„Das verlorene Haus der Apostel gefunden“

Eine archäologische Entdeckung in Galiläa sorgt für Schlagzeilen. Doch dass sie wirklich so sensationell ist, lässt sich nicht beweisen, wie Nahostkorrespondent Ulrich W. Sahm feststellt.
Dieser Stein in Beitsaida erinnert seit Jahrzehnten an ein früher entdecktes „Fischerhaus“

Foto: Ulrich W. Sahm

Dieser Stein in Beitsaida erinnert seit Jahrzehnten an ein früher entdecktes „Fischerhaus“

BEITSAIDA (inn) – Archäologen glauben, die verlorene römische Stadt Beitsaida-Julia am nördlichen Ufer des Sees Genezareth gefunden haben. Sie war die Heimatstadt von Jesu Aposteln Petrus, Andreas und Philippus. Im Naturschutzgebiet des Beitsaida-Tales ist ein römisches Badehaus freigelegt worden, was die Existenz einer Stadt bezeuge, so Mordechai Aviam vom Kinneret-College.

Der Historiker Josephus Flavius (38 bis 100) hat die Stadt erwähnt. Der jüdische Monarch König Philipp Herodes, Sohn des Königs Herodes, habe das Dorf in eine römische Polis (Stadt) verwandelt (Jüdische Altertümer 18.28). Philipp benannte sie nach Livia Drusilla, der Mutter des römischen Kaisers Tiberius. Nach ihrer Ehe mit Kaiser Augustus nannte sie sich Julia Augusta. „Das jetzt gefundene Badehaus bezeugt die Existenz einer römischen städtischen Kultur”, sagte der Archäologe.

Grabungen bereits vor 30 Jahren

Nahe dem Delta des Jordanflusses im Norden des See Genezareth gibt es drei Stellen, an denen die Archäologen die antike Stadt vermuten. Auf einem Hügel im heutigen Naturpark Beitsaida wurden schon vor über 30 Jahren römische Bauten und Wohnungen gefunden. In seinem 1991 erschienenen Buch „Wege des Messias und Stätten der Urkirche“ beschreibt der Benediktinermönch und Archäologe Bargil Pixner ausführlich Funde in Beitsaida und Beitsaida-Julia. Bei Führungen wies er auch auf ein Haus, in dem er Nadeln und andere Geräte zum Flicken von Fischernetzen gefunden hatte. Die Wanderungen von Jesus rund um den See und seine Fahrten auf dem See in einem Fischerboot des Petrus sind zur Genüge bekannt. Die Frage stellte sich, ob Beitsaida eine Anlaufstelle für die Fischer war.

Vor 2.000 Jahren, so vermuteten die Forscher anhand von Ausgrabungen in Magdala, habe der Spiegel des Sees Genezareth 209 Meter unter dem Meeresspiegel des Mittelmeers gelegen. Das aber hätte bedeutet, dass Beitsaida überschwemmt gewesen sein musste. Dann wären beide Stellen, die als „Beitsaida“ in Frage kommen, unbewohnbar gewesen, es sei denn, die Römer hätten einen bisher nicht gefundenen Damm gebaut. Neuere Messungen ergeben jedoch, dass der See 211 Meter unter dem Meeresspiegel gelegen habe. In dem Fall hätte Beitsaida im Freien gelegen, nahe dem Ufer, und wäre auch für Fischerboote zugänglich gewesen. Heute ist der Spiegel des Sees so tief gesunken, dass Beitsaida kilometerweit vom Ufer entfernt liegt.

Kaum wissenschaftliche Grundlagen

Die Zeitung „Ha’aretz“ hatte in einer Schlagzeile gemeldet, dass Archäologen das Haus der Jünger Jesu gefunden hätten. Berichtet wurde dann aber vor allem über die Freilegung des römischen Badehauses.

Insofern ist es gewagt, ein Wohnhaus von Fischern ausgerechnet den Jüngern Jesu zuzuschreiben. Das ergibt eine nette Schlagzeile, ist aber bedeutungslos, solange keinerlei Inschrift mit den Namen von Petrus oder Andreas gefunden wurde. Inmitten von Beitsaida, zwischen breiten typisch römischen Straßen, steht seit den 1990er Jahren ein mächtiger Stein mit dem Hinweis, „Haus der Fischer“. Darunter stehen Verse aus dem Neuen Testament zum Wirken Jesu auf und um den See Genezareth. Natürlich beflügelt es die Fantasie, sich vorzustellen, dass in diesem Haus auch Jesus eingekehrt sei.

Der Mangel an konkreten Beweisen gilt auch für andere in der Bibel erwähnte Stätten und Stellen. Die können zwar geographisch ziemlich genau bestimmt werden, doch dass dort eine erwähnte Person gelebt hat, lässt sich keinesfalls mit Gewissheit behaupten.

Von: Ulrich W. Sahm

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