Der totale Krieg: Ein Profil der radikal-islamischen Hamas-Bewegung

Noch vor wenigen Tagen konnte jeder den politischen Führern der Hamas auf den Straßen von Gaza begegnen. Sie telefonisch zu erreichen, war kein Problem. Jetzt sind sie alle abgetaucht. Keines der bekannten Gesichter war auf den riesigen Beerdigungsveranstaltungen im Gazastreifen zu sehen, weder Abdel Aziz Rantisi, noch Mahmoud Zahar oder Ismail Hania. Sie sollen ihre Bärte abgeschnitten haben, sich nur noch in Frauenkleidern auf die Straße wagen. Mobiltelefone bleiben grundsätzlich ausgeschaltet. Zu groß erscheint das Risiko, von den Hellfire-Raketen der israelischen Apache-Helikopter getroffen zu werden.

Die Regierung Sharon hat beschlossen, die Hamas zu zerschlagen. Dabei fällt jetzt die traditionelle Unterscheidung zwischen politischem und militärischem Flügel der radikal-islamischen Organisationen unter den Tisch. Vordenker, Propagandisten und geistliche Führer sind jetzt genauso Zielscheibe wie Scharfschützen, Bombenbastler und Raketenbauer. Eine Woche nach dem verheerenden Selbstmordbombenanschlag vom 19. August in Jerusalem hat die israelische Luftwaffe in drei Raketenangriffen sieben Hamas-Mitglieder abgeschossen – darunter Ismail Abu Shanab, einer der führenden Köpfe, Sprecher und Mitbegründer der Bewegung.

“Hamas” ist ein Akronym, ein Wort, das durch die Zusammensetzung der Anfangsbuchstaben des arabischen Begriffes “Harakat al-Muqawamah al-Islamiyya” entsteht, was übersetzt “Islamische Widerstandsbewegung” bedeutet. Im Arabischen bedeutet das Wort “Hamas” “Begeisterung”, “Enthusiasmus”, “Eifer”, “Mut” oder auch “Heldentat” – eben das, was ihre Anhänger im Kampf gegen “das zionistische Gebilde” vollbringen wollen.

Offiziell wurde die Hamas im August 1988, weniger als ein Jahr nach Ausbruch der ersten Intifada, mit der Veröffentlichung des “Islamischen Manifests” gegründet. Das “Islamische Manifest” faßt das ideologische Credo der Hamas zusammen und richtet sich nicht nur gegen den jüdischen Staat Israel, sondern auch gegen die säkulare Palästinensische Befreiungsbewegung (PLO).

Die Wurzeln der Hamas liegen allerdings im islamischen Zentrum “al-Mujamma al-Islami”, das der seit seiner Jugendzeit querschnittsgelähmte Sheikh Ahmed Ismail Yassin 1973 gegründet hatte und das 1979 von Israel legal anerkannt worden war. Damals war diese religiös-fundamentalistische Bewegung für Israel ein willkommenes Gegengewicht zum Terror der PLO Yasser Arafats. Das “al-Mujamma al-Islami” wurde im Gazastreifen im Bereich der Predigt, Lehre, Bildung, Sozialarbeit, Gesundheit, Sport und beim Bau von Moscheen aktiv.

Die Gründungsmitglieder der Hamas waren durchweg von der “Ikhwan”, der Muslimbruderschaft, geprägt, die 1928 in Ägypten gegründet worden war und seit den 40er Jahren im Gebiet des britischen Mandats Palästina und seinen Nachfolgestaaten tätig war. In der Tradition der Ikhwan strukturierte Sheikh Yassin die Hamas von vornherein als Untergrundbewegung. Auch intern kommunizierten die voneinander unabhängigen Strukturen von Anfang an nur durch kodierte Botschaften.

In den 70er und 80er Jahren entstand so eine bemerkenswerte soziale, religiöse und kulturelle Infrastruktur im Gazastreifen und in der Westbank, die der Hamas bedeutende politische Macht verlieh, besonders unter der Flüchtlingsbevölkerung im Gazastreifen. Einen entscheidenden Beitrag bildete die Finanzkraft der Bewegung, die auf Quellen in Saudi-Arabien, dem Iran und den Golfstaaten, aber auch auf Spenden in der palästinensischen Bevölkerung und im westlichen Ausland beruht. Aus Sicht der palästinensischen Bevölkerung richteten sich die Aktivitäten der Hamas zuerst gegen die sozio-ökonomischen Probleme des täglichen Lebens, und erst in zweiter Linie gegen die “zionistische Besatzung” – im Gegensatz zu anderen Befreiungsorganisationen, die oftmals die persönlichen Belange der Palästinenser dem nationalen Bestreben opferten.

Von Anfang an war die fundamentalistische Hamas eine moralische und politische Herausforderung für die säkular-nationalistische PLO und stellte deren Anspruch, einzig legitime Vertretung der Palästinenser zu sein, in Frage. Die PLO hatte nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 das Zentrum ihrer Machtstruktur ins Ausland, nach Jordanien, in den Libanon und dann nach Tunesien, verlegt. Die Hamas und ihre Führung dagegen blieben immer in den Palästinensergebieten und entwickelten so eine feste Verwurzelung in der Bevölkerung. Bis heute gilt deshalb: Sollte die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) die Konfrontation mit der radikal-islamischen Hamas-Bewegung riskieren, wie das die USA und vor allem Israel im Rahmen der Umsetzung der Roadmap fordern, würde dies einen blutigen Bürgerkrieg innerhalb der palästinensischen Gesellschaft zu Folge haben. Mehrere Versuche der PA in den vergangenen Jahren, führende Hamas-Vertreter dingfest zu machen, scheiterten am offenen Widerstand ihrer Anhänger.

Nachdem sich die Hamas anfangs vor allem sozial und religiös engagiert hatte, nahm sie jedoch bald auch den bewaffneten Kampf gegen Israel auf. Das “Islamische Manifest” verleiht dem “Jihad”, dem “Heiligen Krieg”, höchste Priorität, als einzigem Mittel zur Errichtung eines islamischen Palästina “vom Mittelmeer bis an den Jordan”, d.h. anstelle des Staates Israel. Außerdem sei der Jihad zur Befreiung Palästinas die religiöse Pflicht aller Muslime, nicht nur der Palästinenser. Jede politische Lösung, die auch nur einen Teil Palästinas aufgibt, wird als Kapitulation des Islam radikal abgelehnt.

Durch den ersten Palästinenseraufstand, die Intifada, etablierte sich die Hamas als bedeutendste fundamentalistisch-islamische Organisation in Judäa, Samaria und dem Gazastreifen, die ihre Ziele mit brutalster Gewalt verfolgt. Anfangs entführten und ermordeten die “Mujaheddin”, die “heiligen Krieger” der Hamas, Araber, “Häretiker”, Drogen- und Pornographiehändler und “Kollaborateure”, die der Zusammenarbeit mit Israel verdächtigt wurden. Seit Ende der 90er Jahre gelang es der Hamas, auch Zellen in der arabischen Bevölkerung Israels zu bilden.
Nach dem Golfkrieg entwickelte sich die Hamas Anfang der 90er Jahre zur führenden Terrororganisation in Israel und den umstrittenen Gebieten und nach den Abkommen von Oslo zur stärksten Opposition gegen jeden Verständigungsversuch zwischen Israelis und Arabern. Bereits 1989 war sie als Terrororganisation von Israel verboten worden.

Anfang 1991 formierte Zaccaria Walid Akel, Leiter der Mujaheddin, die ersten Gruppen der Izz a-Din al-Qassam-Brigaden. Im Dezember 1991 ermordeten sie den ersten Israeli, Doron Shorshan aus Kfar Darom, und leiteten so einen Wandel im modus operandi der Hamas ein, der sie bis zum heutigen Tage zu der Organisation macht, die die meisten Selbstmordmassaker in Israel ausgeführt hat. Die “Islamische Widerstandsbewegung” ist für den Tod von Hunderten von Israelis, überwiegend Zivilisten, verantwortlich. Tausende haben ein Leben lang an den Folgen der durch Hamas-Anschläge erlittenen Verletzungen zu leiden. Laut Hamas-Sprecher Abdel Aziz Rantisi sind die meisten Israelis Kämpfer, weil sie – auch die meisten Frauen – Militärdienst leisten, und damit legitime Ziele des Terrors.

Die Europäische Union weigert sich derweil beständig, die radikal-islamischen Organisationen Hamas und Islamischer Jihad als Terrororganisationen einzustufen und entsprechend zu verfolgen. Äußerungen des französischen Präsidentenberaters Maurice Gourdault-Montagne lassen darauf schließen, daß sich vor allem die Franzosen schwer tun, “Hamas und den Palästinensischen Islamischen Jihad als Terrororganisationen, die keinen Frieden wollen” zu sehen. Großbritannien, Deutschland und die Niederlande scheinen innerhalb der EU auf eine Änderung der bislang verfolgten Politik zu drängen. Eine Zerschlagung der radikal-islamischen Terrorgruppen setzt aber ein einheitliches Vorgehen aller an einem Frieden im Nahost interessierten Parteien voraus.

Schreiben Sie einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Bitte beachten Sie unsere Kommentar-Richtlinien

Offline, Inhalt evtl. nicht aktuell

Israelnetz-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen