Die Geburt Israels vor 70 Jahren

Am 14. Mai 1948 proklamierte David Ben-Gurion in nur 33 Minuten die Gründung des Staates Israel. Die geheime Zeremonie wurde im Kunstmuseum in Tel Aviv abgehalten. Zeit zum Feiern gab es aber nicht. Die Gründer wussten: Nach Erklärung der Unabhängigkeit würden die arabischen Nachbarn dem jüdischen Staat den Krieg erklären.
David Ben-Gurion verliest im Stadtmuseum von Tel Aviv die israelische Unabhängigkeitserklärung – über ihm ein Portrait von Theodor Herzl, dem Begründer des modernen Zionismus

Foto: GPO, flickr

David Ben-Gurion verliest im Stadtmuseum von Tel Aviv die israelische Unabhängigkeitserklärung – über ihm ein Portrait von Theodor Herzl, dem Begründer des modernen Zionismus

„Wir haben es getan. […] Wir haben die jüdische nationale Heimstätte wiedererrichtet. […] Jetzt waren wir eine Nation wie andere auch, für das erste Mal seit zwanzig Jahrhunderten die Herren unseres Schicksals.“ Mit diesen Worten erinnerte sich Golda Meir an den 14. Mai 1948 – als sie vor 70 Jahren die israelische Unabhängigkeitserklärung mitunterzeichnet hatte. Der Tag markiert die Geburt des Staates Israel.

Die Herrschaft Großbritanniens über Palästina sollte am 14. Mai 1948 um Mitternacht auslaufen. London regierte die südliche Levante, seitdem britische Truppen das Gebiet im Ersten Weltkrieg erobert hatten. 1922 übertrug der Völkerbund, die Vorgängerorganisation der Vereinten Nationen, den Briten Palästina als sogenanntes Mandatsgebiet. Doch bereits ab den 1930er Jahren flog London das Land zunehmend um die Ohren. Im Vorfeld hatten die Briten sowohl den Arabern als auch den Zionisten, einer jüdisch-nationalen Bewegung in Europa mit dem Ziel, in Palästina einen jüdischen Staat zu errichten, Versprechungen gemacht, die sie nun nicht mehr einhalten konnten oder wollten. Es kam zum Bürgerkrieg – Araber gegen Juden und beide gegen die Briten.

London entglitt die Kontrolle; die UN sollten es richten. Im November 1947 sprach sich die Vollversammlung für eine Teilung des Gebiets in einen jüdischen und einen arabischen Staat aus. Die Zionisten feierten die Empfehlung als Erfolg; die Araber lehnten beleidigt ab. Der Konflikt zwischen Juden und Arabern eskalierte nun zunehmend.

Für David Ben-Gurion war das Ende des britischen Mandats über Palästina die Gelegenheit, die Unabhängigkeit zu verkünden. Als Zwanzigjähriger war er 1906 von Polen nach Palästina ausgewandert und rasch zum Anführer der zionistischen Arbeiterbewegung aufgestiegen. Nunmehr führte er die vorstaatliche „Regierung“ des Jischuv, des jüdischen Siedlungswerks in Palästina.

„Jetzt oder nie“

Doch nicht alle waren seiner Meinung. Mosche Schertok, der provisorische Außenminister, der nach der Staatsgründung den Namen Scharet annehmen sollte, war am 11. Mai von politischen Gesprächen aus den USA zurückgekommen und berichtete, dass US-Außenminister George Marshall die Zionisten vor einer voreiligen Unabhängigkeitserklärung gewarnt hatte. Marshall hatte vorgeschlagen, Palästina zunächst unter eine UN-Verwaltung zu stellen. Die Vereinigten Staaten von Amerika würden den Zionisten im erwarteten Krieg mit den arabischen Nachbarstaaten nicht zu Hilfe kommen, hatte er unmissverständlich klargemacht.

Man ging davon aus, dass die Araber unmittelbar nach Ablauf des britischen Mandats den Angriff auf die Juden eröffnen würden. Jigael Jadin, der Stabschef der vorstaatlichen jüdischen Verteidigungskräfte „Haganah“, sah die Überlebenschancen des jüdischen Siedlungswerks bei 50 Prozent. Ein Sieg der Zionisten war also alles andere als sicher.

Die Entscheidung fiel am Mittwoch, den 12. Mai 1948, im provisorischen Kabinett (Minhelet HaAm) in Tel Aviv. Ben-Gurion setzte sich durch: Jetzt oder nie war seine Devise. Mit sechs zu vier Stimmen entschied die zionistische Führung, am 14. Mai die Unabhängigkeit eines jüdischen Staates in Palästina zu erklären. Doch bis dahin gab es noch einiges zu klären. Beinah jede Formulierung in der Deklaration war Anlass verbissener Diskussionen.

So war zunächst zu entscheiden, wie der zu gründende Staat denn heißen sollte. „Zion“, „Judäa“, „Jehuda“ wurden diskutiert. Ben-Gurion plädierte für „Israel“, womit er sich abermals durchsetzen konnte. Darüber hinaus sprachen sich Bechor Schitrit und Pinchas Rosen dafür aus, die Grenzen des Staates in der Erklärung zu definieren. Ben-Gurion lehnte dies jedoch entschieden ab und verwies auf die Unabhängigkeitserklärung der USA, die ebenfalls keine Grenzen definierte. Außerdem sei unklar, wie die Grenzen angesichts des sich abzeichnenden Krieges gegen die arabischen Nachbarstaaten ausfallen werden. „Warum sollten wir uns zu Grenzen verpflichten, die die Araber ohnehin nicht akzeptieren?“, erklärte er.

Letztlich entschied das Kabinett mit fünf zu vier Stimmen, die Grenzen nicht zu definieren. Auch der Gottesbezug war ein heftiger Streitpunkt. Gerade aus der Perspektive der säkularen Arbeiterpartei war dies ein absolutes No-Go. So einigte man sich auf die Formulierung „im Vertrauen auf den Felsen Israel“, was man sowohl als Referenz für Gott als auch für das Land Israel verstehen konnte. Man kam überein, am Freitag um 16 Uhr – kurz vor Beginn des Schabbats – die Erklärung im Tel Aviv-Museum auf dem Rothschild Boulevard zu verlesen.

Dresscode: „dunkle, festliche Kleidung“

Schertok überarbeitete das Konzept und präsentierte es am nächsten Abend um 18 Uhr. Der Text war nun viel zu lang; außerdem waren einige Details immer noch nicht abschließend geklärt. Ben-Gurion feilte noch die gesamte Nacht an der Erklärung.

Am Freitag, den 14. Mai 1948, um 14 Uhr trafen sich 25 Mitglieder des Nationalrates (Moetzet HaAm) in Tel Aviv – 11 Mitglieder saßen im belagerten Jerusalem fest. Sie bestätigten die vorgelegte Unabhängigkeitserklärung. Das Treffen des Nationalrats endete um 15 Uhr; so blieb den Ratsmitgliedern etwa eine Stunde, um sich für die bisher wichtigste Veranstaltung ihres politischen Lebens vorzubereiten.

Die Verlesung der Unabhängigkeitserklärung war keine öffentlich angekündigte Veranstaltung, denn man fürchtete eine letzte Intervention der Briten, die nominell bis Mitternacht die Autorität innehatten. Die Einladung zur Zeremonie, die am gleichen Morgen durch Boten überbracht worden war, bat die Empfänger daher den Grund und Zeitpunkt der Veranstaltung geheim zu halten. Die vermerkte Dresscode-Empfehlung lautete „dunkle, festliche Kleidung”.

Natürlich war es mit Geheimhaltung bei einem solchen Ereignis nicht weit her – so versammelten sich hunderte Menschen vor dem Rothschild Boulevard Nummer 16, dem Tel Aviv-Museum. Tausende lauschten gespannt vor den Radios der „Stimme Israels“ (Kol Israel), deren erste Direktübertragung aus dem Kunstmuseum berichtete. Im Inneren drängten sich 250 Gäste in die kleine Halle.

Se’ev Scharef, der Sekretär der provisorischen Regierung, war nach der Sitzung des Rates zurückgeblieben und wartete darauf, bis die Unabhängigkeitserklärung in der finalen Version abgetippt worden war. Nun wurde die Zeit knapp. Er raste zum Tel Aviv-Museum, doch plötzlich stoppte ihn ein Polizist und wollte ihm ein Bußgeld für zu schnelles Fahren aufdrücken. Erst als der gewissenhafte Schutzmann erfuhr, um was es gerade ging, ließ er sich überzeugen, seine Pflicht auf später zu verschieben.

„Der Staat Israel ist gegründet“

Pünktlich um 16 Uhr eröffnete Ben-Gurion mit einem hölzernen Hammer die Sitzung. Spontan erhob sich die Menge im Raum sang Hatikva, die künftige Nationalhymne Israels. Ben-Gurion erklärte: „Ich werde nun die Unabhängigkeitserklärung verlesen.“ Er erhob seine Stimme: „Eretz Israel [das Land Israel] ist der Geburtsort des jüdischen Volkes.“ Die folgenden zehn Absätze, die sozusagen die Präambel bilden, erklären den Hintergrund: die Geschichte des jüdischen Volkes, den Kampf um die nationale Wiedergeburt und die internationale Anerkennung hierfür. Der elfte Absatz war der Höhepunkt: „Wir […] sind heute zusammengekommen, am letzten Tag des britischen Mandats über Palästina, und proklamieren kraft des natürlichen und historischen Rechts des jüdischen Volkes und der Resolution der Generalversammlung der UN hiermit die Gründung des jüdischen Staates in Eretz Israel, der Medinat Jisrael genannt wird [der Staat Israel].“

Daraufhin erhob sich die Zuhörerschaft klatschend und jubelnd. Ben-Gurion verlas nun die Prinzipien der Freiheit, Gerechtigkeit, des Friedens und gleicher sozialer sowie politischer Rechte, die den neue Staat anleiten sollten. Zum Schluss bot er den arabischen Nachbarländern die Hand zum Friedensschluss.

Ben-Gurion benötigte 16 Minuten, um die 979 Wörter der Erklärung zu verlesen. Anschließend unterzeichneten die Ratsmitglieder einzeln das Dokument in alphabetischer Reihenfolge. Zum Abschluss sangen die Anwesenden die Nationalhymne des frisch gegründeten Staates. Ben-Gurion schloss die Veranstaltung: „Der Staat Israel ist gegründet. Die Versammlung ist vertagt.“

Gut 7 Stunden später lief das britische Mandat aus – dies war die Geburt Israels. 11 Minuten später erklärte das Weiße Haus in Washington, dass es Israel als Staat anerkennt. Es folgten viele andere Staaten.

Doch die Existenz des jüdischen Staates war damit noch weit davon entfernt, gesichert zu sein. Ben-Gurion vermerkte in seinem Tagebucheintrag vom 14. Mai: „Um 4 Uhr am Nachmittag war der Staat gegründet worden. Unser Schicksal liegt nun in der Hand der Streitkräfte.“ In den frühen Morgenstunden des 15. Mai fielen die ersten Bomben auf Tel Aviv; Ägypten, Jordanien, der Irak, Syrien und der Libanon marschierten in den frisch gegründeten Staat ein – der israelische Unabhängigkeitskrieg hatte begonnen.

Marcel Serr ist Politikwissenschaftler und Historiker. Von 2012 bis März 2017 lebte und arbeitete er in Jerusalem – unter anderem als wissenschaftlicher Assistent am Deutschen Evangelischen Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Jerusalem. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der israelischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik sowie der Militärgeschichte des Nahen Ostens.

Von: Marcel Serr

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