Meinung

Israel als militärischer Partner Deutschlands

Mit dem Ausbau der Zusammenarbeit mit Israel will Berlin seine militärische Handlungsfähigkeit schneller stärken. Diese Annäherung trägt zur europäischen Sicherheit bei, macht aber auch unterschiedliche Vorstellungen der Staaten deutlich.
Von Israelnetz
Offizielle Übergabe: Deutschland nimmt das Abwehrsystem Arrow 3 in Empfang

Die militärische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Israel erreicht eine neue Stufe. Sie beschränkt sich nicht mehr auf Rüstungsgeschäfte, den Austausch von Offizieren oder gelegentliche gemeinsame Übungen. Sie umfasst inzwischen die Entwicklung landmilitärischer Fähigkeiten, Doktrin, Ausbildung, Raketenabwehr und Cybersicherheit.

Am 20. Februar 2026 unterzeichneten Generalleutnant Christian Freuding, Inspekteur des deutschen Heeres, und Generalmajor Nadav Lotan, Kommandeur der israelischen Landstreitkräfte, ein Abkommen, das die Zusammenarbeit in mehreren dieser Bereiche regelt. Die israelische Mitteilung bestätigt zudem, dass während des Besuchs Erkenntnisse und Lehren aus dem Krieg vorgestellt wurden.

Diese Annäherung geht über die historische Beziehung zwischen beiden Ländern hinaus. Sie entspricht einem konkreten deutschen Bedarf: finanzielle und industrielle Ressourcen in tatsächlich einsetzbare militärische Fähigkeiten umzusetzen.

Für Israel eröffnet sie eine zusätzliche Perspektive: durch seine Technologien und Erfahrungen einen Platz in der europäischen Sicherheitsarchitektur einzunehmen, ohne der Europäischen Union oder der NATO anzugehören.

Berlin sucht operative Wirksamkeit

Deutschland kann Ausrüstung beschaffen und seine Verteidigungsausgaben erhöhen. Ausgebildetes Personal, einsatzbereite Verbände und die erforderlichen Verfahren für den Einsatz dieser Ausrüstung lassen sich jedoch nicht sofort bereitstellen.

Die Zusammenarbeit mit Israel soll helfen, einen Teil dieser Lücke zu schließen. Das Abkommen vom Februar umfasst Doktrin, Ausbildung, Personal und Fähigkeiten. Es gibt dem Austausch zwischen beiden Heeren einen stärker strukturierten Rahmen.

Die israelische Erfahrung kann dabei einen wichtigen Beitrag leisten, muss aber an die deutschen Anforderungen angepasst werden. Eine Operation gegen bewaffnete Gruppen und der Kampf in urbanem Gelände stellen unterschiedliche Anforderungen. Hinzu kommt eine Auseinandersetzung mit einer Macht, die über umfangreiche Luftstreitkräfte, Artillerie und Mittel der elektronischen Kampfführung verfügt.

Aus israelischen Erfahrungen lässt sich deshalb keine unmittelbar anwendbare europäische Doktrin ableiten. Ihr Wert liegt vielmehr darin, welche Erkenntnisse deutsche Militärs daraus gewinnen, anhand eigener Übungen überprüfen und für die Aufgaben der Bundeswehr nutzbar machen können.

Es geht weniger um ein Vorbild, das kopiert werden soll, als um einen Lernprozess, der die Vorbereitung beschleunigen kann.

Arrow 3: Israels Beitrag zum Schutz Europas

Am deutlichsten zeigt sich diese Annäherung bei der Raketenabwehr. Am 3. Dezember 2025 erklärte die Bundeswehr die Anfangsbefähigung des aus Israel beschafften Arrow-Systems. Das gemeinsam mit den Vereinigten Staaten entwickelte System ermöglicht das Abfangen ballistischer Raketen in sehr großer Höhe, insbesondere außerhalb der Erdatmosphäre. Nach Angaben der Bundeswehr ist es in die Führungsarchitekturen und Sensorverbünde der NATO eingebunden.

Damit wird israelische Technologie zu einem Bestandteil des deutschen Schutzes und der Bündnisverteidigung. Die politische Bedeutung dieses Wandels ist beträchtlich: Israel trägt materiell zu einer strategischen Fähigkeit Europas bei.

Dieser Beitrag muss allerdings präzise eingeordnet werden. Die Anfangsbefähigung bezeichnet einen ersten Betriebszustand mit noch begrenzten Mitteln, nicht den Abschluss des gesamten Aufbaus. Arrow bildet zudem eine obere Abfangschicht. Es ergänzt Systeme wie Patriot und IRIS-T, ersetzt aber nicht die Abwehr sämtlicher Bedrohungen aus der Luft.

Israel liefert somit eine wichtige spezifische Fähigkeit. Es wird dadurch jedoch nicht zum militärischen Garanten Europas.

Deutschland ist nicht die Europäische Union

Diese Unterscheidung ist für die gesamte Analyse entscheidend. Deutsche Beschaffungen beruhen auf nationalen Entscheidungen. Die Abkommen zwischen Berlin und Israel sind bilateral. Ihr Nutzen kann über Deutschlands Grenzen hinausreichen, begründet aber noch keine gemeinsame Politik der Europäischen Union gegenüber Israel.

Die EU unterstützt die Verteidigungsindustrie, gemeinsame Beschaffungen sowie zivile und militärische Missionen, die auf den von ihren Mitgliedstaaten bereitgestellten Mitteln beruhen. Für die 23 EU-Staaten, die zugleich NATO-Mitglieder sind, bleibt die Allianz die Grundlage der kollektiven Verteidigung.

Drei Ebenen bestehen damit nebeneinander: die militärische Souveränität der Staaten, die europäische Koordinierung und die Organisation der Bündnisverteidigung.

Israel kann zu bestimmten Fähigkeiten innerhalb dieses Gefüges beitragen, ohne an dessen politischen Entscheidungen beteiligt zu sein. Technologie zu liefern, Soldaten auszubilden und an einem Schutzverbund mitzuwirken, verleiht keine Entscheidungsgewalt über den Einsatz der Streitkräfte.

Unterschiedliche europäische Prioritäten

Die Luftverteidigung veranschaulicht die Unterschiede zwischen den großen europäischen Staaten.

Deutschland hat sich für Arrow entschieden, um ballistische Raketen in sehr großer Höhe abfangen zu können. Frankreich und Italien entwickeln gemeinsam das SAMP/T NG. Hersteller ist Eurosam, ein Zusammenschluss von MBDA France, MBDA Italia und Thales. Dieses Mittelstreckensystem verfügt ebenfalls über Fähigkeiten zur Abwehr ballistischer Raketen, deckt jedoch einen anderen Abfangbereich als Arrow ab.

Diese Entscheidungen dürfen deshalb nicht auf einen Wettbewerb zwischen austauschbaren Systemen reduziert werden. Sie machen dennoch unterschiedliche industrielle und strategische Prioritäten sichtbar.

Der Kauf einer bereits verfügbaren ausländischen Fähigkeit kann eine Schutzlücke schneller schließen. Die Entwicklung eines europäischen Systems erlaubt es dagegen, mehr Kontrolle über Produktion, Weiterentwicklung und langfristige Versorgung zu behalten.

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Die Abwägung betrifft Zeit, Kosten, Leistungsfähigkeit und künftige Handlungsfreiheit. Eine heute wirksame Beschaffung kann zugleich einen dauerhaften Bedarf an Wartung, Ersatzteilen und Zusammenarbeit mit dem Lieferanten schaffen.

Militärische Autonomie bemisst sich daher nicht allein am Besitz eines Waffensystems. Sie hängt auch davon ab, ob ein Staat es instand halten, anpassen und einsetzen kann, wenn sich die politischen Bedingungen verändern.

Aufrüstung finanzieren heißt noch nicht, sie verwirklichen

Deutschland hat sich zusätzlichen finanziellen Spielraum verschafft. Mit der Reform vom März 2025 wurden Verteidigungsausgaben oberhalb von einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts von der Berechnung der verfassungsrechtlichen Schuldenbremse ausgenommen. Dadurch wird es leichter, die Aufrüstung durch Kredite zu finanzieren.

Diese Entscheidung lockert eine nationale Haushaltsbeschränkung. Sie beseitigt weder die Zinslast noch Produktionsfristen oder Schwierigkeiten bei der Personalgewinnung.

Zwischen der Ankündigung zusätzlicher Ausgaben und der Verfügbarkeit eines einsatzbereiten Verbandes liegen Bestellungen, Lieferungen, Ausbildung, die Integration der Ausrüstung und der Aufbau von Vorräten.

Die Zusammenarbeit mit Israel kann dazu beitragen, einzelne Schritte zu beschleunigen. Sie entbindet Berlin aber nicht davon, die personellen und industriellen Voraussetzungen für einen dauerhaft tragfähigen Verteidigungsaufbau zu schaffen.

Hier wird sich Deutschlands tatsächliche militärische Stellung in Europa entscheiden: an seiner Fähigkeit, Haushaltsmittel und Abkommen in verfügbare Kräfte umzusetzen.

Gefragter Partner mit begrenztem Zugang zu europäischen Instrumenten

Die Europäische Union verfolgt zugleich ein industriepolitisches Ziel. Das Instrument SAFE sieht Kredite von bis zu 150 Milliarden Euro zur Unterstützung gemeinsamer Beschaffungen vor. Nach seinen Regeln dürfen Komponenten aus Ländern außerhalb der EU, der EWR-EFTA-Staaten und der Ukraine grundsätzlich höchstens 35 Prozent der geschätzten Komponentenkosten ausmachen.

Das ist kein allgemeines Verbot, israelische Ausrüstung zu kaufen. Diese Bedingungen regeln den Zugang zu einem bestimmten Finanzierungsinstrument. Sie zeigen jedoch, dass die militärische Leistungsfähigkeit eines Produkts allein nicht ausreicht, um seine Förderfähigkeit in sämtlichen europäischen Programmen sicherzustellen.

Israel kann somit ein bevorzugter Partner Deutschlands sein und zugleich in der Industriepolitik der Union nur unter bestimmten Voraussetzungen zum Zuge kommen.

Dieselbe Genauigkeit ist bei der Cybersicherheit erforderlich. Die Bundesregierung bestätigte den im Januar unterzeichneten Pakt, erklärte aber noch am 14. Januar, dass es sich um eine Absichtserklärung handele, deren Einzelheiten anschließend ausgearbeitet würden. Ein angekündigtes Abkommen darf nicht mit einem vollständig funktionsfähigen System gleichgesetzt werden.

Zeit als entscheidender Faktor europäischer Autonomie

Die deutsch-israelische Annäherung macht letztlich ein zentrales Spannungsverhältnis der europäischen Aufrüstung sichtbar. Die Staaten müssen ihren Schutz rasch verbessern. Zugleich wollen sie die Kontrolle über ihre Verteidigung behalten. Beide Ziele können einander ergänzen, lassen sich aber nicht immer im selben Zeitrahmen verwirklichen.

Israel bietet Deutschland bestimmte verfügbare Technologien und Erkenntnisse, die seine militärische Vorbereitung beschleunigen können. Dieser Beitrag verschafft Israel einen greifbaren Platz in der europäischen Sicherheit. Er beseitigt jedoch weder die Unterschiede zwischen den Regierungen, noch garantiert er deren politische Übereinstimmung.

Europa wird solche Partnerschaften an ihren Ergebnissen messen müssen: an gelieferten Fähigkeiten, ausgebildeten Verbänden, integrierten Systemen und gewahrter Freiheit beim Einsatz.

Militärische Stärke bemisst sich auch an der Zeit, die benötigt wird, um handlungsfähig zu werden. Europas Aufgabe besteht darin, diese Zeit zu verkürzen, ohne seine Autonomie von morgen aufs Spiel zu setzen.

Von: Francis Moritz

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4 Kommentare

  1. Wieder ein hochinteressanter Beitrag von Francis Moritz. Mir fiel dabei die Bemerkung eines hohen Bundeswehroffiziers ein „die Israelis können’s halt“. Ohne eine Spezialistin für militärische Ausrüstung zu sein – dafür haben wir unseren Mitforisten Klaus – denke ich, dass Deutschland gute Gründe hat, eng militärisch mit Israel zusammen zu arbeiten, nicht nur militärische, sondern auch politische, gerade auch gegenüber Frankreich. Sollte – was der Himmel verhüten möge – Deutschland von Russland angegriffen werden, wird Frankreich keinen Finger rühren. Womit auch ? Eine Atombombe auf Moskau ? Eher nicht.

    1. Nur wenn die Linke an die Macht kommt. Die AfD ist sicherlich außenpolitìsch ein totaler Kopfschuss, aber in puncto Israel wäre Kontinuität angesagt.

  2. Iron Dome für Deutschland, deutsche U-Boote mit atomwaffenfähigen Fasziliäten für Israel. So sieht Partnerschaft aus. United we stand, devided we fall.

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