Der Kibbutz: Zwischen Idealismus und Zeitgeist

BERLIN (inn) - Der Kibbutz ist nicht mehr, was es einmal war. Ihre Ideale haben die Bewohner der israelischen Kommunen dennoch nicht aufgegeben, findet Alex Elsohn. Am Donnerstag stellte der ehemalige Kibbutznik eine Wanderausstellung zum hundertsten Geburtstag der typisch israelischen Lebensgemeinschaften vor.

"Ganz Israel ist ein Kibbutz", meint Elsohn. Schließlich kenne in dem kleinen Land jeder jeden, genauso, wie in den für Israel typischen Lebensgemeinschaften. Er muss es wissen,  hat er doch selbst in einer solchen Kommune gelebt und gearbeitet und engagiert sich heute für den Erhalt der Freiwilligen-Gruppen. Am Donnerstag stellte der in Israel und Berlin lebende Fachmann, gemeinsam mit Vertretern der israelischen Botschaft, der evangelischen Kirche und der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, eine Wanderausstellung zum hundertsten Geburtstag der Kibbutzim vor.

Alles beginnt mit einem Weizenkorn

Ihre Geschichte begann mit einem Weizenkorn, berichtete Elsohn. "Degania", hebräisch für "Korn des Herrn", war der Name des ersten Kibbutz. 1909 wurde er von zehn Männern und zwei Frauen auf einem Feld südlich des Sees Genezareth gegründet. "Eine Gruppe von Jugendlichen, die aufgebrochen waren, weil ihnen die Welt, die sie kannten, nichts mehr bieten konnte", nannte Elsohn die Einwanderer, die eine neue Art von Lebensgemeinschaft schufen. In Zelten und einfachen Hütten lebten die ersten Kibbutzniks. Ihre Ideale: Sozialismus, Freiheit, Freiwilligkeit. Ihr Ziel: "Menschen im Rahmen der Gemeinschaft fördern", sagte Elsohn.

Innerhalb von fünf Jahren wuchs die kleine Gruppe auf 50 Freiwillige heran. Als der Staat Israel 1948 gegründet wurde, machten die Kibbutzniks ganze acht Prozent der Bevölkerung aus. Weil die freiwillige Arbeit immer Teil der Ideologie war, profitierte auch das Land von der Produktivität der Kommunen. Heute stellen die Kibbutzim laut Elsohn 55 Prozent des Rindfleischs im Land, 50 Prozent des Geflügels und 18 Prozent der landwirtschaftlichen Produkte.

Doch wie alles im Leben, haben sich auch die Kibbutzim im Laufe der Jahre gewandelt. Das zeigen nicht zuletzt die Bilder der Wanderausstellung. Während die ersten Gemeinschaften noch wenig Wert auf Sesshaftigkeit, Familienleben oder finanzielle Absicherung legten, unterscheiden sich die Fotos  jüngerer Vergangenheit wenig von Aufnahmen einer amerikanischen Vorstadtidylle.

Die Kibbutzim sind älter geworden, auch wenn sie noch heute Zulauf von Freiwilligen aus der ganzen Welt haben. Mit den Jahren zog das Alter in die Siedlungen ein. Die einst von sozialistischen Idealen geleiteten Kibbutzniks mussten Wege der Altersversorgung finden. Sie mussten Frauen ein Leben als Mutter und arbeitendem Teil der Gemeinschaft ermöglichen. Sogar eine Dienstleistungsbranche hat sich im Laufe der Jahre entwickelt, eigentlich ein Unding für die Kibbutzim, war eines ihrer Ideale doch, niemandem zu Diensten sein zu müssen, außer der eigenen? Gemeinschaft.

"Kein Mensch kann als Museum dienen"

Trotz, oder vielleicht wegen des Wandels ist der Kibbutz noch heute eine der wohl bekanntesten Einzigartigkeiten Israels. Die Fotografin Annie Leibovitz hat einige Zeit in einem Kibbutz verbracht, ebenso wie der britische Komiker Sacha Baron Cohen alias "Borat". "Als Beispiel zu leben ist nicht immer einfach", sagt Alex Elsohn jenen, die glauben, die Kibbutzim hätten mit der Einführung von Geld und dem Wandel der Kommunen-Struktur ihre Ideale verraten. Auch dass erst im Jahr 2008 der erste arabische Bewohner einen Kibbutz bezog, sehen viele als Zeichen dafür, dass das Ideal der Gleichheit selbst in der Kommune nicht realisiert werden konnte. "Erwarten Sie von Menschen nicht, dass sie als Museum dienen können", sagte Elsohn dazu. Vorurteile habe jeder Mensch, erst recht in einem politisch so schwierigen Umfeld. Letztendlich sei die große Stärke der Kibbutzim, dass sie ihr Grundideal nie verraten hätten. "Die Basisdemokratie wurde all die Jahre beibehalten."

Die Wanderausstellung "100 Jahre Leben im Kibbutz" wurde bereits in verschiedenen europäischen Ländern gezeigt. In Berlin war sie nur am Donnerstag im Rahmen der christlich-jüdischen "Woche der Brüderlichkeit" zu sehen. Sie wandert von dort aus in weitere deutsche Städte.

Schreiben Sie einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Bitte beachten Sie unsere Kommentar-Richtlinien

Offline, Inhalt evtl. nicht aktuell

Israelnetz-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen