Christen, geneigt zu dienen

Immer mehr arabische Christen in Israel wollen Armee- oder Zivildienst leisten, weil sie sich mit dem israelischen Staat identifizieren. Dabei erfahren sie Widerstand von der geistlichen und politischen Oberschicht, aber auch von ihren Glaubensgeschwistern. Doch die Christen organisieren sich und verschaffen sich Gehör in der israelischen Gesellschaft. Inzwischen unterstützt sie auch die Regierung.
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Christen verschaffen sich Gehör: Netanjahu (2. v. l.) empfängt eine christliche Delegation darunter Pater Nadaf (1. v. l.).

Foto: Moshe Milner

Christen verschaffen sich Gehör: Netanjahu (2. v. l.) empfängt eine christliche Delegation darunter Pater Nadaf (1. v. l.).

Jeder, der freiwillig Zivildienst macht, wird wie ein Aussätziger behandelt und aus der arabischen Gemeinschaft ausgespien.“ Diese eindeutigen Worte fand Dschamal Sahalka, heute Vorsitzender der arabischen Partei Balad, im Jahr 2007. Das Jahr 2013 zeigt, dass den rauen Worten auch raue Taten folgen. Es zeigt aber auch, dass derartige Warnungen nichts an dem Willen vieler junger Araber geändert haben, sich für den Staat einzubringen, ob beim Zivil- oder beim Armeedienst. Vor allem junge christliche Araber betrachten den israelischen Staat zunehmend als ihre Heimat, die sie verteidigen wollen.
In Israel gilt die Wehrpflicht für alle Bürger ab dem Alter von 18 Jahren. Für Minderheiten, wie zum Beispiel die israelischen Araber, greifen Ausnahmeregelungen, die sie von der Wehrpflicht befreien, wenn sie es wünschen. Doch in der jüngeren Vergangenheit hat sich die Zahl der Christen, die der Armee beitreten, deutlich erhöht: von 35 im August 2012 auf 100 im August 2013. Diese Entwicklung geht auf die Einrichtung des „Forums für die Einschreibung von Christen“ zurück. So sieht es jedenfalls Bischara Schlajan, ein 58-jähriger Schiffskapitän aus Nazareth und arabischer Christ, der das Forum zusammen mit seinem Neffen ins Leben gerufen hat.
Anlass für die Gründung waren die Probleme, die sein Neffe und später sein Sohn bei der Einschreibung in die Armee hatten. „Viele Christen wissen einfach nicht, wie man sich in der Armee einschreibt. Die Armee bietet keine Informationen für Christen an. Armee-Mitarbeiter sind zum Teil anti-christlich eingestellt und helfen Christen daher nicht. Aus diesem Grund haben wir das Forum gegründet“, sagt Schlajan gegenüber Israelnetz. Bei dem ersten Treffen des Forums am 18. Oktober 2012 in Nazareth, der Stadt mit der größten Gemeinschaft israelischer Araber im Land, nahmen 121 Schüler der Oberstufe teil.
Hilfe erhalten Schlajan und seine Mitstreiter nun auch von oberster Stelle. Premierminister Benjamin Netanjahu verkündete am 5. August 2013, aufbauend auf diesem Forum ein Komitee zu bilden, um Christen den Einstieg in die Armee zu erleichtern. „Mitgliedern der christlichen Gemeinschaft muss es möglich sein, sich in der Armee einzuschreiben. Sie sind treue Bürger, die den Staat verteidigen wollen. Ich begrüße das und unterstütze sie darin“, erklärte Netanjahu.
Widerstand gegen dieses Vorhaben kam prompt – ausgerechnet von christlicher Seite: Die Gruppe, die hinter dem 2009 veröffentlichten „Kairos-Palästina-Dokument“ steht und nach eigenen Angaben für „palästinensische Christen“ spricht und ein Großpalästina anstrebt, veröffentlichte am 8. August eine Stellungnahme, in der sie die Bildung des Komitees verurteilt: „Diejenigen, die dazu ermutigen, dass Christen der Besatzer-Armee beitreten, vertreten nicht uns, nicht die Kirchen, und auch nicht die Christen.“ Dies diene nicht den Interessen und dem Glauben der arabischen Christen und schade der „palästinensisch-christlichen Identität“ im Heiligen Land. „Wir müssen einig sein und unsere nationale Identität bewahren, denn nur unsere arabische, palästinensische Identität wird uns und unsere Interessen schützen können.“
Auch arabische Politiker sind der neuen Bewegung nicht wohlgesonnen. Im März dieses Jahres wandten sich die Balad-Abgeordneten Basel Ghadas und Hanin Suabi mit einem Brief an den griechisch-orthodoxen Patriarchen von Jerusalem, Theophilus III. Darin drängten sie ihn, Pater Gabriel Nadaf abzusetzen oder seinen Aktionsradius zumindest einzuschränken. Der Priester aus Jafia, einem Vorort von Nazareth, setzte sich öffentlich für die Einschreibung von Christen ein. Der Preis für sein Engagement: aufgeschlitzte Reifen an seinem Auto und eine blutverschmierte Decke, die er eines Morgens vor seiner Haustür fand – die Täter sind bis heute unbekannt.
Der Brief der arabischen Abgeordneten zog den Unmut einiger Likud-Abgeordneter auf sich: Miri Regev, damals Vorsitzende des Knesset-Ausschusses für innere Angelegenheiten und Umwelt und von 2005 bis 2007 Sprecherin der Armee, sagte: „Wir dürfen nicht zulassen, dass arabische Abgeordnete zu Trojanischen Pferden innerhalb der Knesset werden oder ihnen erlauben, Drohbriefe an einen christlichen Geistlichen zu senden, der Christen ermuntert hat, zur Armee zu gehen.“

Christliches Selbstbewusstsein

Auch Schlajan erfährt den Argwohn seiner Nachbarn. Er erzählt, dass Mitglieder seiner Familie bestimmte Straßenabschnitte nicht betreten durften. Der Unmut kommt auch von christlichen Arabern, die sich vor den Folgen fürchten, wenn sie offen sagen, was sie denken. Schlajan äußert sich dazu so: „Sie denken: ‚Der Name Schlajan bringt uns nur Scherereien.‘ Darum sind sie lieber leise. Aber jetzt sage ich: Es ist genug. Wir leben in einem demokratischen Land, und ich kann glauben und sagen, was ich möchte.“
Der Widerstand ficht Schlajan also nicht an. Im Gegenteil: Er führt seinen Weg konsequent weiter. Im Juli dieses Jahres gründete er die Partei „Söhne des Neuen Testamentes“, die er aber erst offiziell registieren lassen möchte, sobald er genug Unterstützer hat. Das Ziel ist der Einzug in die Knesset bei den nächsten Wahlen. Die Gründung der Partei zog bereits Aufmerksamkeit auf sich. Die Online-Zeitung „Times of Israel“ sieht in ihr den „neuesten Ausdruck eines wachsenden Bedürfnisses unter den Christen des Landes, ihre israelische Identität zu betonen“. Schlajan hebt hervor, dass seine Partei Israel als jüdischen Staat anerkennt. „Es muss einen Ort in der Welt geben, von dem Juden sagen: Das ist unsere Heimat.“ Und als arabischer Christ sieht er seine Heimat ebenfalls in Israel. „Wir glauben, dass Christen und Juden ein Volk, eine Nation bilden. Wir nehmen nicht hin, dass jemand einen Keil zwischen uns treibt.“
Die neue Bindung arabischer Christen an die Armee und damit an den Staat Israel ist auch eine Folge der Geschehnisse im „arabischen Frühling“. Schlajan ist der Überzeugung, dass es angesichts der Vorgänge gegen Christen in Ägypten und Syrien eines wehrhaften Christentums bedarf. „Schaut euch an, was um Israel herum passiert. Christen werden getötet, Kirchen angezündet.“ Nadaf pflichtet dem bei: „Wenn wir heute nicht mit den Juden zusammenstehen, gibt es uns in 50 Jahren nicht mehr.“
Etwa 7,6 Prozent beziehungsweise 122.000 der 1,6 Millionen Araber in Israel sind Christen. Zahlenmäßig sind sie also eine Minderheit und sahen sich lange von den muslimischen Arabern dominiert. Aber ihr Selbstbewusstsein wächst. Dafür spricht die steigende Zahl der Christen in der Armee, die zum traditionellen arabischen Christentum zählen. In dieser Hinsicht sind sie Spätzünder, denn für andere Minderheiten, wie beispielsweise die Drusen, und Christen evangelikaler Prägung sowie für messianische Juden ist es nichts Ungewöhnliches, der Armee beizutreten. Doch diese Minderheiten mussten auch nicht gegen solche Widerstände ankämpfen wie die arabischen Christen.
Und Schlajan visiert bereits den nächsten Clou an: Er plant in Nazareth auf dem Berg, von dem Jesus nach Lukas 4,29.30 heruntergestoßen werden sollte, eine große Jesus-Statue zu errichten – als Zeichen christlicher Präsenz in dem Ort. Für dieses Projekt versucht er gerade, Gelder zu sammeln. Ob es tatsächlich umgesetzt wird, steht noch aus. Aber allein des Vorhaben verweist auf das neue christliche Selbstverständnis arabischer Christen in Israel.

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