Dauerbrenner: Schiiten versus Sunniten

Nicht nur aus nationalistischen, sondern auch aus religiösen Gründen sind die sunnitischen Araber traditionell Erzfeinde der Perser. Die überwiegende Mehrheit der Muslime sind Sunniten. Sie betrachten die „Sunna“, die Übung des Propheten Mohammed in Wort, Handlung und Unterlassung als ergänzende Erklärung zum Koran. Die Sunna ist in dem „Hadith“, den Erzählungen über die Taten des Propheten, überliefert. Dabei werden nicht nur die ernsten Äußerungen des Propheten über das Jenseits oder die Pflichtenlehre beachtet, sondern auch, wie er sich räusperte oder spuckte. Sunniten sehen sich als „Leute, die dem Beispiel Mohammeds“ folgen, bis in die kleinsten Einzelheiten hinein.

Die Schiiten sind die zweitgrößte Denomination im Islam und stellen etwa 10 bis 15 Prozent der weltweit mehr als 1,5 Milliarden Muslime. Die meisten Iraner sind Schiiten, wie auch ein großer Anteil der libanesischen Bevölkerung. Ihnen ist die „Schiat Ali“, die „Nachfolgerschaft Alis“ wichtig. Sie sehen eine göttliche Offenbarung nicht nur in den Lehren Mohammeds, sondern betrachten auch die direkten Nachfahren des Propheten – die so genannten „Schia Imame“ – als Quelle der Inspiration. Dabei sind besonders die Nachkommen der Lieblingstochter Mohammeds, Fatima Sahra, und seines Cousins Ali wichtig. Gleichzeitig verfluchten die Schiiten in ihren Freitagsgebeten Jahrhunderte lang die drei ersten sunnitischen Kalifen – eine Praxis, die heute im vereinten Kampf gegen den Imperialismus etwas in den Hintergrund geraten, durchaus aber noch aktuell ist. Sunniten verdächtigen die Schiiten des Polytheismus, weil sie den Schia Imamen göttliche Autorität zuerkennen. Die Vielgötterei ist eine der schlimmsten Sünden im Koran.

Das saudisch-wahabitische Bündnis der arabischen Halbinsel von 1744 war anti-schiitisch definiert. Als dann 1979 mit der islamischen Revolution die schiitischen Ajatollahs die Macht übernahmen, erweckte das vor allem in Saudi Arabien einen uralten strategischen Alptraum zu neuem Leben. Persien stellt wieder einmal die regionale Vorherrschaft der Araber, in diesem Falle des Hauses Ibn Saud, in Frage. Ein Ausdruck dieser Spannungen war, dass es bis Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts während der jährlichen Pilgerfahrt nach Mekka regelmäßig zu Zusammenstößen zwischen iranischen Pilgern und saudischen Sicherheitskräften kam. Das Schweigen der Arabischen Liga zum zweiten Libanonkrieg im Sommer 2006 sprach Bände. Die Araber haben sonst bei Verurteilungen Israels kaum Hemmungen. Aber Saudi Arabien, die Golfstaaten, Jordanien und Ägypten beobachten die hegemonialen und atomaren Ambitionen des schiitischen Iran mit großem Misstrauen.

In Saudi Arabien wurden ganz offen Befürchtungen laut, dass noch mehr Sunniten zur Schiah konvertieren, wenn der Erfolgsstory der Hisbollah nicht Einhalt geboten wird. Die „Hisb-Allah“ (Partei Allahs) wurde als „Hisb al-Scheitan“ (Partei des Teufels) bezeichnet. Bei Demonstrationen der säkularen Fatah im Gazastreifen gegen die radikal-islamische Hamas wurde die Hamas als „Schiiten“ beschimpft. Und in Kuwait war gar davon die Rede, dass man den Krieg gegen den Iran selbst führen müsse, wenn der Westen die Kartoffeln nicht aus dem Feuer hole. Irans Einfluss in der Palästinensischen Autonomie, im Libanon und im Irak macht ihn zu einem schwierigen Verhandlungspartner für das westliche Ausland. Für die sunnitische arabische Welt profiliert sich das schiitische Persien mehr und mehr zu einer ernsthaften Bedrohung.

Libyens Präsident Muammar Qaddafi goss Ende März weiteres Öl in diesen schwelenden Brand, als er in einer Rede ein schiitisches Reich in Nordafrika forderte. Der manchmal eher als Polit-Clown erscheinende Oberst von eigenen Gnaden wirkt traditionell wie ein Außenseiter in der Arabischen Liga. Er erklärte, die Trennung der Muslime in Schiiten und Sunniten sei ein kolonialistisches Komplott und prangerte den Hass der Arabischen Liga auf den Iran an. Einzig die ausländische Besatzung und die zionistische Besiedlung sind laut Qaddafi für den tiefen Graben zwischen Sunniten und Schiiten, zwischen Arabern und Persern verantwortlich.

Die Hinrichtung Saddam Husseins just am Vorabend eines der höchsten islamischen Feiertage, des Opferfestes „Id al-Adha“, die entwürdigenden Äußerungen seiner Scharfrichter und die Tatsache, dass die Bilder von seiner Hinrichtung an die Öffentlichkeit gelangten, müssen in diesem Kontext gesehen werden. Zutiefst verärgert zeigte sich die sunnitisch-arabische Öffentlichkeit, als die Hisbollah dem Irak zur Hinrichtung von Saddam Hussein gratulierte. Damit identifizierte sich die Hisbollah innerhalb der arabischen Welt als in erster Linie schiitische Gruppe.

Wer den palästinensischen Freiheitskampf gegen Israel kennt, wird nicht vergessen können, dass es vor allem Saddam Hussein war, der diesen spürbar nicht nur ideell, sondern vor allem auch finanziell unterstützt hatte. Der finanzielle Einfluss des Iran reicht noch lange nicht aus, um den Namen „Ahmedinedschad“ oder „Chomeini“ unter den Vorbildern der palästinensischen Öffentlichkeit auftauchen zu lassen. Nach wie vor wird neben Jasser Arafat, Gamal Abdel Nasser und Adolf Hitler vor allem der Name „Saddam Hussein“ als Führer genannt, der das elende Los der palästinensischen Bevölkerung wenden könnte.

Mit großer Sorge verfolgen die sunnitischen Araber die Möglichkeit eines amerikanischen Rückzugs aus dem Irak. Nur so ist das verstärkte diplomatische Engagement Saudi Arabiens zu verstehen. Schon jetzt fordern täglich sunnitische Selbstmordattentäter unzählige schiitische Opfer auf den Straßen des Iraks. Auch die Tatsache, dass neuerdings die sunnitischen Hamas in die Arbeit der Arabischen Liga einbezogen wird, ist ein Indiz für die fieberhaften Bemühungen, dem schiitischen Einfluss Einhalt zu gebieten. Die Jahrzehnte alte Bedrohung der säkularen arabischen Regime durch die radikal-islamische Muslimbruderschaft, zu deren Folgeorganisationen die Hamas wie auch der Islamische Dschihad gehört, scheint an Bedeutung zu verlieren, angesichts des Abgrunds, der Sunniten von Schiiten trennt.

Um diese Front aufzuweichen spielt Mahmud Ahmedinedschad die einzige Karte, die bei Sunniten zieht: die Feindschaft gegen Israel. Durch die Profilierung als Widerstandskämpfer gegen die zionistische Verschwörung und die dekadente westliche Kultur, hofft der iranische Präsident, die sunnitischen Araber auf seine Seite zu ziehen.

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