Bereits in der 2022 erschienenen Erstausgabe des Buches „Toxische Sprache und geistige Gewalt: Wie judenfeindliche Denk- und Gefühlsmuster seit Jahrhunderten unsere Kommunikation prägen“ zeigt die Kognitionswissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel eindrücklich, wie und warum antisemitische Vorstellungen sich auch nach dem Holocaust so hartnäckig in den Köpfen der Menschen halten.
In der nun erschienenen aktualisierten Neuauflage thematisiert die Autorin zudem die massive weltweite Zunahme von Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023, jenem Tag, an dem die Hamas und mit ihr verbündete palästinensische Terrorgruppen aus dem Gazastreifen einen präzedenzlosen Terrorangriff auf Israel verübten, 1200 Menschen ermordeten und 250 als Geiseln in den Gazastreifen verschleppten.
„Nie seit Auschwitz war Judenfeindschaft wieder dermaßen sicht- und hörbar. Und nie wurde ihr seit dem Zivilisationsbruch des Holocaust in der Zivilgesellschaft so wenig widersprochen“, befindet Schwarz-Friesel. Auch deshalb – und nicht ausschließlich aufgrund der Grausamkeit des Hamas-Überfalls selbst – stelle dieser „eine Zäsur im modernen Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden“ dar.
Alter Hass in neuem Gewand
Genauso wenig wie der Holocaust habe jedoch auch das Massaker der Hamas zu einer Läuterung der Gesellschaft von antisemitischen Vorstellungen geführt. Im Gegenteil habe es eine Eskalation von Judenfeindlichkeit entfesselt: „… auf der Straße, im Netz, in den Medien, aber auch in Teilen der Politik und der Zivilbevölkerung … Juden verstecken sich wieder, tragen Ketten mit dem Magen David (Davidstern) oder die Kippa nicht mehr sichtbar, Studierende haben Angst, allein deutsche Universitäten zu betreten, die Jüdische Allgemeine wird in blickdichten Umschlägen verschickt“.
Inhaltlich neu sei nichts an dem antisemitischen Gedankengut, das seit dem 7. Oktober 2023 wieder besonders „offen und selbstbewusst artikuliert“ werde. Vielmehr handele es sich um den jahrtausendealten „Anti-Judaismus in modern angepasster Variante“. Diese zeichne sich vor allem dadurch aus, dass sie das mittelalterliche Konzept des kollektiven Juden als „Weltenübel“ nun auf den modernen Staat Israel projiziere.
Als Linguistin weist Schwarz-Friesel insbesondere in den ersten beiden Kapiteln auf die zentrale Rolle der Sprache bei der Erschaffung und Verbreitung judenfeindlicher Ideen hin. Antisemitismus basiere auf sprachlichen Modellen, die Juden dämonisierten. Diese anti-jüdischen „Stereotypen bar jeder Faktizität“ bezeichnet die Autorin als ein „Gift“, das „die Seelen mit Hass verdunkelt“ – ein Gedanke, der sich bereits im Titel des Buches widerspiegelt: „Toxische Sprache“.
Greifbares Kriterium
Ein wichtiger Beitrag des Buches besteht darin, dass es den Kern der antisemitischen Weltanschauung klar umreißt. Er bestehe in der Idee, dass Juden zum Sinnbild des Schlechten in der Welt stilisiert werden, von dem es die Menschheit zu erlösen gelte. Genau diese Vorstellung, die in der christlichen Abgrenzungs- und Verdammungsrhetorik ihren Anfang nahm und im Mittelalter weitertradiert wurde, spiegele sich auch in allen aktuellen Ausdrucksformen von Judenfeindschaft wider.
Mit dieser Definition formuliert Schwarz-Friesel ein greifbares Kriterium, das sowohl historische als auch gegenwärtige Erscheinungsformen des Antisemitismus erkennbar macht. Zugleich setzt sie damit eine überzeugende Gegenposition zu der häufig geäußerten Behauptung, es sei konzeptuell schwierig, israelbezogene Judenfeindlichkeit und nicht-antisemitische Kritik am Staat Israel voneinander zu unterscheiden.
In der Vorstellung von Juden als Inbegriff des Bösen, von dem die Menschheit zu erlösen sei, ist zudem bereits jene Logik der Vernichtung angelegt, die antisemitische Ideologie immer wieder in Gewalt- und Auslöschungsphantasien münden lässt. Auch der israelbezogene Antisemitismus stehe – so Schwarz-Friesel – „in der langen Tradition, die jüdische Existenz, ganz gleich wie und wo sie ist, als Übel in der Welt zu sehen, das auf eine physisch oder metaphysisch Art zu eliminieren sei“.
Das fünfte Kapitel widmet sich Formen von Judenfeindlichkeit, wie sie durch gebildete und aufgeklärte Kreise verbreitet werden. Diese seien keine Ausnahme, sondern in der europäischen Religions-, Geistes- und Kulturgeschichte eher die Regel. Nach dem 7. Oktober 2023 habe sich Antisemitismus an Universitäten besonders radikalisiert. Die Autorin beschreibt, wie Studierende an deutschen Hochschulen den Angriff der Hamas als „Widerstand“ zelebrieren, Symbole der palästinensischen Terror-Organisation an die Wände schmieren und Poster mit den Bildern der israelischen Geiseln abreißen.
Die Rolle der Eliten
Neu sei auch dieser Campus-Antisemitismus nicht. Bereits 2016 entdeckte man auf dem Gelände der US-amerikanischen Elite-Universität Berkeley Graffiti wie „Zionisten sollen in die Gaskammern geschickt werden“, „Tod dem Staat Israel“ und „Tötet alle Juden“. An der Universität Halle versuchten Studierende vergeblich, gegen eine Geschichtsprofessorin vorzugehen, die 2022 die Auffassung vertrat, das in Nazi-Deutschland weit verbreitete Hetzblatt „Der Stürmer“ sei nicht antisemitisch – und dies sogar im Hinblick auf Darstellungen behauptete, die Juden als Kraken oder Käfer zeigen. Schwarz-Friesel weist darauf hin, dass Universitäten in Europa historisch oft Vorreiter judenfeindlicher Diskriminierung waren. Zudem zitiert sie antisemitische Äußerungen aufgeklärter Philosophen des 18. und 19. Jahrhunderts wie Voltaire und Hegel.
Aufgrund ihrer Vorbildfunktion und ihres gesellschaftlichen Einflusses trügen intellektuelle Eliten besonders stark zur Verbreitung judenfeindlicher Ideen bei. Antisemitismus existiere eben nicht nur an den radikalen Rändern der Gesellschaft, sondern sei gerade auch in der gesellschaftlichen Mitte stark verbreitet. Dort artikuliere er sich nicht vulgär, sondern komme subtil im Deckmantel liberaler und progressiver Rhetorik daher, die sich oft als Kritik am Staat Israel camoufliere. Dass dem nicht entschiedener widersprochen werde, sei eines der größten Hindernisse bei der Bekämpfung des Antisemitismus. „Wie soll ein weitreichendes Umdenken und Aufarbeiten stattfinden, wenn man nur auf Springerstiefel-Antisemitismus schaut, Bischöfen, Nobelpreisträgern und Gelehrten aber alles durchgehen lässt?“
In den folgenden Kapiteln vertieft Schwarz-Friesel die Analyse der konkreten sprachlichen Erscheinungsformen von Judenhass. Dabei geht es immer wieder auch um die Abwehr der Kritik am intellektuellen Antisemitismus, die in den Feuilletons häufig zum Angriff auf die Meinungsfreiheit umgedeutet werde. So werde auch der Antisemitismus im Kulturbetrieb legitimiert. Die Autorin geht jedoch auch auf die Marginalisierung alltagssprachlicher Antisemitismen. Wenn auf Schulhöfen Beschimpfungen wie „Du Jude“ gerufen werden, werde dies häufig mit Beschwichtigungen wie „es sei ja nur so daher gesagt“ heruntergespielt.
Antisemitische Stereotype auf Israel übertragen
Kapitel 11 und 12 behandeln den Schwerpunkt der israelbezogenen Judenfeindschaft und zeigen, wie diese den Diskurs über den Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 prägt. Bereits vor dem 7. Oktober stellte die „Israelisierung des Antisemitismus“, wie Schwarz-Friesel sie nennt, die „frequenteste Form der aktuellen Judenfeindschaft“ dar. Sie zeichne sich dadurch aus, dass klassische antisemitische Stereotype – etwa Juden seien „Kindermörder“, „Landräuber“ oder „Volkszerstörer“ – auf den jüdischen Staat übertragen werden.
Diese derealisierende Dämonisierung Israels bilde wiederum die Grundlage für die Umdeutung des Hamas-Angriffs als „Aufstand“ oder „bewaffneten Widerstand“ gegen vermeintlichen israelischen „Landraub“ und „Unterdrückung“. Letztlich spiegele sich darin nichts anderes als eine althergebrachte Rechtfertigung von Judenhass wider, wonach Juden selbst schuld seien „an ihrem Unglück, ihrem Ausgegrenzt-Sein und auch an der Gewalt, die ihnen zugefügt wird“. Diese Täter-Opfer-Umkehr führte nach dem Massaker vom 7. Oktober zu einer weitgehenden Empathieverweigerung gegenüber Israelis und Juden.
Auf die Zunge achten
Im letzten Kapitel plädiert Schwarz-Friesel dafür, Antisemitismus entschlossener zu bekämpfen, indem man allen seinen Ausdrucksformen entschieden widerspricht. Verbote und Cancle-Kultur lehnt die Autorin jedoch ab. Stattdessen fordert sie eine „kommunikative Ethik“, die sich durch einen sensiblen und geschichtsbewussten Umgang mit Sprache auszeichnet.
In dem Buch bündelt Schwarz-Friesel die Ergebnisse ihrer langjährigen Forschung zu einer pointierten Analyse antisemitischer Sprach- und Denkmuster. Die Explosion von Judenfeindlichkeit nach dem 7. Oktober 2023 legt sie als Konsequenz einer geistesgeschichtlichen und sozialen Entwicklung offen, in der gebildete Ausdrucksformen von Judenfeindlichkeit breite Akzeptanz in der gesellschaftlichen Mitte genießen und ihnen nicht entschieden genug widersprochen wird.
Dies gehe häufig mit einer Umdeutung von Antisemitismus zur Kritik am Staat Israel einher. Die Position, Kritik an israelischer Politik und Antisemitismus seien schwer voneinander zu unterscheiden, entlarvt sie als Schutzbehauptung, indem sie das Wesen antisemitischer Hasssprache klar umreißt und damit deutlich abgrenzbar macht.
So verbindet das Buch wissenschaftliche Analyse mit einer tiefgreifenden Gesellschaftskritik. Damit ist es auch ein leuchtendes Beispiel dafür, wie Wissenschaft einen Beitrag zu dringend notwendigen öffentlichen Debatten leisten kann.
7 Antworten
Ich habe das Buch nicht gelesen, aber von der Rezension her habe ich das Gefühl, daß wieder einmal der – in dem Fall grüne- Elefant mitten im Porzellanladen übersehen wird.
Alter Hass in neuem Gewand: siehe Berlinale 2026.
Bestimmt ein sehr interessantes Buch, dass es hilft Antisemitismus zu bekämpfen glaube ich nicht!
Lieber Gruß Martin
@Untertan
Glauben ist nicht Wissen, sagt unser Bischof, bester Menschenkenner von allen. Hilft das Buch im Kampf gegen Antisemitismus? Meine Ehefrau sagt Ja und sie hat immer Recht.
Soweit alles gut außer hier: (Die Position, Kritik an israelischer Politik und Antisemitismus seien schwer voneinander zu unterscheiden).
Israel ist eine Demokratie, und nicht Iran oder Nordkorea wo man verfolgt wird, wenn man die Regierung kritisiert. Wie bei jedem anderen Land ist Kritik an der Politik zulässig und legitim, und auch in Israel selbst wird die Regierung oft heftig kritisiert.
Diese Kritik bezieht sich auf konkrete politische Entscheidungen oder Menschenrechtsfragen. Und nicht auf die Tatsache dass Israel ein jüdischer Staat ist.
Gideon Lahav @ : im Prinzip haben sie völlig Recht. Meine lieben Freunde in Israel zum Beispiel schimpfen wie die Rohrspatzen auf die Regierung. Das hat man so in Demokratien, das gleiche gilt für Frankreich, Deutschland, Italien, GB….ABER : inehmen Sie den immer wieder verwendeten Satz „Ich bin für das Existensrecht Israels, aber….“ und ersetzen Israel durch irgend ein anderes Land, sei es Nord-Korea oder Afghanistan und betrachten dann die verblüfften Gesichter. Nur Israel muss seine Existenz rechtfertigen . Das Pikante daran ist, dass die meisten, die diesen Satz aussprechen, vehemnt bestreiten werden, Antisemiten zu sein…und davon sogar selbst überzeugt sind. Gut Schabbes allerseits
Kommentiere ich nicht, habs schon bestellt.
SHALOM