Der Krieg gegen Sderot

Sderot liegt knapp fünf Kilometer Luftlinie vom Gazastreifen entfernt, es ist eine israelische Stadt in der Negev-Wüste. Seit sieben Jahren wird die Stadt von Palästinensern immer wieder mit Kassam-Raketen beschossen. Dabei hat der Krieg gegen Sderot schon längst Symbolwert.

Wenn die Sirene schrillt, haben sie nur wenige Sekunden Zeit, um in einen Schutzbunker zu flüchten, vom Wohnzimmer in den Keller zu rennen, das Klassenzimmer zu räumen und sich hinter eine Mauer zu kauern. Nur wenige Sekunden bleiben den Einwohnern von Sderot, die an einer Haltestelle auf den Bus warten, die im Auto unterwegs sind oder gerade auf der Veranda ihres Hauses sitzen, um Schutz zu suchen. Dann schlagen irgendwo in der Stadt die Raketen ein.

Im Oktober 2004 wurde das Warnsystem installiert, das vor einschlagenden Kassam-Raketen warnt. Es ist die Komponente eines israelisch-amerikanischen Prestigeprojektes: des Tactical High Energy Laser, kurz THEL. Dieser „Taktische Hochenergie-Laser“ sollte ursprünglich Raketen durch einen Sensor orten und per Laserstrahl abschießen. Doch die Entwicklung wurde, offiziell aus Kostengründen, nach zehn Jahren eingestellt. Geblieben ist das Sensor-Warnsystem, das seit drei Jahren in Sderot die Bewohner warnt.

An dem beinahe täglichen Raketenbeschuss hat das Warnsystem jedoch nichts geändert. Die rund 23.000 Bewohner von Sderot sind ausgeliefert – palästinensischen Terroristen im Gazastreifen, die die Kassam-Raketen in Handarbeit herstellen. Die Hamas entwickelte die Boden-Boden-Rakete, die lediglich aus einem Stahlmantel und Sprengstoff besteht. Die Menge der Raketen ist den Terroristen wichtiger als die Präzision. Täglich werden neue Kassams gebaut, um den Dauerbeschuss von Sderot aufrecht zu erhalten.
Symbolwert.

Dabei hat der Beschuss Symbolwert. Nicht nur die Rakete wurde nach dem palästinensischen Terroristen Isaddin al-Kassam (1882 bis 1935) benannt, der bereits gegen die britische Mandatsmacht kämpfte und bis heute als Held gefeiert wird. Der andauernde Beschuss von Sderot soll vielmehr die Hartnäckigkeit der Palästinenser verdeutlichen, ohne jegliche Einschränkung und entgegen den Verlautbarungen der Weltöffentlichkeit den bewaffneten Kampf gegen Israel fortzusetzen. Sderot wurde so wie kein anderer Ort in Israel zu einer Symbolstadt, zu einem Synonym für den Kampf der Terrorgruppen gegen die jüdische Bevölkerung.

Seit bald sieben Jahren steht Sderot nun unter Beschuss. Im April 2001 schlug die erste Kassam-Rakete in Sderot ein. Mehr als 4.500 weitere Angriffe folgten bis heute, es ist ein beinahe unvorstellbares Ausmaß der Bedrohung, Einschüchterung und Aggressivität, das die Attentäter in all den Jahren zeigen. Kassam-Angriffe waren immer wieder der Grund für militärische Aktionen der israelischen Armee, die mit Panzern und Planierraupen in den Gazastreifen vorrückte oder Luftangriffe auf Raketenabschussrampen flog. Doch nicht die palästinensischen Terroristen, vielmehr Israel wurde dafür regelmäßig an den Pranger der Weltöffentlichkeit gestellt.

Noch vier Wochen vor seinem Tod am 11. November 2004 zog Jasser Arafat den Kassam-Beschuss auf Sderot ins Lächerliche: „Diese Raketen, von denen die Israelis sprechen, haben niemanden getötet… sie machen nur Krach“, sagte der PA-Führer nach einem erneuten militärischen Vorrücken Israels in den Gazastreifen. Und forderte gleichzeitig, das „kriminelle und rassistische Vorgehen Israels“ im UN-Sicherheitsrat zu verurteilen.

Weder kriminell noch rassistisch war die Räumung aller israelischer Ortschaften und Gebäude im Gazastreifen im Sommer 2005. Auch diese Aktion haben die Einwohner Sderots hautnah miterlebt und sich Hoffnungen gemacht auf die Ankündigung der Palästinenser, nach dem Rückzug Israels im Gazastreifen für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Das Gegenteil ist heute der Fall, der Gazastreifen ist der Ort von Chaos und Terror. Es hat keine vier Wochen gedauert, bis nach dem Rückzug der Kassam-Beschuss wieder startete: Im August 2005 schlug die erste Rakete auf einem offenen Feld außerhalb der israelischen Wüstenstadt ein

Seitdem jedoch haben die Angriffe massiv zugenommen. Und nicht alle Kassams verfehlen ihr Ziel, im Gegenteil. Immer wieder schlagen die Raketen in Wohnhäusern ein, im weniger schlimmen Fall hinterlassen sie ein Feld der Verwüstung und verzweifelte Bewohner, die nicht wissen, wie sie mit dem Schaden zurechtkommen und den Wiederaufbau bezahlen sollen. Erst kürzlich schlug eine Rakete unmittelbar neben einer Tankstelle ein, hätte sie die Anlage getroffen, im Umkreis von 200 Metern wären sämtliche Häuser zerstört worden. Doch es ist nicht „nur“ der Sachschaden, der den Einwohnern das Leben in Sderot zu täglichen Qual macht, es ist vielmehr die tägliche Angst um ihr Leben. Am 29. September 2004 forderte der palästinensische Dauerbeschuss die ersten Todesopfer: Es waren zwei Kinder, Dorit Benisian und Yuval Abebah, zwei und vier Jahre alt. Beide spielten im Vorgarten eines Hauses, als eine Kassam-Rakete unmittelbar neben ihnen einschlug. Insgesamt sieben Menschen starben bislang, Dutzende wurden bei Raketenangriffen verletzt.

Natürlich, gänzlich unbekümmert gibt sich die israelische Regierung angesichts der anhaltenden Dramatik in Sderot nicht. Doch konkrete Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung oder zum Eindämmen des Beschusses haben auch die Militärstrategen nicht parat. Auch nach dem Rückzug Israels versucht die Armee, im Gazastreifen gegen Terroristen vorzugehen, Abschussrampen ausfindig zu machen und zu zerstören. Die Verlautbarungen der palästinensischen Regierung, die Kassam-Angriffe zu unterbinden, sind wirkungslos verklungen. Gegen Hamas-Terroristen sind auch palästinensische Polizisten machtlos. Pläne der israelischen Regierung, die einen Ausbau von Schutzbunkern vorsehen oder zumindest die Schulen und Kindergärten sicherer machen sollen, gibt es schon lange. Den Ankündigungen sollen bis Ende 2007 Taten folgen, verspricht die Regierung.

In ihrer Verzweiflung appellierten jetzt einige Eltern in einem Brief sogar an Microsoft-Gründer und Milliardär Bill Gates. Er solle ihnen helfen, die Stadt zu verlassen. Doch bis dahin bleiben die Bewohner sich selbst überlassen – und einem Warnsystem, das ihnen 15 Sekunden Zeit zum Überleben gibt.

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