Meinung

Fotobuch mit „Liebe zu Jerusalem“

Jerusalem ist ein internationaler Schmelztiegel von Menschen aus vielen verschiedenen Kulturen. Das kann man gut auf den Fotos des israelischen Straßenfotografen Sharon Gabay sehen, der selbst aus Jerusalem stammt.
Von Jörn Schumacher

Der Ausdruck „Jerusalemit“ für einen Bewohner Jerusalems ist im Deutschen kaum gebräuchlich. Was im Englischen schon eher ein Begriff ist, wirkt auf Deutsch fast wie eine Mischung aus „Jerusalemer“ und „Semit“. Auf Hebräisch heißt der Ausdruck „Jeruschalmi“. „Jerusalemites“ ist der Titel des Fotobuches des israelischen Fotografen Sharon Gabay. Er sei selbst in Jerusalem geboren, seine Familie lebt seit mehreren Generationen dort. Seit über zwei Jahrzehnten ist er als Fotograf tätig, vor allem in Israel.

Sein neuer Bildband enthält Fotos aus Jerusalem, die er zwischen 2011 und 2026 anfertigte. Entstanden seien sie „in einem fortlaufenden Prozess aus Tausenden von Stunden des Gehens, Beobachtens und Wartens“, sagte Gabay anlässlich der Veröffentlichung. Es sei „der Versuch, ein menschliches Archiv einer Stadt zu schaffen, die sich wandelt und doch gleich bleibt“.

Üblicherweise werde Jerusalem anhand seiner Steine beschrieben: der Klagemauer, der Kirchtürme, der Stadtmauern; hier aber stehen die Menschen im Vordergrund. Die Kamera sei dabei ausschließlich Beobachtungsinstrument, betont der Fotograf. „Sie will weder urteilen noch beschönigen. Sie dokumentiert zufällige Augenblicke, Schönheit und Schmerz nebeneinander. Dies ist Jerusalem ungeschminkt.“

Vom Hippie-Juden über Nonnen bis hin zu palästinensischen Mädchen

Diese Stadt war noch vor einigen Jahrzehnten ein verschlafenes Kaff, heute ist es die Hauptstadt eines Landes, das geprägt ist von den großen Weltreligionen, von internationalen politischen Spannungen und inneren sozialen Spaltungen. Und so sehen wir immer wieder Vertreter der drei großen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Wer Straßenfotografie in Jerusalem betreibt, wird ohne Religion nicht weit kommen … In anderen Städten würde es wahrscheinlich mehr um die Architektur gehen. Die blendet Gabay – bis auf die eine oder andere Schwarz-Weiß-Aufnahme – fast vollständig aus.

Da ist ein Hippie-Jude mit Gitarre; vor einem Stadttor in der Altstadt gehen gläubige Juden neben zwei Nonnen an einem muslimischen Verkäufer vorbei; da sind die obligatorischen Harfenspieler im Jaffator, und da sind vergnügte junge muslimische Frauen vor mehreren Israel-Fahnen. Eine offenbar jüdische Frau mit einem blauen Tuch um den Kopf gewickelt erinnert ein wenig an das Mädchen mit dem Perlenohrring von Vermeer.

Häufig stellt der Fotograf ähnliche, aber im Detail dann eben doch sehr unterschiedliche Motive gegenüber. Da ist ein Moslem in einer ähnlichen Pose zu sehen wie ein Jude, eine knapp bekleidete junge Frau stellt er neben eine aus religiösen Gründen verhüllte Frau. Oft greift sich Gabay nur eine bestimmte Farbe heraus, die auf beiden Fotos hervorsticht – das Blau des Müllsacks etwa und das Blau des Kleides eines jungen Mädchens. Einen in rot gekleideten Bettler stellt Gabay neben das Foto einer jungen Frau in einem fast ebenso roten Kleid. Nonnen stellt er neben das Foto von bauchfreien jungen Mädchen.

Foto: © Sharon Gabay
Zwischen dem Kopten und dem Juden an der Klagemauer gibt es Ähnlichkeit

Der Jude vor der Klagemauer unterscheidet sich optisch gar nicht so sehr von dem koptischen Christen, der ebenfalls vor einer Mauer steht. Diese Technik hat Gabay sicher nicht erfunden, sie ist in Fotobüchern weit verbreitet. Hier funktioniert sie aber trotzdem ganz gut – zumal Jerusalem nun einmal klassischerweise eine Stadt der (kulturellen) Gegensätze ist. Zudem ist auffällig: Es scheinen in der Tat hauptsächlich Jerusalemer Bürger zu sein. Touristen sind offenbar eher weniger vertreten.

Konflikte tauchen nicht auf

Insgesamt drücken die Fotos ein entspanntes Leben in Jerusalem aus. Von Konflikten oder gar interreligiösem Hass ist nichts zu sehen. Sogar die beiden israelischen Soldatinnen lächeln freundlich in Gabays Kamera. Es sind aber durchaus nicht immer die Vorzeige-Ecken Jerusalems, die Gabay abbildet. Immer wieder sind auch arme Menschen oder Bettler zu sehen oder solche, die auf dem Boden liegen – vielleicht, weil sie betrunken oder erschöpft sind.

Leider gibt es zu den Fotos keine erklärenden Texte, nicht einmal das Datum der Aufnahme. Der Herausgeber lässt die Bilder vollständig für sich selbst sprechen. Er sei „begeistert, beeindruckt und tief bewegt“ von den Aufnahmen, ließ der israelische Staatspräsident Jitzchak Herzog den Fotografen wissen, dessen Buch in der „Library of Congress“ in Washington D.C. und in der Nationalbibliothek Israels liegt, und vom ANU-Museum des jüdischen Volkes in Tel Aviv 1.000 Exemplare erworben hat.

Es gab zudem bereits eine Wanderausstellung zum Buch. Dieses spiegele „einen seltenen und facettenreichen menschlichen Reichtum wider, wie ihn nur Jerusalem in seinen Straßen und Gassen bieten kann“, schrieb Herzog in einem Brief an den Fotografen. Aus den Fotos spreche eine „Liebe zu Jerusalem“. Damit hat er in der Tat Recht.

Foto: © Sharon Gabay
Der Fotograf Gabay bei der Vorstellung seines Buches im muslimischen Viertel der Jerusalemer Altstadt

Das Buch ist im Selbstverlag erschienen und wird vorerst leider ausschließlich über die Website des Fotografen (sharongabay.com) verkauft. Von der ersten Auflage mit 2.000 Exemplaren sind nur noch weniger als hundert signierte und nummerierte Exemplare erhältlich, teilt der Autor mit. Ein Exemplar kostet 165 US-Dollar, zuzüglich Versand weltweit per DHL Express. Eine zweite Auflage sei in Vorbereitung.

Sharon Gabay: „Jerusalemites“, Fotobuch über die Menschen Jerusalems, 2026, 300 Fotografien, 304 Seiten, ISBN: 978-965-5977-87-5, limitierte Auflage von 2.000 Stück, zu beziehen über den Autor beziehungsweise die Website.

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