Bestattungskrise in Israel

Im Judentum ist es nicht üblich, Gräber nach einer gewissen Zeit aufzulösen. Das stellt Israel vor ein großes Problem.
Von Gundula Madeleine Tegtmeyer

Alex Weinreb leitet den Bereich Demografie und und ist Forschungsdirektor am Taub-Zentrum. Er veröffentlichte eine alarmierende Studie: Sie warnt vor einem gravierenderen landesweiten Mangel an Bestattungsplätzen.

Unser Leben ist ein Geschenk, und damit verbunden eine Pflicht, eine Aufgabe und eine Berufung. Dies lehrt uns die Mischna in „Pirkei Avot“ (Sprüche der Väter) 4,29.

Jede Generation muss der nächsten Generation Platz machen. Der Mensch gleicht dem Hauch. Seine Tage sind wie ein vorübergehender Schatten, heißt es in Psalm 144,4 (Elberfelder Bibel)

Leben als Vorstufe

Das Judentum betont das Leben. Und dennoch ist unser Leben eine Vorstufe, eine Vorbereitung, um in den Palast eintreten zu können. In der Mischna sagt uns der Rabbiner Jakob: Diese Welt gleicht einer Vorhalle der zukünftigen Welt gegenüber, rüste dich in der Vorhalle, damit du eintreten kannst in das Triklinium, in das Himmelsgemach (Pirkei Avot 4,16). Rabbi Jakob war der Lehrer von Rabbi Judah HaNasi, dem Verfasser der Mischna.

Mancher erwirbt seine Welt in einer Stunde und mancher erwirbt sie in vielen Jahren, heißt es im Babylonischen Talmud (Avoda Sara, 10b).

Ebenfalls in der Mischna formuliert Rabbi Eleasar Hakappa: Gegen deinen Willen wurdest du geboren, und gegen deinen Willen wirst du sterben (Pirke Avot 4,29).

Wir wissen, dass uns jede Sekunde unseres Lebens nur geliehen wurde. Die Stunde unseres Todes wird für jeden und jede kommen. Israels großzügige Bestattungspolitik gepaart mit dem rasanten Bevölkerungswachstum führt zu einem Friedhofsmangel.

Die Bevölkerung wächst seit Jahrzehnten stetig um 1,9 bis 2 Prozent jährlich und wird sich – laut Bericht – voraussichtlich noch schneller entwickeln. Rund 311.000 Frauen im Alter von 28 bis 32 Jahren, somit im gebärfähigen Alter, lebten 2023 in Israel. Bis 2036 wird ein Anstieg dieser Zahl um 23 Prozent erwartet. Selbst bei einem deutlichen Rückgang der Geburtenrate von durchschnittlich 2,9 Kindern pro Frau auf unter 2,3 werden im Jahr 2036 voraussichtlich rund 195.000 Babys geboren.

Aufgrund des zu erwartenden Anstiegs der Geburtenrate und der durchschnittlichen jährlichen Zuwanderung von 7.700 Personen wird die Zahl der jährlichen Todesfälle weiter und schneller steigen, voraussichtlich von 2025 bis 2040 auf etwa 3,85 Prozent pro Jahr, so lautet die Prognose. In Zahlen: Von etwa 45.000 bis 50.000 auf 100.000 Todesfälle im Jahr 2044 und auf 200.000 in den 2080er Jahren.

Obwohl Israel die Anzahl der aktiven Friedhöfe von 940 im Jahr 2019 auf 1.090 im Jahr 2024 erhöhte, warnt der Bericht, dass die besondere Bestattungspolitik dazu führen wird, dass die Nachfrage nach einer letzten Ruhestätte in Israel in absehbarer Zeit nicht mehr gedeckt werden kann.

Drei Hauptfaktoren

Der Taub-Bericht nennt dafür drei Hauptfaktoren: Die religiösen und kulturellen Normen hinsichtlich der Bestattungspraktiken, Landknappheit und die demografische Entwicklung. Anders als in vielen westlichen Ländern bevorzugt die israelische Bevölkerung tendenziell keine Feuer-, sondern die Erdbestattung. Denn Erstere ist im Judentum und im Islam verboten, auch einige christliche Konfessionen sprechen sich gegen die Feuerbestattung aus. Laut Bericht bevorzugen derzeit nur circa 10 Prozent der säkularen jüdischen Bevölkerung Israels die Feuerbestattung als Standardbestattungsart.

In Israel ist die Einzelgrabbestattung üblich, wodurch in der Regel nur 300 bis 370 Gräber pro 1.000 Quadratmeter möglich sind. Befürworter dieser Bestattungsart argumentieren, dass ungenutztes Land, wie etwa Hügel, in Friedhöfe umgewandelt werden kann und somit kein tatsächliches Land verloren geht.

Laut Bericht hat die einzigartige israelische Politik maßgeblich zu dieser ineffizienten Bestattungspraxis beigetragen. Während europäische Länder üblicherweise nur die Kosten für die einfachste Bestattung, meist eine Einäscherung, übernehmen, bezahlt die Bituach Le‘umi, das Nationale Versicherungsinstitut,die Bestattung jedes Einwohners, der in Israel stirbt, und dies im jeweiligen Wohngebiet sowie die damit verbundenen Dienstleistungen. Die dauerhafte Grab-Nutzung verschärft den Mangel an Bestattungsplätzen zusätzlich.

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Steigende Nachfrage

Die Nachfrage an Grabstätten in Israel, auch unter im Ausland lebenden Juden und Jüdinnen, steigt und langfristige Lösungen für die Platzknappheit müssen gefunden werden. Dabei besinnt man sich – unter anderem – auf Lösungsansätze, wie sie auf dem berühmten Prager jüdischen Friedhof praktiziert wurden – er wurde von 1439 bis 1787 genutzt.

Um mehr Menschen bestatten zu können, wurden Erdhügel über bestehenden Gräbern aufgeschüttet. Die Folge dieser Praxis ist, dass die Stätte bis zu fünf Meter höher liegt als die Umgebung und eine Stützmauer benötigt.

Eine ähnliche Lösung wurde nach dem Ersten Weltkrieg bis in die 1930er Jahre auf dem Warschauer Hauptfriedhof der Jüdischen Gemeinde angewendet, wo die Verstorbenen in Hügelgräbern über bestehenden Gräbern beigesetzt wurden. Die Methode dieser „Doppelbestattung“ verdoppelt die Kapazität eines Grundstücks. Ein drittes Grab kann hinzugefügt werden; Voraussetzung dafür ist, dass das ursprüngliche Grab bereits tiefer ausgehoben wird.

Ummauerte Kammern als Alternative

Eine weitere alternative Bestattungsart ist die sogenannte „Kondensbestattung“. Sie ermöglicht die vertikale Beisetzung der sterblichen Überreste in einer ummauerten Kammer oder auch in die Höhe, wie man es auf mehrstöckigen Friedhöfen sieht. Beispiele hierfür sind der Jarkon-Friedhof in Gusch Dan und der Hauptfriedhof in Jerusalem auf dem Har HaMenuchot, dem „Berg der Ruhe“.

Diese Methode ist deutlich effizienter als die derzeit bevorzugte Einzelgrabbestattung, erfordert aber eine aufwendige Infrastruktur. Das spiegelt sich in den hohen Kosten pro Grabstätte wider. Der Bau der unterirdischen Grabkammern unter dem Friedhof Har HaMenuchot kostete umgerechnet rund 81.508.000 Euro für rund 40.000 Grabstätten.

Eine lokale Bestattungsmethode erlebt in Israel eine Renaissance, die sogenannte „Knochensammlung“. Sie beschreibt im Judentum die Praxis der Zweitbestattung (Ossilegium), die vor allem in der Zeit des Zweiten Tempels im Raum Judäa verbreitet war – circa 1. Jahrhundert vor der Zeitrechnung bis 70 nach der Zeitrechnung.

Der Leichnam wurde zunächst in einem Felsengrab oder einer Nische in einer Höhle beigesetzt. Nach etwa einem Jahr, wenn der Körper verwest war, sammelten die Angehörigen die Knochen ein und legten sie in spezielle Behälter, sogenannte Ossuare. Diese Kästen bestanden meist aus Kalkstein und waren oft mit geometrischen Mustern oder dem Namen des Verstorbenen verziert. Die Praxis ermöglichte es, Familiengräber über viele Generationen hinweg zu nutzen.

Diese Bestattungstradition war hauptsächlich in Jerusalem und Umgebung verbreitet. Sie verschwand nach der Zerstörung des Tempels durch die Römer im Jahr 70 weitgehend.

Die Praxis des „Knochensammelns“ ist im Einklang mit dem jüdischen Glauben an die leibliche Auferstehung. Denn grundsätzlich gilt im Judentum, dass Gräber nicht eingeebnet werden dürfen, da der Körper auf die Auferstehung wartet. Das Sammeln der Gebeine wurde als Akt der pietätvollen Abschiednahme und der Zusammenführung der Familie im Tod gesehen.

Im heutigen Israel wurden Ossuare auch im Chalkolithikum, der Kupfersteinzeit, verwendet, somit von circa 4500 bis 3300. Es war eine bedeutende Übergangszeit von der Steinzeit zur Bronzezeit, geprägt durch die erste Nutzung von Kupfer für Werkzeuge und Waffen. Die Gesellschaft war agrarisch geprägt und betrieb Viehzucht, während gleichzeitig spezialisierte Handwerkskunst aufblühte. Siedlungen zeigten eine zunehmende Komplexität.

Laut Weinreb steht Israel vor der Wahl: Entweder man hält an den bestehenden, nicht nachhaltigen Bestattungspraktiken fest, bei denen die Toten den Lebenden Land nehmen, oder Israel übernimmt Bestattungslösungen aus der Antike, wie etwa die Sanhedrin-Bestattung, die Nischenbestattung, in Verbindung mit dem Brauch des Knochensammelns.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Die Nischenbestattung ist in Italien verbreitet

Der Sanhedrin ha-gadol sowie ein System kleinerer jüdischer Gerichte im ganzen Land Israel war ein jüdisches Gerichtssystem zur Zeit des Heiligen Tempels in Jerusalem, das bis 425 nach der Zeitrechnung existierte. Der Begriff „Sanhedrin“ bedeutet auf Hebräisch „Rat“.

Die früheste Erwähnung eines Sanhedrins stammt von Flavius Josephus, der einen von den Römern im Jahr 57 vor der Zeitrechnung einberufenen politischen Sanhedrin beschreibt. Hellenistische Quellen stellen den Sanhedrin im Allgemeinen als einen politischen und juristischen Rat unter der Leitung des Herrschers dar. Talmudische Quellen beschreiben den Großen Sanhedrin als eine religiöse Versammlung von 71 Weisen, die sich in der Steinkammer des Tempels in Jerusalem trafen.

Ein anderer Lösungsansatz für die Gräber-Platzknappheit könnte sein, die Garantie zu lockern, Verstorbene in der Nähe des ihres Wohnorts beizusetzen. Dies würde Bestattungen in weniger dicht besiedelten Gebieten des Landes ermöglichen.

Venezianische Lösung

Schließlich schlägt der Bericht vor, dass Israel sich an der venezianischen Lösung orientieren könnte. Der Hauptfriedhof von Venedig befindet sich seit dem 19. Jahrhundert auf der Isola di San Michele, einer kleinen Insel nördlich der Hauptinsel. Wenn Israel eine künstliche Insel vor seiner Küste errichten oder Land wie im Fall des Hafens von Jovel in Aschdod erweitern könnte, ließe sich neuer Bestattungsraum schaffen.

Israels wachsende Bevölkerung erfordert eine Überprüfung der bestehenden Praktiken, um dem drohenden Mangel an Gräbern zu begegnen. Hinzu kommt der Trend, dass seit geraumer Zeit Menschen ihre Toten nach Israel überführen, selbst wenn sie bereits vorher andernorts beerdigt waren. Dies ist möglich und auch erlaubt trotz des strikten Verbots im Judentum, die Totenruhe zu stören. Das Verbot gilt nicht für eine erneute Beisetzung in Eretz Israel. Trauernden, denen die Überführung des Leichnams nach Israel nicht möglich ist, bemühen sich, den Verstorbenen zumindest im Sarg auf israelischer Erde zu betten.

Der Hauptfriedhof Jerusalems ist Har HaMenuchot. Er erstreckt sich im Stadtteil Givat Scha´ul über einen Hügel am nordwestlichen Stadtrand und umfasst mehr als 200.000 Grabstätten, von denen fast alle belegt sind.

Die Terrassierung des Friedhofs war die erste Maßnahme, um mehr Platz für die Toten zu schaffen. Dreistöckige Gebäude vergrößerten die verfügbare Fläche erheblich. Doch auch diese Plätze sind bereits fast alle belegt, da die Nachfrage nach Bestattungen in Jerusalem nach wie vor hoch ist und stetig steigt. Denn jüdische Propheten besagen, dass die Toten nach dem Kommen des Messias auferstehen werden und diejenigen, die Jerusalem am nächsten sind, zuerst auferstehen werden (Jesaja 26,19):

Aber deine Toten werden leben, deine Leichname werden auferstehen. Wachet auf und rühmet, die ihr liegt unter der Erde! Denn ein Tau der Lichter ist dein Tau, und die Erde wird die Schatten herausgeben.

In Givat Scha‘ul liegt die Lösung des Platzmangels in der Tiefe, im Innern des Berges. Von Totenstille kann keine Rede sein, denn Tunnelbauer bohren weitläufige Höhlen, die sich bis zu 45 Meter in die Erde erstrecken, um Platz für zusätzliche 22.000 Gräber zu schaffen. Emsig wird zudem an weiteren Terrassen gebaut, Fahrstühle sollen die Höhenunterschiede überwinden, die Plateaus bequem zugänglich machen.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Eine Möglichkeit ist es, Gräber in den Berg zu bauen

In Europa kennen wir Katakomben in Paris und Rom. Der Unterschied beim Komplex in Jerusalem liegt im enormen Umfang des Projekts: Es wird fast ein Dutzend Tunnel umfassen, in denen Juden und Jüdinnen ihre letzte Ruhe finden sollen. Diese Grabstätten kennzeichnet eine Besonderheit, denn die Gräber sind denen biblischer Zeiten am ähnlichsten, da die Leichname direkt auf den Felsen gebettet werden.

Antike Gräber in Fels gehauen

In biblischer Zeit wurden Gräber direkt in den Fels gehauen und die Toten auf natürlichen Steinplattformen beigesetzt. Die Erwähnung solcher Gräber finden wir im Buch der Richter und im Matthäusevangelium. Die biblischen Patriarchen und Matriarchinnen wurden in Hebron in der Machpela, der Höhle der Patriarchen, unterirdisch beigesetzt.

Mehren sich die Vorboten des Todes und steht der Mal‘ach haMavet, der Todesengel, am Fußende des Sterbebetts, sind die Angehörigen nicht mit dem Sterbenden alleine. Sie erhalten Unterstützung von der Wohlfahrtspflege, die in jeder jüdischen Gemeinde gut organisiert ist.

Es gibt Männervereine für Männer und Frauenvereine für Frauen. Beide betrachten es als ihre heilige Pflicht, dem Sterbenden, der Sterbenden in ihrem letzten irdischen Moment beizustehen und die einfachen, aber trotz ihrer Schlichtheit bedeutsamen feierlichen Handlungen zu vollziehen. Handlungen, die sich über Jahrhunderte bis heute erhalten haben.

Die Mitglieder dieser frommen Vereine bereiten die Hingeschiedenen für ihren letzten Gang vor und tragen den wohlverdienten Namen Chevra Kadischa, was mit „Heilige Vereinigung“ übersetzt werden kann. Die offizielle Bezeichnung lautet „Beerdigungsbruderschaft“.

In den jüdischen Gemeinden ist sie auch unter den Namen Gemilut Chessed, Gemilut Chassadim oder Gemilut Chessed ve-Emet geführt und eingetragen. Gemeint ist, uneigennützige Wohltätigkeit auszuüben, einen Akt der Nächstenliebe, für den sie keinen Lohn erwarten können, denn diejenigen, die diesen Dienst der Nächstenliebe empfangen, können sich nicht mehr dafür bedanken.

Ein Blick in die Hebräische Bibel: Auf seinem Sterbebett erbat sich der Stammvater Jakob diesen Liebesbeweis von seinem Sohn Josef, denn es ist das, was Jakob im Zusammenhang mit seinem Begräbnis meinte, als er um Chessed ve-Emet bat, um „Hingebung und Aufrichtigkeit“ (siehe den Kommentar des mittelalterlichen Auslegers Raschis zu 1. Mose 47,29).

Aufrichtige Nächstenliebe

Von diesem Gedanken der aufrichtigen Nächstenliebe leitet die Chevra Kadischa ihre Berufung her. Mitglieder einer Chessed Kadischa entfernen Bettlaken und Decken, denn die Wärme würde die Verwesung des entseelten Körpers bis zur Beerdigung beschleunigen. Durch Verwesen kommt der Leichnam physisch dem Kadaver nahe, der starke Verwesungsgeruch könnte unangebrachte verbale Reaktionen hervorrufen, die nicht im Einklang mit dem Respekt stehen, den wir den Toten schuldig sind.

Der tote Körper wird mit einem weißen Tuch bedeckt. Auch Waschungen und Vorbereitung für die Einsargung übernehmen die Mitglieder der frommen Vereinigung. Im modernen Israel werden die Toten im Allgemeinen nicht eingesargt, sondern aufgebahrt und in einem schwarzen Leichentuch bestattet. Soldaten und Soldatinnen, die bei der Verteidigung des Landes gefallen sind, werden meist in einem Sarg zu ihrer letzten Ruhestätte befördert und auch in ihm beerdigt.

Für alle Verstorbenen gilt, dass der Leichnam nicht alleine bleibt. Jemand hütet ihn, Tag und Nacht. Auch am Totenbett wird „studiert“, es werden Abschnitte aus der Heiligen Schrift gelesen. Dies geschieht im selben Raum, in dem der Leichnam aufgebahrt ist, aber nicht direkt vor ihm, aus Respekt, denn der Verstorbene kann sich nicht mehr daran beteiligen, die heilige Pflicht des Tora-Studiums zu erfüllen.

Den Armen nicht verspotten

Auch hier gilt die Anweisung, den Armen nicht zu verspotten, denn wer das tut – schreibt der Dichter der Sprüche – „verhöhnt seinen Schöpfer“ (Sprüche 17,5): Wer den Armen verspottet, verhöhnt den, der ihn gemacht hat; wer sich über Unglück freut, bleibt nicht ungestraft. Dies erklärt auch, warum man sich weder in den Tallit, den Gebetsschal hüllt, noch Tefillin, die Gebetsriemen, anlegt.

Der Patriarch Gamaliel von Javne, einem bedeutsamen jüdischen Zentrum, dessen Blütezeit vom letzten Viertel des 1. bis zum ersten Viertel des 2. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung reichte, bestand auf eine schlichte Beerdigung. Dies sollte die ärmeren Schichten nicht beschämen, denn sie mussten Bestattung oft weit hinausschieben, um die finanziellen Mittel für die damals noch üblichen prunkvollen Beerdigungen aufbringen zu können.

Dem Toten wird keinerlei Schmuck angelegt, das Totenkleid wurde aus schlichtem Linnen hergestellt. Die Tachrichim, die Totenkleider, waren in früheren Zeiten fester Bestandteil der Aussteuer.

Behutsam wird der Leichnam gewaschen. Zum Schluss findet die Tahara, die rituelle Reinigung, statt: Mit Wasser wird der auf dem Rücken liegende Leichnam dreimal zu den folgenden Bibelworten begossen (3. Mose 16,30):

Denn an diesem Tag wird man für euch Sühnung erwirken, um euch zu reinigen; von all euren Sünden werdet ihr rein sein vor dem HERRN. Der Leichnam wird behutsam getrocknet und in das Totenkleid gehüllt.

Der Leichnam wird hochgehoben und in den Sarg gelegt, wozu die Anwesenden zum Abschied den Bibelvers Daniel 12,13 sprechen: Du aber geh hin auf das Ende zu! Und du wirst ruhen und wirst auferstehen zu deinem Los am Ende der Tage. Ist der Verstorbene ein Mann, wurde der Sarg mit seinem Tallit ausgelegt.

Erde aus dem Heiligen Land

Bevor der Sarg vorläufig verschlossen wird, wird feierlich Erde aus dem Heiligen Land in den Sarg gestreut. Sie gibt es überall, wo Juden und Jüdinnen leben. Denn schlafen wird der Tote, im Staub schlafen bis zum Tag des großen Erwachens. Feierlich wird jedem und jeder, der bei den Vorbereitungen für die Beerdigung geholfen hat, etwas von der israelischen Erde abgegeben. Alle streuen die Erde auf das Gesicht des Toten, der Toten, auf das Sterbekleid und um den Leichnam herum und sprechen (5. Mose 32,43):

Lasst jauchzen, ihr Nationen, sein Volk! Denn er rächt das Blut seiner Knechte, und Rache wendet er auf seine Gegner zurück, und sein Land, sein Volk entsühnt er.

Das Grab wird erst an dem Tag geschaufelt, an dem es den Toten aufnehmen soll. Die Grabstätte tagelang offen stehen zu lassen, wird im Judentum als anstößig empfunden. Denn es könnte den Eindruck assoziieren, dass die Erde ihr Maul aufgesperrt bereit hält, um den Toten, die Tote, wie eine Beute verschlingen zu wollen. Sollte es unvermeidlich sein, muss das Grab mit Brettern bis zur Beerdigungabgedeckt werden.

Der Friedhof hat im Hebräischen viele Namen, einer ist Beit HaKvarot, wörtlich „Haus der Gräber“. Viele Juden und Jüdinnen bevorzugen Beit haChaim, die „Wohnung der Lebenden“, andere die jiddische Bezeichnung Getort, eine Verballhornung von „gut Ort“.

Der Sarg heißt auf hebräisch aron. Im Aron HaKodesch wurden einst die steinernen Gesetzestafeln aufbewahrt. Auf der Wanderung der Israeliten musste die heilige Lade auf den Schultern getragen werden, diese wichtige Aufgabe wurde den Söhnen Kehats anvertraut, einem Zweig des Priesterstammes (4. Mose 7,9): Aber den Söhnen Kehats gab er nichts; denn ihnen oblag die Arbeit am Heiligtum: auf der Schulter trugen sie ⟨es⟩.

Zerreißen der Kleider als Ausdruck der Trauer

Der Leichenzug erreicht den Raum, in dem die Andacht stattfinden soll. Die Teilnehmenden nehmen jetzt die Keria vor, das Einreißen der Kleider. Diese Handlung erwähnt die Tora zum ersten Mal im Zusammenhang mit Ruben, Jakobs erstgeborenem Sohn. Ruben zerriss sein Kleid in verzweifelter Trauer, als er Josef nicht mehr in der Grube vorfand, in der er seinen Bruder vor weiteren Angriffen seitens der Brüder in Sicherheit wähnte, wie wir in 1. Mose 37,39 lesen können.

Auch Jakob zerriss seine Kleider und legte ein Tuch um seine Lenden, als er den blutverschmierten Rock seines geliebten Sohnes Josef erkannte. Weitere Stellen in der Hebräischen Bibel berichten vom Zerreißen der Kleider als Zeichen der tiefen Trauer.

Über die Zeit wurde die Kerija zum Zeichen der Trauer, aber auch der Mahnung, denn wir können nichts von G´tt fordern, siehe Hiob 1,21: Und er sagte: Nackt bin ich aus meiner Mutter Leib gekommen, und nackt kehre ich dahin zurück.

Die Trauergemeinde spricht: Gelobt seist du, G´tt, unser HERR, der ein Richter der Wahrheit ist. Anschließend wird der Saum eines oder mehrerer Kleidungsstücke eingerissen, als Zeichen dafür, dass man – wenn es sein muss – bereit ist, das Leben nackt zu verlassen. Es folgt ein weiteres Wort Hiobs: Der HERR hat es gegeben, der HERR hat es genommen: der Name des HERRN sei gelobt.

Sind Mutter oder Vater gestorben, nimmt man die Keria etwas links oberhalb des Herzens vor. Bei Gatte, Gattin, Kindern, Brüdern oder Schwestern geschieht es an der rechten Seite. Bei ferneren Verwandten wird kein Einriss gemacht.

Zeremonie der Ergebenheit

Die Angehörigen stehen nun mit eingerissen Kleidern bei den sterblichen Resten, der Abschied beginnt, eine Zeremonie der Ergebenheit. Der Kantor der Cchevra Kadischa beginnt sie mit den Worten (5. Mose 32,4): Der Fels; vollkommen ist sein Tun, denn alle seine Wege sind recht. Ein G‘tt der Treue und ohne Trug, gerecht und gerade ist er!

So sang es Mose zum Abschied. Die Trauernden sagen es dem Kantor nach, es folgen weitere Bibelverse und die hesped, die Grabrede, Worte der Trauer und des Abschieds der Gemeinde: Gelöst ist die Schnur, gebrochen das Band, spricht der Kantor und ruft dem oder der Dahingegangenen Schalom, Friede. Dieses hebräische Wort verkörpert alles Vollkommene und Gute.

Die Bahre wird aufgehoben, Verwandte und Freunde sind jetzt die Träger auf dem Weg zum Grab. Psalm 91 wird angestimmt, insgesamt dreimal. Das kurze Gebet …gelobt sei sein Name, sein Reich und die Herrlichkeit… folgt – ein Satz aus dem Schma-Israel-Gebet, dem jüdischem Glaubensbekenntnis, mit dem die Seele der Dahingeschiedenen davongetragen wurde. Wenn es aus dem Mund des Vorbeters erklingt, wird der Sarg in das Grab gesenkt mit den Worten (Daniel 12,13): Du aber geh hin auf das Ende zu! Und du wirst ruhen und wirst auferstehen zu deinem Los am Ende der Tage. 

Die Trauernden werfen Erde in die Grube. Ist das Grab mit Erde gefüllt, wird nochmal aus der Bibel zitiert (Prediger 12,7): Und der Staub kehrt zur Erde zurück, so wie er gewesen, und der Geist kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben hat. 

Während sich der Grabhügel zu wölben beginnt, zitiert der Kantor die alten Weisen. Zum Schluss sprechen die Trauernden das Kaddisch-Gebet, ein aramäischer Text, eine Hymne in Prosaform, ein Lob auf G´tt, den König. Kaddisch bedeutet „Heiligung“. Es ist ein Versuch, G‘ttes Namen in der menschlichen Sprache zu heiligen.

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Ein Kommentar

  1. Ich erinnere mich an den Besuch des jüdischen Friedhofs in Prag – es war noch zu kommunistischer Zeit – und die aufgetürmten, ineinander verkeilten Gräber, die mich damals – ich war noch ein Kind – tief beeindruckt haben. Sie passten irgendwie zu der Legende vom Golem.

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