WETZLAR (inn) – Chaos herrscht in der Familie und im Leben von Amira Altman. Auch deshalb trägt der Roman von Mirna Funk den Titel „Balagan“ – eine hebräische Bezeichnung für „Durcheinander“. Am Samstag hat ihn die deutsch-israelische Autorin auf dem Literaturfestival im mittelhessischen Wetzlar vorgestellt.
Das Buch spielt im Jahr 2024. Amira hat mit ihrem Online-Magazin „Love me later“ (Liebe mich später) keinen Erfolg, denn der Markt ist zusammengebrochen. In der Partnerschaft hat die 32-Jährige auch Pech. Ihr Vater hat sich das Leben genommen. Die Mutter wanderte nach Israel aus, als Amira 18 war. Dort hat sie ihren 20 Jahre jüngeren Yoga-Lehrer geheiratet.
Am ersten Abend des jüdischen Pessach-Festes, dem Seder, versammelt sich die Familie um Amiras 102-jährigen Großvater Max Altman in Berlin. Für Amira ist er nach dem Tod ihres Vaters eine wichtige Bezugsperson. Die Familienmitglieder sind sehr unterschiedlich. Ein Teilnehmer der Zeremonie hat sich dem religiösen Judentum zugewandt, andere leben säkular. Zionistische Verwandte gibt es ebenso wie pro-palästinensisch eingestellte.
Verschollen geglaubte Kunstsammlung taucht auf
Kurz nach Pessach stirbt Max Altman. Nach der Beerdigung erhält Amira einen Schlüssel zu einem unscheinbaren Lagerraum, den der Großvater in ihrem Namen gemietet hat. Dort entdeckt sie eine Gemäldesammlung, nach der ein Teil der Verwandtschaft seit Jahren fahndet. Max hat immer behauptet, sie sei verschwunden – von den Nazis gestohlen und nicht mehr auffindbar. Amira hat ihm geglaubt. Nun steht sie als vom Großvater eingesetzte Erbin vor den Bildern im Wert von 160 Millionen Euro.
Funk sagte bei der Lesung, sie habe ein Buch über eine Fantasie schreiben wollen, „die alle Menschen kennen“. Und zwar in einer Zeit, in der nichts laufe: „Partner weg, Job weg, Dispo ausgereizt“ – Amira habe viele Schulden. Da entstehe der Wunsch, „sofort aus diesem tiefen Loch herauszukommen“ – durch die Entdeckung eines Geldkoffers etwa, durch einen Anruf oder einen Lottogewinn. Amira habe aus dem Tal hinauskatapultiert werden sollen.
„Gleichzeitig sind Dinge nie nur gut und nie nur schön“, fügte sie hinzu und verwies auf den Buchtitel „Balagan“. Amira fühle sich belogen und betrogen vom Großvater: „Warum hat er die Sammlung versteckt? Warum hat er sie ihr vermacht?“, frage sie sich. „Amira muss zu der Person werden, die in der Lage ist, die Verantwortung zu übernehmen, mit dieser Sammlung umzugehen.“
In einem ersten Schritt verscherbelt sie ein Bild und genießt ein wenig das Leben, wie es viele in ihrer Lage tun würden. Doch dann muss sie sich den Anfeindungen der Familie stellen, in der sie immer das schwarze Schaf war und nur durch den Großvater integriert wurde. Es werde eine lange Reise, auch ein Mord müsse aufgeklärt werden, sagte die Schriftstellerin. Amira recherchiert auch in Israel.
Jüdische Familie aus der DDR abbilden
Nach eigener Aussage wollte die in Ost-Berlin geborene Autorin ein realistisches Bild einer jüdischen Familie aus der DDR zeigen, mit ihren unterschiedlichen Charakteren. Mit der Vorarbeit für den Roman begann sie 2021, im darauffolgenden Jahr ging es richtig los. Sie schrieb die ersten 100 Seiten.
Doch das Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 bremste sie aus. Zuerst habe sie überhaupt nicht weiterschreiben können. Dann habe sie Amiras Zeit parallel zum jeweils aktuellen Geschehen laufen lassen, erzählte die 45-Jährige im Gespräch mit Israelnetz. Die bereits vorhandenen Seiten habe sie angepasst. Sie habe die Gefühle, Erlebnisse und Empfindungen jener Zeit einbringen wollen. Die Handlung endet im Dezember 2024.
Und so kommt das Gedenken an die damals noch in der Macht der Terroristen befindlichen Geiseln ebenso vor wie pro-palästinensische Kundgebungen. Auf einer Autofahrt durch Berlin sieht Amira den roten Schriftzug „Free Palestine“, neben den jemand in schwarzer Farbe „from Hamas“ geschrieben hat – dies wiederum wurde grün durchgestrichen und durch „Apartheid“ ersetzt. Sie bezieht die Worte auf sich und ihre Familie.
Denn Amiras Großvater hat einen Teil seines Vermögens den Israelischen Verteidigungsstreitkräften vermacht. Das bringt eine Verwandte, Alice, ins Nachdenken: Kann sie ihren Anteil mit gutem Gewissen annehmen, während ihre Peer-Group wegen des Gazakrieges an einer Sitzblockade vor der Humboldt-Universität teilnimmt? Sie entscheidet sich dafür, die Hälfte des Geldes an eine pro-palästinensische Organisation zu spenden.
Humor kommt nicht zu kurz
Bei allen Verwicklungen und dem harten Kampf um das Erbe kommt Humor in dem Roman nicht zu kurz. Die Einsamkeit „sitzt neben Amira auf dem Beifahrersitz“, als sie zu dem Lagerraum fährt. Nach der Entdeckung der Kunstsammlung macht sie ein Selfie mit einem Selbstportrait des Malers Max Liebermann.
Im Roman kommen logischerweise hebräische Ausdrücke vor. Dazu gehören „Afikoman“ – ein Stück Matze, das am Sederabend versteckt wird – oder „Maror“, die bitteren Kräuter. Sie werden in dem Buch nicht erklärt. Damit will Funk den Leser dazu bringen, sich aktiv mit einem unbekannten Begriff zu beschäftigen.
Veranstalter der Lesung waren der Kulturförderring Wetzlar und die AG Gießen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.
Ein Kommentar
Es freut mich, dass Mirna Funk ihren Roman Im Chaos eines Millionenerbes erfolgreich vorgelesen hat. Es ist auch schön, dass der Roman in der Gegenwart spielt. Ich selbst habe vor ein paar Jahren angefangen kurze Texte zu schreiben. Musste aber aus Zeitmangel wieder aufhören. Hoffentlich wird ihr Buch erfolgreich.