von „Genozid“, lügen und mobilisieren auf der ganzen Welt Antisemiten und Judenhasser und die freie Welt schaut zu.

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