Dafna Kaffeman: Fragiles Land

Das Leben ist zerbrechlich und Israels Existenz bedroht. Eine israelische Künstlerin stellt diese Fragilität mit Glas dar.
Von Gundula Madeleine Tegtmeyer

Dafna Kaffeman lässt die lokale Glasindustrie wieder aufleben, die bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zu den wichtigsten traditionellen Handwerken des Landes zählte. Die Glaskunstwerke der zeitgenössischen Künstlerin hat das Israel-Museum Jerusalem in seine permanente Ausstellung antiker Glaskunst integriert.

In ihren Arbeiten verwendet Kaffeman moderne Glasstäbe und antike, bei Ausgrabungen gefundene Rohglasstücke, um Weizen, Dornen, die rote Strohblume – auch bekannt als „Blut der Makkabäer“ – in ihrer Werkstatt nachzubilden. Weitere Motive sind einheimische Akazien und Kiefern oder auch die orientalische Hornisse – eine seit der Antike in der Region heimische Art.

Die Künstlerin wurde 1972 in Jerusalem geboren und ist Absolventin der BFA der „Gerrit Rietveld Academie“ sowie MFA des „Sandberg Instituut“; beide befinden sich in Amsterdam. Von 2005 bis 2016 lehrte sie in Jerusalem an der Bezalel-Akademie für Kunst und Design, wo sie den Studiengang Glas leitete. Darauf folgten Lehrtätigkeiten an der Universität Koblenz, der „Ball State University in Indiana“ und dem Corning Museum in New York, der „Tokyo University of the Arts“ und dem „Cleveland Institute of Art“, um nur einige zu nennen.

Ausstellungen im In- und Ausland

Dafna Kaffemans Glaskunst wird national und international ausgestellt. Zudem wurde die Künstlerin mehrfach ausgezeichnet, unter anderem ist sie Trägerin des Designpreises des israelischen Ministeriums für Kultur und Sport. Kaffemans Werke befinden sich in den Sammlungen führender Kunstinstitutionen in Israel und weltweit, unter ihnen sind das Londoner „Victoria & Albert Museum“, das „Chrysler Museum of Art“ in Virginia, das „Toyama Glass Art Museum“ in Japan, das „Montreal Museum of Fine Arts“ sowie das „Corning Museum of Glass“ in New York. Dafna Kaffeman schafft eine Brücke zwischen vergangenen Zeiten, antiker Glaskunst und Gegenwart.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Glasverarbeitung hat in der Levante eine lange Geschichte

Die Handwerker des Nahen Ostens wussten bereits vor sechstausend Jahren, wie man glasähnliche Materialien wie Fayence bearbeitet. Die Herstellung von echtem Glas entdeckten sie erst Mitte des 2. Jahrtausends vor der Zeitrechnung.

In der Levante wurde Glas aus zwei Grundzutaten hergestellt: lokalem Sand, das reich an Quarz (Siliziumdioxid) ist, und den Skeletten von Meerestieren (Kalk). Das erforderliche Natron (Soda) wurde aus Ägypten importiert. Diese Zutaten wurden zerkleinert und in großen Öfen geschmolzen, die wochenlang brannten, bis die erforderliche Temperatur von 1.200 Grad Celsius erreicht war. Diese gewonnenen Rohglasblöcke wurden an Glasmacher verkauft, die sie erneut einschmolzen und daraus Glasobjekte formten. Physikalisch ähnelt die Struktur von Glas einer Flüssigkeit, dennoch ist es hart wie ein Feststoff. Die alten Ägypter nannten es „den Stein, der fließt“.

Der Römer Plinius der Ältere, (23/24 bis 79 nach der Zeitrechnung) war ein römischer Gelehrter, Offizier, Verwaltungsbeamter. Er ist bekannt für seine Naturalis historia, ein enzyklopädisches Werk zur Naturkunde. Für die Nachwelt hielt er folgendes fest:

Jener Teil Syriens, der als Phönizien bekannt ist, … soll die Quelle des Flusses Belus sein, der nach einer Strecke von 5 Meilen nahe der Kolonie Ptolemais ins Meer mündet. Seine Strömung ist träge, und gibt seinen Sand erst bei Ebbe frei. Denn erst wenn er von den Wellen umspült und von Verunreinigungen gereinigt wurde, glänzt er. Der Strand erstreckt sich nicht mehr als eine halbe Meile, und doch hing die Glasproduktion viele Jahrhunderte lang allein von diesem Gebiet ab. Es gibt eine Geschichte, dass einst ein Schiff von Händlern mit natürlichem Soda hier anlegte und sie sich am Ufer verteilten, um eine Mahlzeit zuzubereiten. Da jedoch keine Steine ​​zum Abstellen ihrer Kessel zur Hand waren, stellten sie diese auf Sodabrocken ihrer Ladung. Als diese sich erhitzten und vollständig mit dem Sand am Strand vermischten, floss eine seltsame, durchscheinende Flüssigkeit in Strömen hervor; Und dies, so heißt es, sei der Ursprung des Glases gewesen.

Plinius der Ältere starb während des großen Vesuvausbruchs im Alter von etwa 55 Jahren.

Bislang gibt es keine Hinweise, wie Handwerker entdeckten, dass man Glas blasen kann. In Jerusalem fanden Forscher im Abfall einer Glaswerkstatt aus der Mitte des 1. Jahrhunderts vor der Zeitrechnung Glasröhren, die an ihren Enden aufgeblasen waren, und zerbrochene Glasblasen. Die Funde implizieren nicht unbedingt, dass die Glasbläserei in Jerusalem erfunden wurde; sie legen aber nahe, dass die Technik ihren Ursprung in der Bearbeitung von Glasröhren hat.

Durch etliche Experimente entdeckten die Kunsthandwerker, dass sich modisches Geschirr relativ einfach herstellen lässt, indem man die glühend heiße Maße direkt in vorgefertigte Formen blies, die denen zum Gießen von Metallgegenständen ähnelten. Diese Technik, das sogenannte Formblasen, wurde im 1. Jahrhundert nach der Zeitrechnung in Sidon, heute gelegen im Libanon, entwickelt. Mit dieser Technik konnten Kunsthandwerker mit einer einzigen Form eine Reihe von Gefäßen mit denselben Motiven produzieren, quasi in Serie gehen.

Zentrum der Glasverarbeitung

Sidon war von je her ein bedeutendes Zentrum der Glasverarbeitung an der östlichen Mittelmeerküste. Ähnliche Gefäße wurden auch in Italien hergestellt, möglicherweise von sidonischen Auswanderern. Der Ort war die erste Siedlung der Phönizier an der Küste Kanaans und entwickelte sich durch seine weitreichenden Handelsbeziehungen zu einer bedeutenden Stadt. Sie war die Mutterstadt von Tyros. Sidon lag im Gebiet des Stammes Ascher, wurde aber nie unterworfen. Die Sidonier unterdrückten Israel über einen langen Zeitraum.

Der sidonische Glaskünstler Ennion wirkte in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts nach der Zeitrechnung. Seine Glaskunstwerke zählen zu den großartigsten aller Zeiten, denn sie setzen präzise gearbeitet mehrteilige Modelle voraus. Zu den feinsten Beispielen formgeblasenen Glases gehören die nach ihrem Erzeuger benannten Enniontassen.

Bei Ausgrabungen im jüdischen Viertel Jerusalems, der wohlhabenden Oberstadt aus der Zeit des Zweiten Tempels, entdeckten Archäologinnen und Archäologen einige seiner Glaskunstwerke. Ein Krug in der antiken Glassammlung des Israel-Museums Jerusalem weist Spuren des großen Brandes auf, der die Stadt im Jahr 70 nach Christus während ihrer Zerstörung durch die Römer verwüstete.

Heißes und kaltes Glas

Heißes Glas lässt sich durch Kneifen und Prägen formen, wodurch vielfältige Formen und Verzierungen entstehen. Eine Technik, die die frühen muslimischen Glaskünstler besonders gut beherrschten.

Glas lässt sich auch im kalten Zustand bearbeiten, mit ähnlichen Techniken wie bei der Steinbearbeitung, etwa Schneiden, Gravieren und Polieren. Glasbläser konnten einfache Designs selbst herstellen, aufwendige Verzierungen erforderten jedoch die Zusammenarbeit von Glasbläsern und Graveuren. Diese Kunstform wurde in der islamischen Welt perfektioniert.

Im Nahen Osten wurde in der römisch-byzantinischen Zeit eine außergewöhnliche Menge und Vielfalt an Glaswaren hergestellt. Die Glasverarbeitung entwickelte sich zu einem weit verbreiteten Gewerbe, da relativ preiswerte Gebrauchsgegenstände – Schüsseln, Becher, Flaschen und Krüge – auf den Märkten verkauft und ähnlich wie Rohglas gewogen wurden.

Produktion vor Ort

Handwerker errichteten nach ihrer Ankunft in der Stadt kleine Öfen und produzierten Glaswaren direkt vor Ort, entsprechend der lokalen Nachfrage. Formblasen, Kneifen und die Verzierung mit Pinselstrichen in Farben, die entweder mit den Farben des Gefäßes übereinstimmten oder einen Kontrast dazu bildeten, waren bei den einheimischen Glasmachern besonders beliebt.

Die intensive Glasproduktion wurde nach der islamischen Eroberung im Jahr 638 nach der Zeitrechnung fortgesetzt. Durch die Wiederbelebung alter und die Einführung neuer Techniken schufen muslimische Handwerker einen einzigartigen Stil mit besonderem Fokus auf Dekoration.

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Unter den im Israel-Museum ausgestellten Exponaten ist auch ein Dornenkranz. Dafna Kaffeman schuf ihn bewusst aus Glas – einem Material, das zart und zerbrechlich ist, aber zugleich durchdringen und verletzen kann. Sie verwendete antikes Glas und verbindet so die Vergangenheit mit der Gegenwart, verweist auf den Kreislauf der Natur und die Kraft des Wachstums, aber auch auf Schmerz und Zerbrechlichkeit.

Ihr Dornenkranz ist minimalistisch, rund und dennoch unvollkommen: Er strebt nach Perfektion, ist aber zerrissen. Dass Israel hin- und hergerissen ist zwischen einem scheinbar endlosen Krieg und einer großen Sehnsucht nach Stabilität und Normalität, gibt Kaffemans zerrissenem Dornenkranz eine besondere Bedeutung:  Den dornigen Weg zwischen der Sehnsucht nach dem Triumph des Lebens und der Kunst und den schmerzhaften Erinnerungen und tiefer Trauer um die Gefallenen und das große Leid, das mit dem Krieg einhergeht.

Die Dornen hat die Künstlerin aus antikem, flammgebranntem Glas geschaffen. Der Kranz symbolisiert zudem das Bewusstsein für die Grenzen der Macht und die Endlichkeit des Lebens.

Einer rosaroten zerbrochenen Frühlingsblüte hat Kaffeman den englischen Titel „Fractions“ (Brüche) gegeben. Die zarten Glassplitter verkörpern Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit. Mit dieser Blume zeigt die Künstlerin zudem den tiefen Riss in unserem Leben und unsere zersplitterte Realität auf. So wie Kaffemans Glasarbeiten aus Materialien, die hier seit Urzeiten existieren, im Feuer verschmolzen sind, so skizziert sie weiterhin die lokale Landschaft aus einer tiefen Verbundenheit mit der Vergangenheit, einem kritischen Blick auf die Gegenwart und Hoffnung auf Wachstum und Gedeihen in der Zukunft.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Das Werk „Fractions“ trägt die Zerbrechlichkeit im Titel

Kaffemans Kranz aus roten Strohblumen, auch „Blut der Makkabäer“ genannt, hat sie in biblischer Anlehnung aus flammbearbeiteten, modernen Glasstäben geschaffen. Der hebräische Name der Blume geht auf eine Legende zurück, dernach sie überall dort spross, wo die Makkabäer, die Anführer eines Aufstandes gegen das Seleukidenreich, einen Tropfen ihres Blutes im Kampf vergossen.

Die Makkabäer begründeten nach ihrem Sieg das königliche und hohepriesterliche Geschlecht der Hasmonäer. Das jüdische Chanukka-Fest wird in Erinnerung der damaligen Ereignisse gefeiert. Die Strohblume wurde zu einem nationalen Symbol für den Gedenktag an die für Israel gefallenen Soldaten in Israels Kriegen.

Hornissen als Motiv

Ihren „Oriental Hornet Circle“ fertigte die Künstlerin in derselben Technik wie ihre Strohblume. Hornissen, eine uralte Insekten-Art, haben eine ambivalente symbolische Bedeutung. Laut Hebräischer Bibel kündigte G´tt an, diese Insekten vor den Israeliten her zu senden, um die Bewohner des Landes von Kanaan zu vertreiben (2. Mose 23,28; 5. Mose 7,20; Jos 24,12).

Quellen aus dem 1. Jahrhundert nach der Zeitrechnung beschreiben das Gebiet südlich von Akkon – der antiken Stadt Ptolemais – und den Fluss Na’aman, damals bekannt als Belus, als eine Region, die für die Qualität ihres Sandes und die Rohglasproduktion berühmt war. Der griechische Geograph Strabo schrieb:

„Zwischen Akkon und Tyros liegt ein Sandstrand, dessen Sand zur Glasherstellung verwendet wird. Der Sand wird dort nicht verschmolzen, sondern nach Sidon transportiert, um dort weiterverarbeitet zu werden.“

Der jüdische Historiker Flavius ​​Josephus schrieb etwa zur gleichen Zeit:

Dieses Ptolemais ist eine Hafenstadt in Galiläa, erbaut in der großen Ebene. … Der sehr kleine Fluss Belus fließt in einer Entfernung von zwei Stadien an ihr vorbei; in der Nähe befindet sich das Menmon-Denkmal, und in seiner Nähe gibt es einen Platz, der nicht größer als hundert Ellen ist und Bewunderung verdient. Denn der Ort ist rund und hohl und liefert Sand, aus dem Glas hergestellt wird. Wenn er von den vielen dort beladenen Schiffen leergeräumt ist, füllt ihn der Wind wieder auf, der gleichsam absichtlich jenen Sand herbeiträgt, der abgelegen lag und nichts weiter als gewöhnlicher Sand war, während diese Mine ihn sogleich in glasigen Sand verwandelt. Und was mich noch mehr erstaunt: Der glasige Sand, der überschüssig ist und einmal abtransportiert wird, wird wieder zu gewöhnlichem Sand. Und das ist die Beschaffenheit des Ortes, von dem wir sprechen.

Eingebettet in die ständige antike Glasausstellung des Israel-Museums treten Dafna Kaffemans Kunstwerke in einen Dialog mit den umgebenden archäologischen Funden. Sie spannen einen Bogen von den Anfängen der lokalen Glaskunst in der Antike bis in die Gegenwart.

Einige Exponate zeigen Kaffemans Einbeziehung von Rohglasfragmenten, die bei archäologischen Ausgrabungen in Apollonia-Arsuf im Nordwesten von Herzliya entdeckt wurden. Apollonia-Arsuf gilt als bedeutender Standort der Glasproduktion im 6. und 7. Jahrhundert, der spätbyzantinischen Zeit. Objekte aus dem dort produzierten Rohglas wurden im gesamten Mittelmeerraum gefunden.

Vom Aufblühen bis zum Verwelken: Dafna Kaffemans zarte Kreationen wirken wie in der Zeit eingefrorene Momente. Die Ausstellung berührt den Kontrast zwischen Vergehen und Kontinuität, Zerbrechlichkeit und Widerstandsfähigkeit, Transparenz und Opazität. Und nicht zuletzt erinnern ihre Glas-Schöpfungen an die Fragilität unseres Daseins.

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2 Antworten

  1. Liebe Frau Tegtmeyer, auch im neuen Jahr nehmen Sie mich mit gut erklärten Artikeln wieder mit nach Israel. Herzlichen Dank dafür!
    Gut zu verstehen: In der Zeit eingefrorene Momente! Sie können nicht aufgetaut werden und sind doch so real. Bewegung und Erstarrung, Werden und Vergehen, gehören zusammen wie das Leben und der Tod. Zerbrechlich wie die oben beschriebene Blume und doch so widerstandsfähig, so stellt sich mir Israel dar. Es ist toll, dass die Künstlerin Dafna Kaffeman das so wunderbar darstellen kann.

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  2. Es ist interessant für mich zu erfahren, dass so etwas wie Glas bereits 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung existiert hat. Ich selbst war etwa mit 12 Jahren mit einer Jugendgruppe in einer Glasbläserei zur Besichtigung.

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