Meinung

Zwei Angriffe auf Christen, zwei unterschiedliche Reaktionen

Nach dem Angriff auf eine griechisch-orthodoxe Trauerfeier in Jordanien äußern sich assyrische Christen dankbar über die offizielle Anteilnahme. Gleichzeitig blicken sie besorgt nach Syrien. Ein Gastkommentar
Von Israelnetz

Unsere Gedanken und unser tiefes Mitgefühl gelten den Opfern des Angriffs auf die griechisch-orthodoxe St.-Georgs-Kirche in Jordanien, ihren Angehörigen und allen Verletzten. Niemand darf Angst haben müssen, wenn er eine Kirche betritt, um zu beten.

Am 23. Oktober kam es während einer Trauerfeier an der Kirche in Hamud in der jordanischen Region Karak zu einem tödlichen Angriff. König Abdullah II. besuchte Verletzte persönlich im Krankenhaus. Er beschränkte sich nicht auf eine öffentliche Erklärung, sondern suchte die Nähe der Betroffenen und zeigte, dass das Leid der Opfer und ihrer Familien für ihn sichtbar und wichtig ist

Zwei Anschläge – zwei Zeichen politischer Verantwortung

Dieser persönliche Einsatz steht in deutlichem Kontrast zur Situation in Syrien: Am 22. Juni 2025 wurde die Mar-Elias-Kirche in Damaskus während eines Gottesdienstes zum Ziel eines Selbstmordanschlags. Mindestens 22 Menschen wurden getötet, 63 weitere verletzt. Familien verloren Angehörige, Gläubige erlitten Verletzungen, und eine christliche Gemeinde wurde an einem Ort angegriffen, an dem sie Frieden und Schutz suchte.

Nach dem Anschlag auf die Mar-Elias-Kirche in Damaskus im Juni 2025 bekundete Präsident Ahmad al-Schar‘a öffentlich sein Beileid und versprach, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Nach den verfügbaren Berichten besuchte er die Verletzten jedoch nicht persönlich im Krankenhaus und suchte auch die angegriffene Kirche nicht persönlich auf.

König Abdullah II. zeigte durch seinen Krankenhausbesuch persönliche Anteilnahme. In Syrien dagegen blieb es nach dem Anschlag nach den verfügbaren Berichten bei öffentlichen Erklärungen. Der griechisch-orthodoxe Patriarch Johannes X. kritisierte ebenfalls, dass eine telefonische Beileidsbekundung nicht ausreiche.

Es geht uns nicht darum, die politischen Verhältnisse beider Länder gleichzusetzen. Es geht um die Frage, welchen Stellenwert der Schutz religiöser Minderheiten für die jeweilige Führung hat.

Eine Beileidsbekundung ist ein Anfang, aber sie ersetzt weder persönliche Verantwortung noch wirksamen Schutz. Christen in Syrien brauchen mehr als Worte. Sie müssen erleben, dass ihre Sicherheit zählt und dass Angriffe auf ihre Gemeinschaft Konsequenzen haben.

Syrien: Einschüchterung, Drohungen und Druck auf Christen

Für Christen in Syrien ist die Angst nicht mit dem Ende des Al-Assad-Regimes verschwunden. Aus verschiedenen Regionen werden Bedrohungen, Entführungen, Beleidigungen und Übergriffe gemeldet. Es gibt Berichte über radikale Kräfte, die durch christliche Viertel ziehen und Menschen mit Rufen dazu auffordern, zum Islam überzutreten. Auch Berichte über Benachteiligungen am Arbeitsplatz, religiöse Einschüchterung und Druck auf Christen, die ihren Glauben offen leben, geben Anlass zu großer Sorge.

Für christliche Familien geht es nicht nur um die Sicherheit ihrer Kirchen. Es geht um ihren Alltag: Können sie offen als Christen leben? Können sie ohne Angst zur Arbeit gehen, ihre Kinder erziehen und ihren Glauben öffentlich bekennen? Oder müssen sie befürchten, beleidigt, bedroht, ausgegrenzt oder zur Aufgabe ihres Glaubens gedrängt zu werden?

Wenn Christen auf offener Straße zum Übertritt zum Islam aufgefordert werden, wenn sie bedroht werden und wenn ihre Religion im Alltag zum Anlass für Benachteiligung wird, dann ist das kein Zustand, den eine Regierung hinnehmen darf.

Diese Entwicklung muss beim Namen genannt werden. Religiöse Einschüchterung ist keine Nebensache und kein unvermeidlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Wandels. Sie bedroht die Freiheit, die Würde und die Zukunft einer Gemeinschaft, die seit Jahrhunderten in dieser Region lebt.

Ahmad al-Schar‘a trägt Mitverantwortung

Wir richten unsere Kritik ausdrücklich an Präsident Ahmad al-Schar‘a. Als Staatsoberhaupt und führender Vertreter der syrischen Übergangsführung trägt er politische Mitverantwortung für das Klima, in dem Christen und andere religiöse Minderheiten leben müssen, und für die Frage, ob sie wirksam geschützt werden.

Wenn Christen eingeschüchtert, bedroht und entführt werden, wenn radikale Kräfte sie zur Aufgabe ihres Glaubens drängen und wenn Benachteiligungen im Alltag fortbestehen, dann kann sich die politische Führung nicht auf allgemeine Versprechen zurückziehen. Sie muss handeln, Täter verfolgen, gefährdete Gemeinden schützen und öffentlich unmissverständlich klarstellen, dass religiöser Zwang und Diskriminierung nicht geduldet werden.

Wir sehen in Ahmad al-Schar‘as Auftreten und in der bislang nicht ausreichend sichtbar gewordenen Schutzwirkung seiner Führung ein ernstes Problem. Wenn auf Worte keine überzeugenden Taten folgen und Übergriffe nicht wirksam eingedämmt werden, entsteht bei radikalen Kräften der Eindruck, dass sie ihren Druck auf Christen fortsetzen können. Eine solche Entwicklung stärkt die Einschüchterung und untergräbt das Vertrauen religiöser Minderheiten in den Staat.

In jeder Hinsicht Verantwortung übernehmen

Al-Schar‘a darf nicht nur dann als Präsident auftreten, wenn es um politische Anerkennung und internationale Beziehungen geht. Er muss auch dann Verantwortung zeigen, wenn Christen angegriffen werden und Schutz benötigen. Wer an der Spitze eines Landes steht, trägt Mitverantwortung dafür, ob radikale Kräfte zurückgedrängt werden oder ob sie durch mangelndes konsequentes Handeln zusätzlichen Raum gewinnen.

Auch die Vergangenheit der von ihm geführten „Hajat Tahrir al-Scham“ (HTS) macht diese Fragen dringlich. Die Organisation steht in einer historischen Entwicklung, die eng mit der dschihadistischen Al-Nusra-Front verbunden ist – die Gruppierung hat schwere Verbrechen begangen. Diese Vergangenheit lässt sich nicht einfach durch einen politischen Rollenwechsel auslöschen. Entscheidend ist, ob sich der Umgang mit Christen und anderen Minderheiten nachweisbar verändert.

Auch Al-Schar‘as Verhalten gegenüber Frauen gibt Anlass zur kritischen Diskussion. Bei einem Treffen mit der damaligen deutschen Außenministerin Annalena Baerbock im Januar 2025 verweigerte er ihr den Handschlag. Wir sehen dieses Verhalten kritisch, weil es Fragen zu seinem Verständnis von Gleichberechtigung und gesellschaftlicher Teilhabe aufwirft. Der Vorfall allein beweist keine umfassende politische Einordnung, darf aber im Zusammenhang mit seiner Haltung zu Freiheit und Gleichberechtigung diskutiert werden.

Ahmad al-Schar‘a muss sich an den Lebensbedingungen der Menschen messen lassen, für deren Schutz er Verantwortung trägt. Wenn Christen weiterhin Angst haben, ihren Glauben offen zu leben, dann reichen Versprechen nicht aus. Die syrische Übergangsführung muss beweisen, dass Christen gleichberechtigte Bürger sind und dass ihre Sicherheit nicht von der Duldung radikaler Kräfte abhängt.

Wir werden nicht schweigen

Wir, der Assyrische Kulturverein e. V. Saarlouis und die Assyrische Autonomie Bewegung e. V. Deutschland, erheben gemeinsam unsere Stimme für die bedrohten Christen Syriens und den Schutz unserer assyrischen Gemeinschaft.

Der Assyrische Kulturverein e. V. Saarlouis engagiert sich für den Erhalt unserer Identität, Kultur und christlichen Tradition. Die Assyrische Autonomie Bewegung e. V. Deutschland setzt sich für die Anerkennung und den Schutz der Assyrer als indigene, bedrohte Volksgruppe ein.

Für beide Vereine ist das Schicksal der Christen im Nahen Osten keine ferne politische Frage. Es geht um Menschen, deren Geschichte, Identität und kulturelle Wurzeln eng mit dieser Region verbunden sind. Wir werden nicht hinnehmen, dass ihre Angst verharmlost, ihre Bedrohung kleingeredet oder ihre Zukunft als unvermeidliches Opfer politischer Entwicklungen behandelt wird.

Wir trauern mit den Opfern in Jordanien und stehen an der Seite der Christen in Syrien. Wir erwarten, dass ihre Sicherheit nicht nur in Reden erwähnt, sondern durch entschlossenes Handeln gewährleistet wird.

Christen dürfen nicht aus ihrer Heimat verschwinden, während die Welt zusieht. Ihre Kirchen sind keine Ziele. Ihr Glaube ist kein Verbrechen. Und ihre Zukunft darf nicht von leeren Versprechen abhängen.

Jordanien zeigt, wie persönliche Anteilnahme aussehen kann. Syrien muss beweisen, dass der Schutz von Christen mehr ist als ein Versprechen. Ahmad al-Schar‘a trägt dafür politische Mitverantwortung.

Sichtbarkeit ist Überleben. Schutz ist Verantwortung. Schweigen darf niemals zur Antwort auf Verfolgung werden.

Zu den Autoren: Charli Kanoun ist Vorsitzender, Assyrischer Kulturverein e. V. Saarlouis. Majed Bahi leitet die Assyrische Autonomie Bewegung e. V. Deutschland

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5 Kommentare

  1. Da kann man nur zustimmen. Hinzuzufügen wäre noch : auch wenn in Jerusalem mitunter ein paar Meschuggene christliche Pilger anspucken – was nicht schön, aber auch nicht tödlich ist -, sind Christen in Israel weitaus sicherer als in den umliegenden Ortschaften…, was immer Pizzaballa dazu von sich gibt.

  2. Alles richtig, Christen werden drangsaliert, verfolgt. Fortschrittlich sind wohl die muslimischen Staaten, in denen sie nicht lediglich ermordet werden. Der Syrische Staatschef ist indiskutabel. Sein kultureller Stand ist mittelalterlich. Das Symphonieorchester Damaskus durfte aus sittlichen Gründen nicht spielen, mittlerweile dürfen sie auftreten, soweit mir bekannt ist. Wohl eine Gratwanderung. Vielleicht trägt Beethoven ja doch zur Verlotterung der guten Sitten bei?
    Deutschland braucht Beziehungen zu Syrien, da hier der Asylgrund für Syrer weggefallen ist.

  3. Es ist schön, dass der jordanische König, die durch einen Anschlag verletzten Christen im Krankenhaus besucht hat.

  4. Die Christenverfolgung im Nahen Osten nimmt zu. Unter der Führung eines Dschihadisten, wenn wundert es? Ein Islamist von Al-Kaida im Anzug, der international empfangen und hofiert wird. Deutschland hat wohl enorme Summen in diesen islamistischen Staat gesteckt. Zuerst wurden die Alawiten massakriert, dann die Drusen, die Kurden und jetzt die Christen… und das Geld aus Deutschland und Europa fließt wie in Gaza, wohl eher in die Terrororganisation als sonst wohin, richtig? Wo bleibt der Aufschrei Deutschlands und Europas, das Juden, Christen und andere „indigene Minderheiten“ bedroht, benachteiligt, abgeschlachtet und ermordet werden?
    Stattdessen belohnen wir ein Terrorregime mit unserem Geld für ihre bestialischen Taten.
    Einzig die Drusen stehen unter dem Schutz Israels und wollen zu Israel gehören. Mehr als verständlich… Der islamistische Terror erhebt weltweit sein häßliches Haupt, zur „globalen Intifada“ und den damit verbundenen „friedlichen“ Demonstrationen, indem jüdische Synagogen, Geschäfte und Häuser zerstört, geplündert und in Brand gesetzt werden, während die moslemischen Geschäfte verschont bleiben… wo bleibt der Aufschrei, die Konsequenzen, die längst überfälligen Abschiebungen durchzusetzen? Täter werden, wenn überhaupt kurzzeitig festgesetzt und dürfen dann wieder in die Freiheit, um weiterhin ihr Unwesen zu treiben…
    Das einzige Land, wo Minderheiten, Religionen wirklich geschützt sind, ist, zumindest im Nahen Osten, ISRAEL.
    In allen anderen Erdteilen herrscht eun Klima der Angst, Bedrängnis und Unterdrückung…

  5. Wenn an der Spitze eines Landes ein
    Ex-El Qaida-Terrorist steht, ist sichtbarer Schutz von Minderheiten sehr unsicher. Das hat man bei den Drusen gesehen und man sieht es an den Alawiten, Kurden und Christen, die allesamt am Versprechen von Al Scharaa zweifeln. Und noch immer zweifle ich an seiner Wandlung. Ich beurteile Menschen mehr nach ihren Taten, als an ihrer Absichtserklärung.
    Auch wir in Europa sind vor linksradikalen und islamistischen Übergriffen an Kirchen durch Brandanschlägen nicht verschont. Insofern bin ich dankbar, dass wir unser Christsein hier ohne Verfolgung leben dürfen. Open doors zeigt immer wieder, dass das nicht selbstverständlich für andere Länder ist. 🙏

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