Der jüdische Karneval

Am Abend des 14. Adar – in diesem Jahr ist das der Abend des 24. März – beginnt in Israel Purim, von außen gesehen so etwas wie ein “jüdischer Karneval”, ganz bestimmt eines der farbenfrohesten, fröhlichsten, vielleicht das am meisten ausgelassene aller jüdischen Feste. Juden feiern mit dem Purimfest die Vernichtung Hamans, des persischen Kanzlers, der sich vorgenommen hatte, das jüdische Volk zu vernichten. Die Ereignisse werden im biblischen Buch Ester berichtet.

Nach Aussage von Ester 9,20-28 wurde Purim von Mordechai eingesetzt. Im zweiten Jahrhundert vor Christus war es deshalb als “Tag des Mordechai” bekannt (2. Makkabäer 15,36). Der heute gebräuchliche Name “Purim” kommt von dem akkadischen Wort für “Los”, “puru” (Ester 9,26) und erinnert an die Lose, die Haman geworfen hatte, um den Tag zu bestimmen, an dem der Völkermord hätte stattfinden sollen (Ester 3,7).

Im Laufe der Jahrhunderte wurde Purim ein Fest des Sieges über allen Antisemitismus. Die Ausgelassenheit und die Verkleidungen werden als “lange Nase” erklärt, die das jüdische Volk seinen Hassern und allen vergeblichen Vernichtungsversuchen macht.

Am Tag vor Purim findet aber noch das “Ester-Fasten” statt, das daran erinnert, wie Königin Ester und die persischen Juden das Vorgehen der jüdisch-stämmigen Königin vorbereitet haben (Ester 4,16). Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang fasten deshalb orthodoxe Juden am 24. März. In den Synagogen werden spezielle Gebete und Schriftlesungen verrichtet.

Die Hauptsache an Purim ist das Lesen der “Ester-Rolle”, des biblischen Buches Ester, am Vorabend des Purimfestes in der Synagoge. Wenn dabei der Name “Haman” genannt wird, machen vor allem – aber nicht nur – die Kinder möglichst viel Krach, um “den Namen Amaleks auszulöschen” (vergleiche 5. Mose 25,19; 2. Mose 17,14). Haman wird als “Agagiter” bezeichnet (Ester 3,1) und deshalb für einen Nachfahren des Amalekiterkönigs Agag gehalten (1. Samuel 15,8ff). Am Morgen in der Synagoge wird dann 2. Mose 17,8-16 verlesen, wo erzählt wird, wie Amalek die Israeliten auf der Wüstenwanderung angegriffen hatte.

Eine wichtige Sitte zum Purimfest ist das Versenden von Geschenken, besonders an die Armen (Ester 9,22). Gemeinnützige Hilfsorganisationen wissen die Purimzeit natürlich in besonderer Weise für ihre Zwecke zu nutzen. Schulklassen in Israel sind damit beschäftigt, Geschenkteller mit Süßigkeiten für Soldaten vorzubereiten.

An keinem jüdischen Fest dürfen bestimmte, charakteristische Speisen fehlen. An Purim sind es besonders die so genannten “Hamantaschen” oder “Hamansohren”, kleine, dreieckige Gebäckstücke, die mit Süßem gefüllt sind. Über die Anweisung des babylonischen Lehrers Rabba, dass ein Mann aus Freude über die Errettung des jüdischen Volkes am Purimfest so viel Wein zu trinken habe, bis er nicht mehr unterscheiden kann, ob er Haman flucht oder Mordechai segnet, wird bis heute diskutiert. Es gibt allerdings orthodoxe Juden, die dieses rabbinische Gebot ernst nehmen.

In Schuschan, einer der vier persischen Hauptstädte, dem heutigen Susa, feierten die Juden erst am 15. Adar (Ester 9,18), weil sie sich einen Tag länger gegen ihre Feinde wehren durften. Deshalb wird bis heute in Israel in den Städten, die bereits zur Zeit Josuas eine Mauer hatten (vergleiche die Mischna, Traktat Megillot 1,1), auch am 15. Adar das sogenannte “Schuschan-Purim” gefeiert. Konkret bedeutet das, dass heute in Israel das Purimfest beispielsweise in Tel Aviv am 25. März gefeiert wird, in Jerusalem dagegen erst mit “Schuschan-Purim” am 26. März.

Purim ist ein weniger wichtiges Fest, weil es nicht in der Tora geboten wurde. Deshalb ist es in Israel auch kein gesetzlicher Feiertag. Das heißt, dass viele Firmen, Geschäfte und öffentliche Einrichtungen kürzer geöffnet sind. Die Kinder haben schulfrei, aber die öffentlichen Verkehrsmittel sind wie gewöhnlich unterwegs. Immerhin wurde dem Purimfest aber schon im 2. Jahrhundert nach Christus ein ganzes Traktat in der Mischna unter dem Namen “Megillah” gewidmet. Darin wird diskutiert, wie das Purimfest gefeiert werden soll.

In diesem Jahr wird Purim erst sehr spät gefeiert und fällt deshalb auf Karfreitag und Karsamstag, weil das jüdische Jahr 5765 ein Schaltjahr ist, das heißt, es wurde ein zweiter Monat Adar als Schaltmonat gerechnet. Nach talmudischer Tradition muss das Purimfest am 14. und 15. Tag des zweiten Adar gefeiert werden, weil das auch das Datum des ursprünglichen Purim war, das nach jüdischer Zeitrechnung in einem Schaltjahr stattgefunden hatte. Eine weitere Besonderheit ist in diesem Jahr, dass “Schuschan-Purim” auf einen Schabbat fällt. Deshalb werden die Purimfeiern bis auf den Abend des Ostersonntag ausgedehnt, so dass das traditionelle, abschließende Festmahl am Nachmittag des 27. März gehalten wird.

In den vergangenen Jahren waren die Purimfeiern von der angespannten Sicherheitslage überschattet. 1996 kamen um Purim innerhalb von acht Tagen 63 israelische Zivilisten in vier Anschlägen ums Leben. Ein Jahr danach kostete das Selbstmordattentat auf das Cafe Apropos in Tel Aviv drei Frauen an Purim das Leben. In diesem Jahr hoffen die Veranstalter auf ein Comeback der großen Paraden, vor allem in Tel Aviv, wo außer dem Karnevalsumzug weitere 40 Parties offiziell bekannt sind. Holon feiert seine 13. Adlojada, wie dort der traditionelle Purimumzug genannt wird, an der 4.500 Tänzer, Artisten und Musiker teilnehmen werden.

Die Entspannung im Blick auf die Beziehung zu den Palästinensern ist für die Sicherheitskräfte allerdings noch kein Grund zur Entwarnung. Israelische Sicherheitsfachleute verweisen darauf, dass die Palästinensische Autonomiebehörde unter Mahmud Abbas zwar eine Reihe von Terroranschlägen auf israelische Ziele verhindert hat, grundsätzlich aber nicht an der Zerschlagung der Terrororganisation arbeite. Die israelische Armee hat eine umfassende Schließung der palästinensischen Autonomiegebiete beschlossen, so dass keine Palästinenser während der Purimfeiertage nach Israel einreisen dürfen. Ausnahmen bilden humanitäre Notlagen, für die spezielle Genehmigungen ausgestellt werden. Und natürlich werden Tausende von Sicherheitsbeamten und Polizeivolontären die Purimfestivitäten im Dienst miterleben.

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