Analyse: Der Tod von Scheich Jassin und seine Folgen

Als "Todesstoß für den Nahostfriedensprozess" wurden die Raketen auf den alten Mann im Rollstuhl in der westlichen Presse verurteilt. Israels "Jossi Normalverbraucher" fragte sich indes: Welcher Friedensprozess? – Und tatsächlich unterscheidet sich die Atmosphäre im jüdischen Staat vor und nach der gezielten Tötung in keiner Weise. Nachrichtendienstler können bislang keine Eskalation terroristischer Aktivitäten feststellen. Der schwelende Dauerkrieg zwischen der israelischen Armee und militanten Palästinensern vor allem im Gazastreifen und in Nablus ist nicht Neues.

"Scharon hat die Tore der Hölle geöffnet!", schäumte Abdel Asis Rantisi, Jassin-Vertrauter und -Nachfolger bei der Beerdigung seines Mentors in Gaza. Tatsache ist, dass die radikalen Islamisten schon vor der Ermordung ihres geistlichen Vaters alles in ihrer Macht stehende getan haben, um auch "den letzten Juden aus Palästina zu vertreiben". Palästinensische Selbstmordkommandos scheiterten auch nach dem Tod Jassins an den rigorosen israelischen Sicherheitsmaßnahmen. Ohne prophetisches Charisma kann vorausgesagt werden, dass der nächste erfolgreiche islamistische Anschlag – ob in Israel oder im Ausland, ob von Hamas oder alAl-Qaida verübt – als "Rache für Scheich Jassin" deklariert werden wird.

Eines ist sicher: Mit dem Schuss auf den Rollstuhl vor der Moschee im Gazastreifen hat Israel am frühen Morgen des 22. März 2004 den erfolgreichsten Nahostpolitiker des letzten Jahrzehnts im 20. Jahrhundert entthront. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen auf der blutigen Politbühne des Heiligen Landes hat Jassin gehalten, was er versprochen hat. "Wir werden niemals an diesem Spiel teilnehmen!", hatte einer seiner Sprecher im September 1993 den Abschluss der Verträge von Oslo spontan kommentiert.

Friedensvisionen entpuppten sich angesichts von Selbstmordwahnsinn und Intifada als Fata Morgana. Versprechen, niemals jüdisches Kernland aufzugeben, waren von den Politikern gemacht worden, die im Rückblick am meisten Land an die arabischen Nachbarn abgegeben haben. Nur ein Ergebnis steht unzweifelhaft fest: Oslo ist tot – genau wie der alte Scheich im Rollstuhl vorausgesagt hatte.

Und ein zweites scheint sich abzuzeichnen: Der Unterschied zwischen Jasser Arafats Palästinensischer Autonomiebehörde (PA) und der radikal-islamischen Hamas-Bewegung ist kleiner, als bislang von westlichen Beobachtern erträumt. Wer noch zu übersehen wagte, dass die Al-Aksa-Märtyrer-Brigaden und Tansim bereits seit Monaten nicht nur dieselben Methoden anwandten, wie Hamas oder Islamischer Dschihad, sondern mit der islamistischen Konkurrenz im Felde Hand in Hand zusammenarbeiteten, sollte doch die einstimmigen Massendemonstrationen zum Tode Jassins und die dreitägige von Arafat verordnete Staatstrauer nicht übersehen können. Im Detail und intern mögen sich Fatah und Hamas bis aufs Blut bekämpfen – im Feindbild Israel und dem Wunsch nach einer Endlösung des Judenproblems in Palästina sind sie sich einig.

Interessant ist auch, was sich in der palästinensischen Bevölkerung nach dem Tod des Mannes entwickelt, der den geistlichen Nährboden für die Hoffnung der Selbstmordattentäter geliefert hat. Nachdem sich die medienwirksamen Massendemonstrationen verlaufen haben, bleibt Selbstkritik, die öffentliche Forderung von mehr als neunzig namhaften Intellektuellen nach einer "friedlichen Intifada". Der palästinensische Premierminister Ahmed Qrea fordert ein Ende der Selbstmordattentate, weil sie den Palästinensern "erheblichen Schaden" zugefügt hätten und außerdem "moralisch inakzeptabel" seien.

Und wie es mit dem von westlichen Meinungsmachern prophezeiten Solidarisierungseffekt palästinensischer Extremisten steht, bleibt abzuwarten. Erstes Ergebnis der Jassin-Tötung ist auf alle Fälle ein interner Machtkampf in der Hamas und vielleicht deren Zersplitterung. Der charismatische Geistliche wird nur schwer, wenn überhaupt, zu ersetzen sein. Weder Abdel Asis Rantisi in Gaza noch Chaled Maschal in Damaskus haben das Format, religiös bindende Entscheidungen zu treffen. Die Berichte über Gespräche der Hamas mit der PA könnten Vorboten eines neuen politischen Kurses der Bewegung sein, die noch 1996 die Parlamentswahlen boykottierte, um dadurch Israel nicht indirekt anzuerkennen.

PA-Chef Jasser Arafat scheint durch den Tod seines Gesinnungskonkurrenten Ahmed Jassin nichts gewonnen haben. Nicht die Drohung Ariel Scharons, auch für den Mann mit dem schwarz-weißen Kopftuch gebe es keine "Überlebensversicherung", ist die eigentliche Herausforderung für den Palästinenserpräsidenten, sondern die Tatsache, dass gemäßigte Palästinenserführer der jüngeren Generation offen gegen in aufzustehen wagen. So meinte der ehemalige Sicherheitsminister Mohammed Dahlan: "Wir sind gescheitert. Wir müssen unsere Denk- und Handlungsweise ändern. Wenn die Führung der Palästinenser ein Ende der Anschläge gegen Israel beschlossen hat, dann sollte sie diese auch verhindern. Punkt."

Das hat bisher noch keiner so offen auszusprechen gewagt. Dahlan fordert in aller Öffentlichkeit einen grundlegenden Neuanfang, Demokratisierung und eine neue Legitimierung der palästinensischen Führung durch Wahlen. Dabei will er selbst gegen Arafat kandidieren – was im Klartext heißt, dass jetzt auch die Autorität des Palästinenserchefs innerhalb der säkularen palästinensischen Gesellschaft zur Diskussion steht.

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