Ahmadinedschad-Interview in der Kritik

BERLIN / MAINZ (inn) - Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, hat das ZDF-Interview mit Mahmud Ahmadinedschad kritisiert. Er warf dem ZDF-Journalisten Claus Kleber vor, dem iranischen Staatsoberhaupt damit eine Bühne geboten zu haben - auch für die Leugnung des Holocaust.

Graumann sagte der "Bild am Sonntag" (BamS): "Ich bin sehr enttäuscht, dass ein angesehener deutscher Journalist – und obendrein in einem öffentlich-rechtlichen Sender – derart dreiste Bemerkungen einfach unwidersprochen lässt und so dem notorischen Holocaust-Leugner Ahmadinedschad bereitwillig die Plattform gibt, um sein übles Gift zu verbreiten."

Kleber: "Wollte nicht in die Falle tappen"

Kleber erklärte auf die Frage, warum er nicht widersprochen habe, als Ahmadinedschad den Holocaust als "Lüge" bezeichnete, in einem Interview des "Tagesspiegel": "Weil ich mir von vornherein vorgenommen hatte, nicht in diese Falle zu tappen. Eine Debatte über den Holocaust hätte ihm die Gelegenheit gegeben, seinen Mist voll auszubreiten."

Der ZDF-Journalist sagte weiter: "Ein Interview ist für mich kein Tennisspiel, in dem es darum geht, mehr Punkte zu machen als der Gegner. Wenn es also darum gehen soll, Ahmadinedschad davon zu überzeugen, dass seine Ansichten falsch sind und unsere richtig, dann ist es sinnlos. Wenn es aber darum geht, eine Schlüsselfigur wie Ahmadinedschad kennenzulernen und zu zeigen, wie er denkt und auf Einwände reagiert, dann ist ein solches Interview sinnvoll." Nach eigener Ansicht ist es ihm gelungen, das zu zeigen: "Ja, von diesem Mann geht eine böse Faszination aus, und das hat man so deutlich bisher im deutschen Fernsehen wohl noch nicht gesehen."

Kleber rechnet auch mit einer Auswirkung seines Gesprächs mit Ahmadinedschad auf den aktuellen iranisch-israelischen Konflikt: "Diejenigen, die auf eine Verhandlungslösung hoffen, und dazu gehört ja auch US-Präsident Obama, dürften enttäuscht sein, dass Ahmadinedschad hinsichtlich der Überprüfung des Atomprogramms keine Zugeständnisse gemacht hat."

Das ZDF hatte betont, es strahle die Passage mit der Holocaust-Leugnung bewusst aus, um zu zeigen, "wie dieser Mann tickt". Nach Einschätzung des "Tagesspiegel" war das Interview "ein interessanter Einblick in die Denkweise der iranischen Führung". In der Analyse der Berliner Tageszeitung heißt es weiter: "Gleichzeitig zeigte der Gesprächsverlauf aber auch eindringlich, warum der Dialog zwischen dem Westen und dem Iran so schwierig ist: Der Westen stellt Forderungen auf, der Iran entzieht sich vielen Fragen mit dem Hinweis auf doppelte Standards, bei denen der Westen schon mal in Erklärungsnot kommen kann. Sei es in der Menschenrechts- oder der Atompolitik."

Grünen-Politiker und Iran-Experte widersprechen

Dem im Iran geborenen Grünen-Politiker Omid Nouripour unterdessen reicht Klebers Erklärung nicht. Gegenüber der "BamS" sprach er von "moralischem Versagen" des ZDF-Journalisten. "Kleber hat die blutige Unterdrückung der Proteste gegen das Regime im Iran gar nicht erst thematisiert, was ein schwerwiegender journalistischer Fehler ist. Denn die Menschenrechtsfrage im Iran ist von der Atomwaffenfrage inhaltlich gar nicht zu trennen."

Der Iran-Experte Wahied Wahdat-Hagh bezeichnete das Interview als "fahrlässig": "Ahmadinedschad konnte sich als ruhiger, freundlicher Führer eines Staates präsentieren, der Opfer israelischer Willkür ist. Das Interview wurde im Iran als Erfolg gefeiert und war ein unglaublicher Prestigegewinn für Ahmadinedschad – ermöglicht ausgerechnet durch unser öffentlich-rechtliches Fernsehen!"

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