„Das mit den Raketen fing übrigens so an …“

Als am 12. Juni die Nachricht über drei entführte Jugendliche bekannt wurde, ahnte wohl niemand, dass dies den Beginn neuen Blutvergießens in Nahost markieren würde. Seit dem Bürgerkrieg in Syrien und der Abwendung des Iran ist die einst viel bejubelte Hamas pleite und scheint isoliert. Offenbar hat sie nichts mehr zu verlieren – und hat sich deshalb in eine neue bewaffnete Konfrontation mit Israel gestürzt.
Israels Bodenoffensive richtet sich vor allem gegen das weit verzweigte Tunnelsystem der Hamas.

Foto: IDF/flickr

Israels Bodenoffensive richtet sich vor allem gegen das weit verzweigte Tunnelsystem der Hamas.

Die Eskalation der israelischen Sommerkrise 2014 begann am 12. Juni: Im Westjordanland wurden drei israelische Talmudschüler ermordet. Die Ermittler und die Öffentlichkeit gingen zunächst von einer Entführung durch Mitglieder der radikal-islamischen Hamas aus. Tags zuvor hatte die Organisation ihren bewaffneten Arm im Westjordanland dazu aufgerufen, mit mehr Gewalt gegen Israelis vorzugehen.
Während es in den sozialen Netzwerken und in der palästinensischen Bevölkerung Jubelrufe über die Entführung und regelrechte Freudenfeiern gab, trafen sich in Israel Zehntausende, um für die entführt geglaubten Teenager zu beten. Rachel Frankel, Mutter eines der vermissten Jungen, sagte: „Gott ist nicht unser Sklave. Aber unabhängig vom Ergebnis ist Gott es wert, dass wir ihn anrufen.“
Die israelische Armee vollzog in der Nähe von Hebron eine groß angelegte Suchaktion nach den Tätern. International wurde diese Reaktion verurteilt und als überzogen bewertet. Zwei Hauptverdächtige waren schnell identifiziert, wurden bis Mitte Juli aber noch nicht gefunden. Die Hamas bestreitet die Beteiligung an der Tat, stimmte aber in die Jubelrufe der Bevölkerung ein. Am 30. Juni fanden die Suchtrupps die Leichen der drei Juden.
Am Tag der Beerdigung, am 1. Juli, sprach der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu von einem „spontanen Tag der Volkstrauer“; „Ejal, Gilad und Naftali – diese Namen haben sich in den vergangenen 18 Tagen in unsere Herzen eingebrannt.“ Zehntausende waren zu der Bestattung angereist. Die Besucher sangen Psalmen und andere jüdische Texte.
Im Gegensatz zu dieser traurigen, aber friedlichen Zusammenkunft zogen einige Stunden später in der Jerusalemer Innenstadt einige Hundert Israelis durch die Straßen und forderten Vergeltung sowie Mord an Arabern. Auch über soziale Netzwerke verbreiteten sich Racheaufrufe, die kurz darauf gelöscht werden mussten. Die Teilnehmer waren überwiegend Kahanisten, Anhänger einer ultrarechten Gruppierung.
Einen Tag darauf, am 2. Juli, wurde ein 16-jähriger Araber aus Schuafat, einem palästinensischen Vorort von Jerusalem, entführt. Und bei lebendigem Leib verbrannt. Innerhalb weniger Stunden formierte sich eine Demonstration von mehr als 1.000 friedenswilligen Israelis, die Zurückhaltung auf allen Seiten verlangten.
Die folgenden Tage waren geprägt von Spannung in der Bevölkerung, die Eltern der drei Talmudschüler riefen zu Besonnenheit auf und verurteilten den Racheakt. Die Bevölkerung Israels war geschockt, trotz des frischen Schmerzes des Verlustes der drei religiösen Jungs gab es für die erneute Gräueltat beim Großteil der Bevölkerung keinerlei Verständnis.
Die Mörder des jungen Palästinensers wurden wenige Tage nach der Bluttat gefasst und waren geständig. Sie hatten den Tod der entführten Teenager rächen wollen. Zwei der Täter sind minderjährig, der dritte wird auf Zurechnungsfähigkeit überprüft. Der Araber wurde von Israel als Terror-Opfer anerkannt.
In Schuafat begannen nach dem Mord an dem Palästinenser wilde Gefechte: Steine werfende junge Männer lieferten sich tagelang Straßenschlachten mit der israelischen Armee. Die Straßenbahnhaltestelle wurde niedergebrannt, so dass Teile der Stadt nicht mehr mit der Bahn zu erreichen sind. Dass zur gleichen Zeit Ramadan, der Fastenmonat der Muslime, war, trug zusätzlich zu Nervenkrieg und erhitzten Gemütern bei.

Raketenbeschuss aus Gaza nimmt dramatisch zu

Parallel zu diesen Ereignissen schlugen im südlichen Küstenstreifen am Mittelmeer unzählige Raketen aus dem Gazastreifen ein. Bereits in den ersten drei Monaten des Jahres 2014 waren das mehr Raketen als im ganzen Jahr 2013 insgesamt. Seit der Entführung der jungen Juden war die Frequenz der Einschläge nochmals deutlich erhöht. Viele Israelis sind traumatisiert, manche müssen alle paar Stunden einen Schutzraum aufsuchen. In Sderot haben die Menschen gerade einmal 15 Sekunden Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen. Kinder leiden an Schlafstörungen, nässen ein oder sind leicht reizbar.
Die Führung des Staates Israels sah keine andere Möglichkeit, als sich gegen die Raketenangriffe zur Wehr zu setzen und ihre Bevölkerung zu schützen. Tausende Reservisten wurden eingezogen, und am 8. Juli leitete sie die Operation „Zuk Eitan“ ein, das heißt so viel wie „Fels in der Brandung“ oder „starker Fels“. Das israelische Militär flog Angriffe auf Gaza. Als Ziele dienten Hauptquartiere der Hamas und Waffenlager, die Zahl der toten Zivilisten stieg trotzdem kontinuierlich. Netanjahu erklärte das israelische Dilemma: „Wir entwickeln Raketenabwehrsysteme, um unsere Bürger zu schützen, während sie ihre Bürger nutzen, um ihre Raketen zu schützen.“
Erstmals seit 2012 schlug auch eine Rakete in Jerusalem ein, eine sogar in Hadera, nördlich von Tel Aviv, etwa 120 Kilometer vom Gazastreifen entfernt – so weit flogen Raketen aus Gaza noch nie. Immer wieder wurden Raketen auf große Städte wie Tel Aviv und Jerusalem abgeschossen. Im Gegenteil zu Sderot haben die Menschen dort etwa 90 Sekunden Zeit, sich in Sicherheit zu bringen.

Militärische Intervention

Viele Israelis sind ratlos, wie sie zu den anhaltenden Raketenangriffen stehen sollen: „Eigentlich wollen wir doch nur in Frieden leben“, sagt ein junger Sportlehrer aus Jerusalem. Nach dem zweiten Raketenalarm innerhalb einer Woche in seiner Heimatstadt bricht es aus ihm heraus: „In was für einem verrückten Land leben wir eigentlich?! Wir haben uns schon so an den aktuellen Zustand gewöhnt. Aber immer, wenn ich Touristen sehe, wird mir bewusst, dass es eigentlich nicht normal ist, wenn wir unsere Pläne auf nahegelegene Bunker ausrichten. Stimmt’s, ihr in Europa wisst gar nicht, wie das ist?“ Sein Freund zeigt routiniert sein Smartphone und eine Alarm-App: „Immer, wenn irgendwo im Land eine Sirene ertönt, bekomme ich eine Nachricht. Das passiert alle paar Minuten.“ Er seufzt: „Wenn ich mal eine Stunde mein Handy nicht bei mir habe, ist der Bildschirm voll von Nachrichten. In der Nacht gibt es manchmal vier Stunden Ruhe.“ Warum er die App überhaupt installiert hat? So bekomme er ein Gefühl für die Menschen im Süden, die unter ständiger Bedrohung leben.
Nach langem Zögern der Regierung marschierten am Abend des 17. Juli israelische Bodentruppen in den Gazastreifen ein. Endlich sollten die vielen Raketen sowie das weit verzweigte Tunnelnetzwerk unter dem Gazastreifen ausgeschaltet werden. Während die Tunnel in Richtung Ägypten hauptsächlich dem Schmuggel dienen, werden die unterirdischen Gänge in Richtung Israel als Angriffswege oder Verstecke für Kämpfer und Waffen genutzt. Bei ihrer Suche stießen die Soldaten erneut auf Betontunnel, die sich teilweise mit Motorrädern durchqueren lassen. Kaum vorstellbar, was da in den letzten Jahren für Geld geflossen ist. Der Infrastruktur für die Zivilbevölkerung von Gaza hätte diese Investition sicherlich gut getan.

Was ist verhältnismäßig?

Bevor das israelische Militär Ziele in Gaza angreift, verteilt es Flugblätter, ruft Familien an oder teilt ihnen per Kurznachrichten auf das Handy mit, dass sie in einigen Stunden angreifen werden: „Bitte verlassen Sie Ihre Häuser und bringen Sie sich in Sicherheit!“
Robbie Sagel, Jura-Professor an der Hebräischen Universität in Jerusalem, weist darauf hin, dass das israelische Militär das weltweit einzige Land ist, das in dem Ausmaß vorwarnt. „Das internationale Recht ist für alle Länder gültig, also auch für Israel. Daher darf man nur militärische Ziele angreifen. Ziele der Hamas anzugreifen, ist also legitim. Aber was ist, wenn direkt neben dem Ziel Zivilisten leben? Oder wenn die Hamas eine Schule als Waffenlager nutzt?“
Sagel betont, dass es weltweit keinen Krieg in bewohnten Gebieten gibt, bei denen es keine Zivilopfer gibt. Man müsse immer nach der Verhältnismäßigkeit fragen. Doch es gebe keine Institution, kein Gesetzbuch, in dem festgeschrieben ist, was verhältnismäßig wäre. Wer entscheidet also, was verhältnismäßig ist? Sagel hat eine Lösung für das Dilemma: „Militärverantwortliche anderer demokratischer Staaten sind immer ein guter Indikator. Diese sagen, dass Israel im Fall des Schutzes der Zivilbevölkerung gut dasteht und so viel unternimmt, um Zivilisten zu schützen, wie nur wenige andere demokratische Staaten.“ Wenn es Israel tatsächlich darum ginge, die Zivilbevölkerung Gazas zu treffen, müssten die Zahlen der Opfer viel höher sein. Die Israelis würden auch nicht den Gazastreifen weiterhin mit Elektrizität versorgen. Paradoxerweise führe Israels Verhalten dazu, dass Hamas-Sprecher die Menschen aufforderten, in ihren Häusern zu bleiben, weil sie wissen, dass die Israelis vorsichtiger angreifen, wenn das Haus bewohnt ist.
„Kollektivbestrafung ist nach internationalem Recht illegal. Die Hamas hat aber ihre gesamte Infrastruktur mitten in bewohntem Gebieten aufgebaut. Wenn man diese ausheben will, kommt man um Zivilopfer nicht umhin.“

Beliebte Verschwörungstheorien

Auch wenn mittlerweise hinreichend bekannt ist, dass das Kalkül der Hamas ist, die Bevölkerung als Schutzschilde zu missbrauchen und sie dafür auch von einigen arabischen Zeitungen heftig kritisiert wird, in der Bevölkerung des Westjordanlandes und in Ostjerusalem genießt die radikale Partei trotzdem nach wie vor Unterstützung: „Die Geschichte der drei entführten Jungs ist doch nur erfunden. Das ganze war ein Vorwand, damit sie Gaza beschießen können“, versichert Josephine aus Ostjerusalem. Vielmehr seien die Jungs bei einem Autounfall ums Leben gekommen und dann sei diese Entführungsgeschichte erfunden worden. Das wisse doch inzwischen jeder.
Ihre Mutter schaut skeptisch: „Bist du sicher? Woher weißt du denn das?“ – „Das stand bei Facebook“, erklärt die Studentin für Sozialwissenschaft eifrig. Andere wollen es in der Zeitung gelesen haben. Die Mutter stimmt ihr zu, auch wenn sie die Analyse nicht teilt: „Die Hamas entführt keine Juden. Die schießen nur Raketen. Und weil die kein GPS haben, treffen die nicht mal. Die Israelis hingegen sind total gut ausgerüstet. Was können die armen Kinder in Gaza dafür, dass hier vier Jungen ermordet wurden?“
Wie um das zu bekräftigen, zückt Josephine ihr Handy: Als ob die schrecklich blutigen Bilder der großen arabischen Fernsehsender, die in vielen arabischen Wohnzimmern rauf und runter laufen, nicht schon genug wären, zeigt sie Bilder verstümmelter und verbrannter Kindergesichter. Ein Mann sitzt mit einem Bein im Rollstuhl. Der zweite Beinstumpf ist notdürftig verbunden, das andere, noch blutende Bein hält er in der Hand neben sich hoch. Er schaut ausdruckslos in die Kamera. Die junge Frau scheint nicht zu stören, dass ihr achtjähriger Neffe ihr beim Zeigen der Bilder über die Schulter schaut. Die Bilder hat sie aus dem Internet. Ob sie tatsächlich aus dem aktuellen Konflikt, oder von früheren Einsätzen, vielleicht gar aus Syrien oder dem Irak stammen, ist nicht so wichtig – „schließlich wissen wir ja, dass die Juden in Gaza zur Zeit täglich Menschen umbringen“. Und die Bilder spiegeln natürlich die Realität wieder. Genauso wie der geschriebene Text auf Facebook.
Nach diesen grausamen Bildern gibt es aber auch eins, das Josephine amüsiert betrachtet: Es zeigt eine Straße. Die Autos stehen still, die Fahrer liegen flach daneben auf dem Boden, die Hände über dem Kopf verschränkt. Raketenalarm in Tel Aviv. „Schau“, lacht die junge Frau sarkastisch auf: „So sieht es aus, wenn Juden Angst haben.“ Ein Straßenhändler in Ramallah erklärt: „Das mit den Raketen fing übrigens so an: Die Juden haben einen Araber getötet. Naja, stimmt, vorher haben die Araber auch drei Juden getötet. Aber die Juden töten ja auch Millionen Araber.“
So seltsam Verschwörungstheorie und die Begebenheit mit den Bildern auch klingen mögen – beides erfreut sich in weiten Teilen palästinensischer Gesellschaft großer Beliebtheit. Wenn junge Menschen so etwas glauben, kann es keinen Frieden geben.
Im Gegensatz zu den scharfen Geschützen der Israelis, die in Gaza für Zerstörung sorgen, schützt – auf israelischer Seite – das Abwehrsystem „Eisenkuppel“. Jedes Mal, wenn eine Rakete in Richtung von dicht besiedeltem Gebiet fliegt, kommt es zum Einsatz. Ein abgegebener Schuss kostet in etwa 15.000 Euro. Kritiker, die bislang der Meinung waren, das sei viel zu teuer, verstummen. Die „Eisenkuppel“ ist nun Gold wert. Die mobile Abwehr hat laut israelischen Angaben eine Trefferquote von mehr als 90 Prozent. Deshalb gibt es auf israelischer Seite so gut wie keine Zivilopfer. Das hat kurioserweise zur Konsequenz, dass Israelis es teilweise nicht mehr für nötig halten, die Bunker aufzusuchen. Manche freuen sich, wenn sie mit ihrem Handy den Moment festhalten, in dem das Geschoss der „Eisenkuppel“ das feindliche Geschoss, hoch in der Luft, zerstört. Man schaut Krieg. Und hat das Gefühl, die Bedrohung unter Kontrolle zu halten.
Der beißende Geruch verbrannten Plastiks hat sich inzwischen längst aus den Straßen Schuafats verflüchtigt, es wird vielleicht noch einige Zeit dauern, bis die Schäden dort behoben sind. Noch sind verstärkt Sicherheitskräfte auf den Straßen unterwegs. Aber auch deren Abzug ist absehbar. In dem Stadtteil kehrt langsam wieder Alltag ein. Genauso wie in Tel Aviv oder Jerusalem nach den Raketenangriffen. Doch für die Familien der vier ermordeten Jungen hat der Sommer 2014 das Leben verändert. Genauso für die Angehörigen der Hunderten von Toten und Verletzten in Gaza und Israel, welche der palästinensische Raketenbeschuss und die Operation „Starker Fels“ mit sich gebracht haben.

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