TEL AVIV (inn) – Es ist eine ungelöste Frage: Nutzte die antike Qumran-Sekte einen fehlerhaften Kalender oder diente das auf 364 Tagen basierende Modell vor allem einem ideellen Zweck? Eine Studie der Universität Tel Aviv vertritt nun die These, dass der Kalender zumindest in der Frühphase der strengreligiösen Gruppe Verwendung fand.
Erst im späten 2. Jahrhundert vor Christus soll sich das geändert haben. Ein Grund dafür war sein „Systemfehler“: Mit jedem Jahr entfernte sich der Qumran-Kalender ein Stück weiter vom astronomischen Jahr und verlor damit seine Alltagstauglichkeit. Doch es gab noch einen zweiten Grund, schreibt die Autorin der Studie, Eschbal Razon, und der war politischer Natur.
Warum wich der Kalender ab?
Bereits seit dem 6. Jahrhundert vor Christus nutzten Juden einen Lunisolarkalender. Dieser kombiniert die Mondphasen mit dem Sonnenjahr, indem er in regelmäßigen Abständen einen Schaltmonat einfügt. Auf diese Weise bleiben die Monate in den jeweiligen Jahreszeiten und das Passahfest beispielsweise rutscht nie in den Winter.
Die Qumran-Sekte, die von manchen Forschern mit den Essenern in Verbindung gebracht wird, kannte hingegen keine Schalttage oder -monate. Ihr Jahr hatte exakt 364 Tage und spiegelte damit eine „göttliche Ordnung“ wider, schreibt Razon. Die Zahl lässt sich durch 7 teilen, eine für Juden heilige Zahl, da Gott nach dem Schöpfungsakt am siebten Tag ruhte.
Ein weiterer Vorteil war, dass jeder Kalendertag jahrein jahraus auf den exakt gleichen Wochentag fiel. So begann beispielsweise der erste Monat immer mit einem Mittwoch und der zweite mit einem Freitag. Zudem stellte die Einteilung des Jahres in 364 Tage sicher, dass biblische Feiertage nie mit dem Sabbat zusammenfielen.
Politischer Kalender
Doch der „perfekte“ religiöse Kalender war fehlerhaft. Er stimmte nicht mit dem astronomischen Jahr überein und „verlor“ jedes Jahr einen Tag und sechs Stunden. Das führte über kurz oder lang dazu, dass Frühjahrsfeste im Winter gefeiert werden mussten – für eine landwirtschaftlich geprägte Gesellschaft ein Problem.
Bisherige Theorien gingen davon aus, dass die Qumraner dennoch Schalttage hinzufügten oder den Kalender als Ideal führten, er aber keine praktische Relevanz hatte. Gegenüber der israelischen Nachrichtenseite „Times of Israel“ wies Razon diese Annahmen jedoch zurück.
Ihr zufolge muss der Kalender im Kontext des Konflikts zwischen den Pharisäern und der Qumran-Sekte verstanden werden, bei dem es um die richtige Auslegung der Tora ging. Und die Verwendung des richtigen Kalenders sei einer der Streitpunkte gewesen.
Die Qumran-Sekte habe sich Mitte des 2. Jahrhunderts am Ufer des Toten Meers angesiedelt und da auch angefangen, ihren eigenen Kalender zu nutzen. Rund 50 Jahre später habe er sich jedoch um mehrere Monate verschoben, ein Umstand, den die Gruppe nicht habe ignorieren könne.
Der Wissenschaftlerin zufolge half die Machtergreifung des Hasmonäer-Königs Alexander Jannäus (130–76) den Qumranern beim Umstieg. Seine Herrschaft habe dazu geführt, dass sich die Sekte der Jerusalemer Führung – und damit auch ihrem Kalender – annäherte. (mw)
2 Kommentare
Eigentlich einleuchtend mit fehlenden Schalttagen. Danke für Artikel. Foto:
Die Höhle! Unzählige Male bin ich dort schon vorbei gefahren bzw. geradelt…..🇮🇱
Interessant, wie die Essener das Kalenderproblem in den Griff bekamen.
Allerdings gestehe ich, nie so tief in die Materie eingestiegen zu sein, aber selbst in meinem fortgeschrittenen Alter lerne ich immer noch gerne dazu.
SHALOM