Bericht: Aus dem Leben in Israel – Überlebenstraining Straßenverkehr

Der Straßenverkehr in Israel ist ein Kapitel für sich. Zuerst einmal muß man sich an das ständige Hupen gewöhnen. Am besten sollte man das Hupen gar nicht beachten was mit der Zeit sogar Deutschen gelingen soll. Dafür sollte man dann aber desto mehr die eigene Hupe benützen, nach dem Motto: „Aufgepaßt, jetzt komme ICH!“

Wenn es in der Stadt einen Stau gibt, ist das für die meisten Autofahrer ein besonderer Anreiz, jeden freien Raum zu nutzen. Dauernd wechseln sie die Spur. Wehe dem, der schüchtern oder vorsichtig ist, und sich nicht traut, zu drängeln. Der bleibt hoffnungslos auf der Strecke und möglicherweise eingekeilt zwischen den fähigeren Fahrern stecken.

Übrigens: Je größer der Wagen, desto besser. Dann trauen sich die anderen nicht so…

Vor ein paar Jahren erzählte mir eine Freundin aus Tiberias, wie die Leute dort ihre Verkehrsregeln durchsetzen. Die Stadtverwaltung hatte an einer dauernd verstopften Kreuzung eine Ampel aufstellen lassen. Doch das schien den Tiberiaden nicht zu passen. Sie wollten IHREN Verkehr. Nachdem die Ampel mehrfach heruntergerissen worden war, beugte sich die Stadtverwaltung. Die Israelis lieben ihren Fahrstil und als Ausländer tut man gut daran, sich damit abzufinden.

Fast täglich wartete ich vergeblich an einem Zebrastreifen am Straßenrand darauf, über die Straße gelassen zu werden, vor mir der Kinderwagen, an der Hand die zweijährige Tochter. Wir waren auf dem Weg zum Kindergarten, um unseren Ältesten abzuholen.

Endlich, endlich wird ein Auto langsamer und hält an. Aber nicht etwa vor dem Zebrastreifen, sondern darauf. Aus dem Fenster schauen zwei begeisterte junge Damen: „Was für hübsche Kinder! Wie süß! Wie heißt du denn, Mädchen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten wird das Fenster wieder hochgekurbelt. Der Wagen setzt seinen Weg fort, gefolgt von einer langen Schlange weiterer Fahrzeuge.

Da packe ich meinen ganzen Mut um nicht zu sagen, Frechheit zusammen. Immerhin bin ich schon einige Zeit in Israel! Ich schaue dem nächsten Autofahrer direkt in die Augen und schiebe mich mit dem Kinderwagen in den Zwischenraum. Die kleine Sarah ziehe ich an der Hand hinter mir her.

So werde ich das jetzt immer machen. Niemand wird deswegen böse. Es ist doch ganz normal, und außerdem habe ich so hübsche, süße, blonde Kinder…

Ja, und dann kommt der „Yom Kippur“, der große Versöhnungstag, der heiligste Tag im jüdischen Kalender. Das jüdische Volk fastet, sammelt sich in den Synagogen und bittet um Vergebung seiner Sünden.

Das ganze Land steht still. Radio und Fernsehen schweigen. Selbst säkulare Juden und Araber lassen ihre Autos gehorsam stehen. Der Verkehr kommt für 24 Stunden zum Stillstand. Auf den größten Verkehrsstraßen gibt es nur Kinder mit Fahrrädern, Rollschuhen und Skateboards.

Niemand hupt. In dem sonst so lauten Jerusalem hört man nur das Lachen der Kinder oder auch ihr Weinen, über zerschlagene Knie und andere Folgen von gar zu wildem Fahrstil.

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