Rabbi Raichik und die Rettung der Kinder von Tschernobyl

Nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl vor 40 Jahren brachte Rabbi Yossie Raichik Tausende ukrainischer Kinder zur Behandlung nach Israel. Dafür gründete er die Organisation „Chabad’s Children of Chernobyl“.
Von Israelnetz

Vor 230 Jahren erschien das Buch Tanja von Rabbiner Schneur Salman von Liadi (1745–1813). Sein aramäischer Titel bedeutet: „Wir haben gelernt“. Der Autor war als „Alter Rebbe“ bekannt und Begründer des Chabad-Zweiges der im 18. Jahrhundert in Osteuropa entstandenen jüdischen Frömmigkeitsbewegung des Chassidismus.

Bei dem Buch handelt es sich um das „grundlegende Werk der Chabad-Philosophie und -Lebensart“, wie es der letzte Rebbe der Lubawitscher, Menachem Mendel Schneerson (1902–1994), charakterisierte. Lubawitscher werden die Anhänger der Chabad-Bewegung nach dem belarussischen Wohnort ihres zweiten Rebben genannt.

Bibel und Kabbala

Das Buch enthält zahllose Referenzen aus dem Tanach (der Hebräischen Bibel) und dem Talmud – der kanonischen Zusammenstellung der „mündlichen Lehre“ des Judentums. Hinzu kommen Elemente aus der lurianischen Kabbala. So heißt die Spätform der mystischen Theologie des Judentums nach dem Meister Isaak Luria (1534–1572).

Zum im Tanja zusammengefassten philosophischen System der Chabad-Strömung gehört die Betonung des Vorzuges des Gebotes (Mizwa) der Wohltätigkeit (Zedaka) über alle übrigen Gebote:

„Mit einem einzigen Akt der Wohltätigkeit hebt der Mensch einen großen Teil der belebenden Seele empor; mehr von ihren Kräften und Aspekten, als er durch die Ausführung mehrerer anderer praktischer Gebote emporheben könnte“ (Tanja, Likkutej Amarim, Kapitel 37).

Gelebte Wohltätigkeit

Ein praktisches Beispiel für gelebte Wohltätigkeit gab die Chabad-Bewegung nach dem Atomunfall von Tschernobyl in der Ukraine vor 40 Jahren. Am 26. April 1986 (Ortszeit) war bei einem missglückten Sicherheitstest im damaligen sowjetischen Kernkraftwerk der Reaktorblock 4 explodiert. Radioaktiver Staub verbreitete sich in Europa. Tschernobyl und die Umgebung wurden kontaminiert.

Auf Geheiß des Lubawitscher Rebben gründete Rabbiner Yossie Raichik (1953–2008) die Organisation Chabad’s Children of Chernobyl (CCOC). Mit dieser charterte er Flugzeuge, um unter den strahlungsbedingten Spätfolgen leidende ukrainische Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren per Luftbrücke nach Israel zu evakuieren. Dort wurden die Kinder im Dorf Kfar Chabad, dem israelischen Zentrum der Chabad-Bewegung, in speziellen Unterkünften untergebracht und medizinisch behandelt.

Von ihrer Gründung im Jahre 1990 bis zu Rabbi Raichiks Tod im Jahre 2008 brachte die Organisation Chabad’s Children of Chernobyl 2.562 Kinder aus der Umgebung von Tschernobyl nach Israel. Der letzte dieser 82 Rettungsflüge fand an Rabbi Raichiks Sterbetag statt.

Um die notwendigen Mittel für das Wohlergehen der Kinder in Kfar Chabad zu beschaffen, reiste Rabbi Raichik um die ganze Welt. Mit seinem vom Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) anerkannten sowie von Hollywood-Filmemachern, Politikern und Juden weltweit unterstützten Projekt schrieb er ein besonderes Kapitel der Geschichte jüdischer Hilfsbereitschaft. Sein Projekt lief nach seinem Tod weiter. Es endete erst mit dem 100. Rettungsflug am 1. Juli 2015, mit dem die letzten 15 der insgesamt 2.878 geretteten Kinder nach Israel gebracht wurden.

Von: Thomas Tews

Thomas Tews ist Kulturwissenschaftler und freier Mitarbeiter der Landeszentrale für politische Bildung (LpB) Baden-Württemberg für das Angebot „Nie wieder! Ein Projekttag gegen Antisemitismus“.

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Ein Kommentar

  1. Es freut mich, dass Kinder aus Tschernobyl zur Krebsbehandlung nach Israel geflogen worden sind. Als ich noch in der Großstadt gewohnt habe, wurden Gasteltern für Kinder aus Tschnernobyl gesucht. Leider konnten wir aus Platzgründen nicht helfen. Andere Hilfsmlglichkeiten wurden leider nicht gesucht.

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